Chef-Urologe spricht Klartext zu den Kliniken-Plänen

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Von links nach rechts: Chefredakteur Constantin Blaß, Dr. Peter Jung und SchwäPo-Redaktionsleiter Jürgen Steck besprechen die besorgniserregenden Entwicklungen am Ellwanger Klinikum.
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Die geplanten Umzüge der Kliniken Ostalb könnten die Urologie in Gefahr bringen. Dr. Peter Jung, Chefarzt der Urologie an der Virngrundklinik Ellwangen, spricht offen über seine Bedenken und mögliche Lösungen

Aalen. Als anerkannter Urologe, der schon in mehreren Kliniken praktiziert hat, hält Dr. Peter Jung nicht hinterm Berg. Der 66-Jährige, der seit fast 25 Jahren auch Chefarzt der Urologie in der Virngrundklinik Ellwangen ist, äußerte sich bereits im Juni bei einer Kundgebung sehr kritisch zu den neuen Plänen für die Kliniken Ostalb.

Auch in einem Schreiben an die neuen Kreisrätinnen und Kreisräte machte er auf Risiken aufmerksam, die sich durch die doppelten Umzugspläne vor allem der Urologie ergeben könnten. Im Interview spricht Jung erneut Klartext, redet über Feindbilder und skizziert als deutschlandweit geschätzter Urologe, wie seine Abteilung deutlich mehr Geld einnehmen könnte.

Herr Jung, wie kommen Sie mit Christoph Rieß, seit ein paar Monaten Ihr neuer Chef bei den Kliniken Ostalb, klar?
Peter Jung: Wir hatten bisher relativ wenig Kontakt. Es gab mal ein Gespräch nach Ostern, da wollte er wissen, was wir bei der Urologie in Ellwangen so alles machen. Danach hatten wir keinen Kontakt – bis zum Zoom-Meeting Ende Juni, als die Pläne vorgestellt wurden, nach denen die Klinik in Ellwangen in der aktuellen Form keine Zukunft haben wird. Persönlich kann ich daher gar nicht sagen, ob ich mit ihm klarkomme oder nicht.

Gewachsenes Team wird auseinanderfallen

Wie ist die Stimmung in Ihrem Team?
Jung: Sehr schlecht. Wir sind ein gewachsenes Team, treten auch so auf, aber es wird auseinanderfallen, wenn die Pläne so, wie vom Landrat und Klinikvorstand gewünscht, umgesetzt werden. Viele meiner Kollegen machen sich Sorgen. Die meisten werden einen Umzug nach Mutlangen, der meines Erachtens deutlich über zehn Millionen Euro kosten wird, nicht mitmachen, allein schon deshalb, weil es Halbtagskräfte sind. Stand heute wird nur eine Schwester wechseln, alle anderen werden vermutlich in die ambulante Pflege wechseln. Dieses Szenario kennt Herr Rieß auch schon.

Chefarzt Dr. Jung blickt besorgt auf die Entwicklung der medizinischen Versorgung im Ostalbkreis.

Nachteile bei Verlagerung der Urologie

Was spricht konkret gegen eine Verlagerung der Urologie von Ellwangen nach Mutlangen?
Jung: Wir haben einen konstanten Patientenstrom, funktionieren als Abteilung sehr gut. Durch einen Umzug werden wir Patienten verlieren, zum Beispiel aus Bayern. Auch die Tatsache, dass wir in den kommenden Jahren zweimal umziehen sollen, ist nicht ideal. Ein Umzug ist kein Problem, darauf kann ich hinarbeiten, aber so? Das Risiko, zu viele Mitarbeiter zu verlieren und nicht schnell adäquat nachbesetzen zu können, ist hoch. Wir leiden schon jetzt unter Personalmangel.

Kritik an mangelnder Planung

Diese Risiken werden doch Christoph Rieß auch bekannt sein.
Jung: Ehrlicherweise glaube ich nicht, dass er die gesamte Planung schon gemacht hat und sich daher der Risiken bewusst ist. Ich habe ihn aber bisher tatsächlich nur medial durch Schreiben an die Kreisrätinnen und Kreisräte darauf hinweisen können.

