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Das Defizit wächst von Jahr zu Jahr – mittlerweile bestätigen Mitglieder des Kreistages, dass es in diesem Jahr um Verluste in Höhe von 60 Millionen Euro gehen könnte.
Aalen. Das Klinikdefizit wird immer größer. Wie mittlerweile bekannt wurde, rechnet man in der Vorstandschaft der Kliniken Ostalb damit, dass sich die Verluste zum Jahresende auf 60 Millionen Euro summieren werden. Dies bestätigten mehrere Kreisrätinnen und Kreisräte, die diese Information nicht-öffentlich erhalten hatten.
Die offizielle Sprechart ist knapp einen Monat vor der Kommunalwahl anders: „Für 2024 liegt derzeit noch keine abschließende und belastbare Prognose vor, wir rechnen jedoch noch nicht mit signifikanten Verbesserungen im Vergleich zum Vorjahr, sondern dass wir uns in einer ähnlichen Größenordnung bewegen werden“, erklärt Kliniken-Sprecher Ralf Mergenthaler. Hintergrund: Das Defizit für das vergangene Jahr beträgt circa 39 Millionen Euro. Darin enthalten sind allerdings „positive Einmaleffekte“ von rund 15 Millionen Euro – unter anderem etwa für „außerordentliche Energiehilfen“. Diese wird es in 2024 nicht mehr geben. Rechnet man diese Energiehilfen heraus, dann hätte der operative Verlust schon im vergangenen Jahr rund 54 Millionen Euro betragen. Die 60 Millionen bestätigt Mergenthaler nicht.
Kliniken Ostalb in extrem schwieriger Lage
Diese Zahlen belegen aus Sicht der Klinikverwaltung, „dass sich die Kliniken Ostalb wie die gesamte deutsche Krankenhauslandschaft in einer extrem schwierigen Lage befinden“. Dass das Defizit im Vergleich zu früheren Prognosen weiter angestiegen ist, liege „nicht zuletzt an der strukturellen Unterfinanzierung im deutschen Krankenhaussystem“, so lautet die Begründung. „Steigende Einkaufspreise sowie Tariflohnerhöhungen treiben die Kosten weiter in die Höhe“, erläutert Mergenthaler. Hinzu komme, dass die Patientenzahlen seit Corona flächendeckend um durchschnittlich zwölf Prozent zurückgegangen seien. Die Bundespolitik sei „weiterhin nicht bereit, dieses strukturelle Defizit, unter dem die Krankenhäuser im ganzen Land leiden, auszugleichen“, klagt Mergenthaler. Seinen Angaben zufolge schreiben mittlerweile 80 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland rote Zahlen. Dies belegten Zahlen der Deutschen Krankenhausgesellschaft.
Kliniken Ostalb ergreifen Sofortmaßnahmen
Allerdings ist aus der Mitte des Kreistages zu erfahren, dass es notwendige Strukturveränderungen im Ostalbkreis bislang noch nicht umgesetzt seien. Von den 60 Millionen an Verlusten seien „20 Millionen hausgemacht“, so sei es den Mitgliedern des Klinikausschusses berichtet worden, sagen Kreisräte. Mergenthaler hält dem entgegen, dass die Kliniken Ostalb „verschiedene Sofortmaßnahmen“ ergriffen hätten, um der negativen Entwicklung entgegenzuwirken. So würden derzeit „sämtliche Verträge auf den Prüfstand gestellt, der Einkauf komplett zentral neu aufgestellt und Personaleinstellungen nur bei absoluter Notwendigkeit vorgenommen“. Derartige Einzelmaßnahmen würden aber „nicht annähernd ausreichen, um die Kliniken Ostalb wirtschaftlich tragfähig aufzustellen“, räumt Mergenthaler aber ein. Die Kliniken Ostalb müssten sich „grundlegend neu aufstellen“. Weitreichende Veränderungen „und auch schmerzhafte Einschnitte“ seien unausweichlich.
Kliniken Ostalb stehen vor großen Herausforderungen
Die Notwendigkeit zur Neuaufstellung ist aber „nicht nur dem finanziellen Druck geschuldet“. Der zunehmende Personalmangel sowie strenger werdende gesetzliche Qualitäts- und Mengenvorgaben führten dazu, „dass wir insbesondere an kleineren Standorten Leistungen nicht mehr erbringen können oder dürfen“. Hinzu kämen „interne Herausforderungen“ wie „nicht mehr zeitgemäße Strukturen und ineffiziente Prozesse“, so der Kliniksprecher.
