"Wenn ich damals gelebt hätte, wäre ich vergast worden"

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Matthias Kümpflein spricht bei der Feier zum nationalen Gedenktag im Hariolf Gymnasium.
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Schülerinnen und Schüler des Hariolf Gymnasiums gestalten ergreifende Feier zum Nationalen Gedenktag und erinnern an Ellwanger Opfer des Nationalsozialismus.

Ellwangen

Ein Schlüsselmoment der Feier zum nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus war, als Matthias Kümpflein das Mikrofon nimmt. Soeben haben Schülerinnen und Schüler des HG über Ellwanger Opfer des NS-Terrors, im „Euthanasie“-Programm Ermordete gesprochen. Der schwerbehinderte Kümpflein sitzt im Rollstuhl und sagt mit stockender Stimme: „Wenn ich damals gelebt hätte, wäre ich vergast worden. Ich bin so froh, dass ich heute lebe. Ich danke euch allen dafür.“

Da wird jedem schlagartig bewusst, wie das Erinnern an die Verbrechen der NS-Diktatur einen Menschen mit einer Behinderung noch einmal ganz anders bewegt. Und man denkt unwillkürlich daran, wie Menschen mit Migrationshintergrund Berichte vom Treffen der Rechtsextremen in Potsdam und ihre Überlegungen zur „Remigration“ in den Ohren klingen müssen.

Ulrich Schwarzmaier, kommissarischer Rektor des HG, macht deutlich, dass der systematische Massenmord von Auschwitz eben nicht für einen „Vogelschiss in der Geschichte“ steht, wie  Alexander Gauland die Nazi-Verbrechen skandalös verharmloste, sondern für den dunkelsten Teil der deutschen Geschichte.

Der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz sei ein Denktag mit klarem Ziel: die Wiederholung derart schlimmer Verbrechen zu verhindern. Das Bekenntnis „Nie wieder“ sei 2024 wichtiger denn je, sprach Schwarzmaier den Anstieg antisemitischer Straftaten seit dem 7. Oktober an. Und er erinnerte, dass bei der Rede des Antisemitismusbeauftragten im Stuttgarter Landtag, alle Abgeordneten applaudierten, während eine Fraktion geschlossen den Parlamentssaal verließ.

Gina Principi und Ulrich Brauchle

Antisemiten seien nicht friedens- und demokratiefähig, hatte Dr. Michael Blume am 9. November 2023 gesagt, weil die Ideologie der Auslese letztlich nicht nur Juden, sondern alle bedrohe, die anderer Meinung sind.

KZ Auschwitz: ein Kulturbruch

Oberbürgermeister Michael Dambacher nannte Auschwitz das Symbol eines Kulturbruchs: „Das Entsetzen wurde zum langlebigsten Produkt des Lagers.“ Jetzt herrschten erneut angespannte Zeiten mit gesellschaftlichen Umbrüchen. Doch der Antisemitismus komme nicht mehr aus der Mitte der Gesellschaft, sondern auch aus dem muslimisch-migrantischen Teil der Bevölkerung und vom linksradikalen Lager. „Wir sollten die althergebrachte Beschreibung des Antisemitismus kritisch hinterfragen“, sagte der OB, denn ein zu enger Blickwinkel könne dazu führen, „dass man von der Entwicklung eingeholt wird.“

Ulrich Schwarzmaier, Kommissarischer Schulleiter, spricht zum nationalen gedenktag.

Ulrich Brauchle, Klaus Prohaska, Roland Reiter und Stefan Bär spielten mit Klezmer-Liedern die passende Musik und die Schülerin Gina Principi beeindruckte mit einem Geigensolo.

Die 9. Klassen und die J1 hatten mit Unterstützung von Frank Keller und Peter Maile von der Stolpersteininitiative in Ellwangen berichtet und die Leidensgeschichten der NS-Opfer Max Reeb, Hilda Müller und Eduard Tischberger erarbeitet und vorgetragen. Für die Bewirtung im Anschluss sorgten die Eltern der Klassen 7.

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