Sie haben keinen Termin erhalten?
Jung: Ich habe im Rahmen meiner Stellenausschreibung im Mai versucht, mit Ihm zu telefonieren, um ihn darauf hinzuweisen, dass die Ausschreibung meiner Meinung nach Fehler enthält, erhielt aber keinen Rückruf und habe dann auf weitere Anrufe verzichtet.

Keine Angst vor möglichen Konsequenzen

Befürchten Sie, dass Ihnen Christoph Rieß die Ohren lang zieht, weil Sie jetzt dieses Interview geben?
Jung: Ja, einen Hinweis darauf habe ich auch schon erhalten. Aber die Sorgen halten sich in Grenzen. Ich kommuniziere schließlich keine Interna, sondern diskutiere und kommentiere von den Kliniken Ostalb selbst veröffentlichte Vorhaben.

Bei den Kliniken Ostalb geht es mittlerweile um ein Defizit in Höhe von 60 Millionen Euro. Wie konnte es dazu kommen?
Jung: Schon 2017, als die Kliniken zusammengelegt worden sind, sind die Fehler passiert. Es wurden keine Strukturen harmonisiert, zum Beispiel im Einkauf, der Küche, aber auch im medizinischen Bereich wie zum Beispiel in der Bauch-Chirurgie, der Gynäkologie etc. Leider wurden die Weichen damals nicht gestellt – was mit Sicherheit auch an den beteiligten Personen lag.

Glauben Sie, dass drei Kliniken im Ostalbkreis wirklich zu halten sind?
Jung: Ich bin überzeugt, dass das Konzept mit einem zentralen Regionalversorger und deutlich abgespeckten Kliniken in Mutlangen und Ellwangen gut ist. Aber die Notaufnahme und Basisversorgung müssen gewährleistet sein, das sehe ich in den nun weiterentwickelten Plänen kritisch.   

Welche Ideen haben Sie, das Defizit deutlich zu reduzieren?
Jung: Volker Grab hatte Ende Juli im Kreistag aufgezeigt, dass es durchaus Optionen gibt, zumindest drei der vier modernen OP-Säle in Ellwangen weiterzubetreiben. Mit der Urologie und Gelenkchirurgie zum Beispiel. Mit diesen Gelenk-Operationen wird Geld gemacht, die könnten wir von 450 auf circa 1000 steigern. Und Personal könnte auch gehalten werden.

Von links nach rechts: Chefredakteur Constantin Blaß, Dr. Peter Jung und SchwäPo-Redaktionsleiter Jürgen Steck im Gespräch über die jüngsten Entwicklungen am Ellwanger Klinikum.

Leidenschaft und Verantwortung bis zum Ende

Sie gehen bald in den Ruhestand, warum engagieren Sie sich so sehr in der Sache?
Jung: Die Urologie besteht seit fast 50 Jahren. Ich mache das jetzt auch seit fast 25 Jahren. Ich lebe für die Urologie, ich habe sie mit aufgebaut, da kann ich nicht einfach wegschauen. Zudem will ich für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis zum Ende da sein und möchte ihnen eine Perspektive eröffnen.

Kein Verständnis für die aktuelle Gesundheitspolitik

Richtet sich Ihr Unverständnis gegen Christoph Rieß, gegen Landrat Joachim Bläse oder gegen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach?
Jung: Gegen Lauterbach sowieso, weil seine Grundgedanken, Kliniken zu reduzieren, zu spezialisieren, Medizin günstiger anzubieten, zwar richtig sind, er aber den Weg der Umsetzung nicht verträglich gestaltet. Aber Lauterbach ist nicht mein Feindbild. Und auch nicht Rieß und Bläse, die aber die Pläne für die Kliniken Ostalb geschmiedet haben. 

Was leistet die Urologie?
Jung: Im stationären Bereich haben wir Tumorpatienten: Unter anderem Karzinome von Niere, Blase und Hoden und das Prostata-Karzinom – der häufigste Tumor beim Mann. Wir führen die radikale Prostata-Entfernung durch, die endoskopische Blasen-Operation bei kleinen Tumoren, bei großen dann die Blasen-Entfernung mit Bildung von Harnableitungen unter Benutzung von Darmsegmenten. Ein ganz großer Anteil sind Patienten mit Harnsteine, die oft eine akute Behandlung bei Schmerzen benötigen, für die wir die verschiedensten Operationsverfahren anbieten. Viele Patienten haben auch Katheter-Probleme, das ist finanziell zwar nicht lukrativ, aber notwendig. Zudem behandeln wir Patienten mit gutartiger Prostatavergrößerung mit den modernsten OP-Verfahren.