Mergenthaler wird konkreter: „Derzeit bieten wir in unseren drei Krankenhäusern zahlreiche Leistungen doppelt oder gar dreifach an.“ Dies bedeute in der Konsequenz, „dass wir die benötigte Infrastruktur und das benötigte Personal doppelt oder dreifach vorhalten müssen“. Dies sei nicht nur kostspielig, „sondern immer weniger möglich“: Einerseits erhöhe der Gesetzgeber die Anforderungen an das Personal und die zu erbringende Mindestfallzahl, damit ein Krankenhaus eine Leistung überhaupt erbringen darf. Andererseits werde das qualifizierte Personal „immer knapper“ – und die Fallzahlen in kleineren Abteilungen gingen zurück. Fazit: „Die standortübergreifende Konzentration von Leistungen ist daher unumgänglich, um sie auch in Zukunft in hoher Qualität erbringen zu können.“ Ein Thema, mit dem sich der Ostalbkreis schon seit vielen Jahren abkämpft – mit bislang mäßigem Erfolg.
Krankenhausreform gibt klare Vorgaben
Genau in diese Richtung gehe die angekündigte Krankenhausreform. Spätestens diese werde dafür sorgen, „dass nicht mehr jedes Krankenhaus alles anbieten kann“. Es werde sehr klare Vorgaben dazu geben, welche Leistungen ein Haus noch erbringen darf – und welche nicht. Doch „darauf können und wollen wir in den Kliniken Ostalb nicht warten“, sagt der Kliniksprecher weiter: „Um die notwendigen Weichen für die Zukunft zu stellen, sind wir mit Hochdruck dabei, das Zukunftskonzept für die Kliniken Ostalb weiter auszuarbeiten und zu detaillieren.“ Maßgeblich für das Zukunftskonzept seien vor allem „die konkreten medizinischen Bedarfe, die gesetzlichen Qualitäts- und Mengenvorgaben sowie die knapper werdenden personellen Ressourcen“.
Drei Säulen für das Zukunftskonzept der Kliniken Ostalb
Mit der Entscheidung des Kreistags für den Neubau des Regionalversorgers in Essingen sei bereits ein „wesentlicher Schritt“ getan worden. Nun gehe es darum, das Medizinkonzept als erste Säule des Zukunftskonzepts „schnellstmöglich im Detail zu definieren und Umsetzungspläne zu erarbeiten“. Im Kern stehe dabei die Frage, „welche Leistungen wir zukünftig an welchem Standort erbringen und wie wir die Leistungen standort- und sektorenübergreifend miteinander verzahnen“. Als zweite Säule werde ein Programm aufgesetzt, „mit dem wir die Strukturen und Prozesse modernisieren und an die zukünftigen Bedarfe anpassen werden“. In der dritten Säule gehe es um „eine leistungsfähige Organisation mit einem attraktiven Arbeitsumfeld“.
Aktuelle Krankenhausversorgung der Kliniken Ostalb steht im Vordergrund
Auf dem Weg bis zur Umsetzung des Konzeptes werde es weiterhin „keine Kompromisse bei der medizinischen Versorgung aus Kostengründen geben“. Das Aufrechterhalten der hochwertigen Krankenhausversorgung im Hier und Jetzt sei „elementarer Teil der Zukunftssicherung“ und ermögliche es überhaupt erst, „das weitreichende Konzept umzusetzen“.
Zahlen stehen immer im Gesamtkontext
Zurückhaltend antwortet Mergenthaler auf Fragen nach der Wirtschaftlichkeit einzelner Bereiche. „Wir machen grundsätzlich keine Angaben zur Wirtschaftlichkeit einzelner Abteilungen, da die Zahlen immer im Gesamtkontext betrachtet und nur ganzheitlich verbessert werden können“, so Mergenthaler. Zudem seien wirtschaftliche Zahlen einzelner Abteilungen „wettbewerbssensibel“ und könnten aus dem Zusammenhang gerissen zur Verunsicherung von Mitarbeitenden und Patienten führen.
In seinem Kommentar übt Chefredakteur Constantin Blaß Kritik über die neue Defizit-Prognose.
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