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Technologiekonzern ZF Friedrichshafen hat in Deutschland massive Sparmaßnahmen geplant, investiert zugleich aber in Werke in den USA und Indien.
Friedrichshafen - Zum ersten Mal in der Geschichte des bereits 1915 gegründeten Stiftungskonzerns will der Autozulieferer ZF Friedrichshafen zwei komplette Werke schließen. Der Standort der ZF im Gelsenkirchener Stadtteil Schalke soll Ende des Jahres, das Werk im nordrhein-westfälischen Eitorf spätestens Ende 2027 geschlossen werden. Die Mitarbeiter und die Arbeitnehmervertreter laufen seit Wochen gegen die Schließungsabsicht und einen befürchteten Abbau von Arbeitsplätzen beim zweitgrößten Autozulieferer Deutschlands Sturm. Der ZF-Betriebsrat befürchtet einen drastischen Stellenabbau und stellt Forderungen an das Management.
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Während der Stiftungskonzern vom Bodensee demnach in Deutschland Kapazitäten einsparen will, wird in anderen Regionen massiv in den Ausbau der Werke investiert. ZF Friedrichshafen baut in Deutschland massiv Stellen ab und tätigt Mega-Investitionen in den USA, hieß es, nachdem der Konzern angekündigt hatte, fast 500 Millionen Euro in den Standort Gray Court im US-Bundesstaat South Carolina investieren zu wollen. In einer Pressemitteilung vom 14. Februar erklärte die ZF zudem, in der indischen Provinz Tamil Nadu ein neues Werk eröffnet zu haben, das in Zukunft ebenfalls massiv ausgebaut werden soll.
ZF Friedrichshafen will Standorte in Deutschland schließen und investiert im Ausland
Die Gründe für die Sparmaßnahmen bei der ZF Friedrichshafen im Heimatland sind vielseitig. Zum einen belasteten den schwäbischen Weltkonzern nach wie vor die hohen Schulden aus milliardenschweren Übernahmen und zum anderen erfordert die Transformation der Autoindustrie hohe Investitionen. Von der Konzernspitze hieß es, dass die Werke Schalke und Eitorf in Nordrhein-Westfalen aufgrund ausbleibender Aufträge nicht mehr wirtschaftlich seien. Für den Standort Eitorf waren zuletzt Investorengespräche gescheitert, weswegen rund 700 Mitarbeiter der ZF Friedrichshafen weiter um ihre Zukunft fürchten müssen. Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich hatte die Angaben in einem Interview mit der Schwäbischen Zeitung als „Ammenmärchen“ bezeichnet.
| Name | ZF Friedrichshafen AG |
|---|---|
| Gründungsjahr | 1915 |
| Hauptsitz | Friedrichshafen, Baden-Württemberg |
| Branche | Automobilzulieferer, Mobilitätssysteme |
| Geschäftsbereiche | Automobilzulieferer, Antriebs- und Fahrwerktechnik, E-Mobilität, Automatisierungstechnik, Industrietechnik, Nutzfahrzeugtechnik |
| Mitarbeiterzahl | 164.869 (Stand: 2022) |
| Produktionsstandorte | 168 in 32 Staaten |
| Hauptentwicklungsstandorte\t | 19 in neun Ländern |
| Umsatz | 43,8 Milliarden Euro (2022) |
| Geschäftsführung\t | Holger Klein (Vorstandsvorsitzender), Heinrich Hiesinger (Aufsichtsratsvorsitzender) |
| Anteilseigner | 93,8 Prozent Zeppelin Stiftung (Stiftungsträger ist die Stadt Friedrichshafen), 6,2 Prozent Dr. Jürgen und Irmgard Ulderup Stiftung |
In anderen Regionen, in denen der Technologiekonzern tätig ist, läuft es wirtschaftlich offenbar besser als auf dem Heimatmarkt. Laut der Mitteilung nutzt die ZF-Division Commercial Vehicle Solutions (CVS) die „globalen Wachstumschancen“, um mit dem neuen Werk in Oragadam in Indien künftig elektrische Komponenten für den indischen und globalen Markt zu produzieren. „Mit unserem Werk in Oragadam erweitern wir unser globales Produktionsnetzwerk und können auch die absehbar wachsende Nachfrage von indischen Herstellern mit einer lokalen Produktion erfüllen“, erklärt ZF-Vorstandsmitglied Peter Laier. Das Werk in Oragadam ist bereits das 19. Werk der ZF auf dem indischen Kontinent.
ZF-Mitarbeiter befürchten Stellenabbau – in den USA sollen bis zu 400 Arbeitsplätze entstehen
Dass ein global agierender Konzern in die Produktion in den großen Weltmärkten investiert, ist aus wirtschaftlicher und wohl auch politischer Sicht nachvollziehbar. Allerdings sollen durch die Erweiterung des Werkes in Gray Court, in dem sowohl konventionelle als auch elektrische Antriebstechnologien für Pkw und Nutzfahrzeuge produziert werden, auch bis zu 400 Arbeitsplätze geschaffen werden. Da das erst eröffnete Werk in Oragadam laut der Mitteilung in einer zweiten Ausbaustufe mit einer Investition von 200 Millionen Euro bis 2030 ausgebaut werden soll, ist anzunehmen, dass auch dadurch neue Stellen entstehen werden.
Für die deutschen ZF-Mitarbeiter, die seit Wochen gegen die Schließung der beiden Werke und den befürchteten Abbau von 12.000 Stellen protestieren, dürfte die Investition im Ausland ein herber Schlag sein. Sowohl auf Schalke, als auch in Eitorf, arbeiten mitunter bereits mehrere Generationen bei ZF. Dass der Weltkonzern aufgrund der vielfältigen Herausforderungen sparen muss, ist wohl unumgänglich. „Wir tragen Sparprogramme mit“, hatte Achim Dietrich erklärt. „Aber nicht, wenn der Preis für unsere Stammbelegschaft und für die Innovationskraft der ZF zu hoch ist.“
Rubriklistenbild: © ZF Friedrichshafen AG