Die Urologie in Ellwangen

Die Urologie in Ellwangen besteht derzeit aus einem Chefarzt, drei Oberarztstellen, einer Funktionsoberarztstelle, vier Assistenzärzten, einem Arzt aus Russland mit eingeschränkter Tätigkeitserlaubnis sowie Pflegepersonal in der Ambulanz (zwei Vollkräfte, vier Halbtagskräfte). Neben weiterem OP-Personal verfügt die Urologie auf der Station über circa 15 Planstellen.

Roboter spielen bei lukrativen Operationen von Prostata-Karzinomen eine immer wichtigere Rolle. Wieso gibt es keine im Ostalbkreis?
Jung: Wenn ich das wüsste. 2005/2006 kam dieses Thema ins Rollen. Dem damaligen Landrat Klaus Pavel habe ich 2012, 2013 gesagt: Das brauchen wir! Damals, als ich die Klinik übernommen habe, haben wir die Anzahl von Prostata-Karzinomen von zehn auf gut 100 gesteigert. Das war für uns eine sehr positive Entwicklung. Nach und nach wurden es immer weniger, wenn wir jetzt ein gutes Jahr haben, kommen wir auf 30.

Und schuld ist der Roboter?
Jung: Eine Klinik ohne Roboter hat einen Verlust von mindestens 50 Prozent der Operationen. Diese Prognose gab es schon 2015. Die Patienten fahren aus Baden-Württemberg sogar bis nach Hamburg. Mittlerweile gibt es die Roboter aber auch in Göppingen, Winnenden, Stuttgart oder Ulm. Und seit diesem Jahr auch in Heidenheim.

Kosten und Nutzen eines Roboters genau abwägen

Das heißt, sich jetzt einen Roboter anzuschaffen, ist zu spät?
Jung: Die Zeit läuft uns davon, aber zu spät, würde ich nicht sagen. Ein Roboter allein reicht nicht, man muss ihn auch bedienen können. Mein leitender Oberarzt in Ellwangen hat das schon jahrelang gemacht, der könnte sofort starten, wenn wir einen Roboter hätten. Das wäre ein großer Vorteil, ein Minus würden wir sehr wahrscheinlich damit nicht einfahren.

Was kostet ein Roboter?
Jung: Zwei Millionen, bei einer Abschreibung über zehn Jahre wären das 200.000 Euro pro Jahr. Bei 100 Patienten wären das 900.000 Euro Einnahmen, abzüglich von Kosten in Höhe von vermutlich 300.000 Euro. Das lohnt sich schon...

Optimistische Erwartungen an die Kreistagsentscheidung

Was glauben Sie, wie am 24. September der Kreistag in Sachen Kliniken Ostalb entscheidet?
Jung: Ich bin Optimist, insofern hoffe ich, dass der Antrag noch modifiziert wird, um eine große Mehrheit der Kreisrätinnen und Kreisräte zu überzeugen.

Zum Schluss: Es gibt Menschen, die fordern, Medizin nicht von der Kostenseite zu betrachten. Was sagen Sie?
Jung: Medizin kann man nicht ausschließlich auf Kosten reduzieren, allerdings müssen wir sie uns auch leisten können. Wenn ich den Königsweg wüsste, würde ich morgen Karl Lauterbach ablösen. Wichtig ist, die Errungenschaften der Medizin der gesamten Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Es darf uns nicht wie in England passieren, dass aufgrund der Unterfinanzierung des Gesundheitssystems Patienten mit 60 Jahren keine Nierenwäsche mehr erhalten, wenn sie erkrankt sind. Wir werden nicht umhinkommen, die Medizin neben den Krankenkassengeldern auch durch Steuergelder zu finanzieren.

Zur Person: Dr. Peter Jung

Dr. Peter Jung ist seit 1984 als approbierter Arzt tätig. Im Jahr 1989 erlangte er den Facharzttitel für Urologie. 1997 habilitierte er sich an der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen. Seit dem Jahr 2000 leitet er als Chefarzt die Urologische Klinik in Ellwangen.

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