Industrie-Standort in Gefahr

Autozulieferer-Chef aus Baden-Württemberg fürchtet um Arbeitsplätze „im sechsstelligen Bereich“

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Die Autoindustrie in Baden-Württemberg hat derzeit massiv zu kämpfen. Der Chef von Marquardt sieht tausende Arbeitsplätze in Gefahr.

Rietheim-Weilheim - Hohe Kosten und eine zurückgehende Kauf- und Investitionsbereitschaft haben im vergangenen Jahr die äußerst starke Autoindustrie in Baden-Württemberg stark belastet. Während Mahle nach Jahren endlich die Trendwende schaffte und einen Umsatzrekord erreichte, mussten andere Unternehmen Federn lassen. Auch der Autozulieferer Marquardt mit Stammsitz in Rietheim-Weilheim im Landkreis Tuttlingen bekam die Konjunkturschwäche zu spüren und verbuchte einen Umsatzrückgang um 2,2 Prozent, wie das Familienunternehmen aus Baden-Württemberg am 15. Mai erklärte.

Mit dem Umsatz von knapp 1,4 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2023 konnte die Marquardt-Gruppe zwar noch die schwarze Null halten, das laufende Jahr wird aber ebenfalls sehr herausfordernd bleiben. Bei der Verkündung der Geschäftszahlen äußerte Marquardt-CEO Harald Marquardt zufolge erhebliche Sorgen um den Industrie-Standort und erklärte, dass im schlimmsten Fall eine sechsstellige Zahl an Arbeitsplätzen auf dem Spiel stehen könnte. Im vergangenen Jahr hatten mehrere Familienunternehmen aus Baden-Württemberg in Deutschland Standortnachteile beklagt.

Der Autozulieferer Marquardt mit Stammsitz in Rietheim-Weilheim (Kreis Tuttlingen) bekam 2023 die Konjunkturschwäche zu spüren.

Marquardt hat 2023 weltweit 700 Stellen abgebaut – 2024 sollen allein in Deutschland 150 weitere folgen

Der Autozulieferer Marquardt hatte Mitte des vergangenen Jahres erklärt, künftig mehr Arbeitsplätze im Ausland schaffen zu müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Da die Werke nicht ausgelastet waren, musste das schwäbische Unternehmen 2023 aber auch die Zahl der Mitarbeiter anpassen und baute weltweit rund 700 Stellen ab. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (faz) zufolge will Marquardt im laufenden Jahr weitere 150 Arbeitsplätze in Deutschland abbauen. „Die Auftragseingänge sind seit mehr als einem Jahr Monat für Monat rückläufig“, erklärte Harald Marquardt. „Die Polster, die wir hatten, sind abgeschmolzen.“

Name Marquardt GmbH
Gründung 1925
Hauptsitz Rietheim-Weilheim, Baden-Württemberg
Branche Automobilzulieferer
Mitarbeiter 10.200 weltweit, davon rund 2.500 in Deutschland (2023)
Umsatz 1,4 Milliarden Euro (2023)

Dafür macht der Chef des Familienunternehmens von der Schwäbischen Alb nicht zuletzt auch die Politik verantwortlich, von der sich Marquardt nach eigenen Angaben mehr Rückenwind versprochen hatte. „40 Prozent der Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg erwirtschaften eine Umsatzrendite von unter 2 Prozent, das ist zu wenig, um über die Runden zu kommen“, mahnte er. „Wenn diese Industriearbeitsplätze einmal weg sind, dann sind sie weg.“

Marquardt-Chef mahnt Gewerkschaft IG Metall zur Zurückhaltung

Harald Marquardt, der die administrative Leitung bei seinem Autozulieferer in wenigen Monaten abgibt, kritisierte am Mittwoch allerdings nicht nur die Politik, sondern auch die Forderungen der Arbeitnehmervertreter. „Bei den Mitgliedern der Gewerkschaft müsste es angekommen sein, dass der Industrie-Standort in Gefahr ist; ich kann nur zur Zurückhaltung raten“, erklärte er in Bezug auf die anstehende Tarifrunde der IG Metall. „Jede hohe Lohnforderung gefährdet Industriearbeitsplätze im sechsstelligen Bereich.“

Die Marquardt-Gruppe hat im vergangenen Jahr weltweit rund 700 Stellen abgebaut.

Ganz schwarz sieht der Unternehmer zumindest für sein Familienunternehmen im laufenden Jahr aber nicht. Das Jahr 2024 werde in Deutschland und weltweit zwar herausfordernd bleiben, Marquardt rechnet mittel- und langfristig aber mit einem ambitionierten Wachstum. „Mit unserer globalen, hoch motivierten Marquardt Mannschaft werden wir diesen Weg erfolgreich beschreiten“, ist sich der scheidende Vorstandsvorsitzende sicher.

Auch der Chef des Stuttgarter Familienunternehmens Lapp hatte zu Beginn des Jahres deutliche Sorgen um den Wirtschaftsstandort geäußert, will mit seinem Kabelkonzern aber ebenfalls weiter wachsen.

Rubriklistenbild: © Marquardt GmbH

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