Auch viele Frauen machen sich selbstständig

Firmengründer im Landkreis: Die Chefs von morgen

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Erfolgreich durchgestartet: Die Holzliegen der „Isarfaulenzer“ Veronika und Josef Bichlmayr stehen mittlerweile im ganzen Landkreis, auch im öffentlichen Raum: an der alten Floßlände in Wolfratshausen
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1026 Frauen und Männer im Landkreis haben im vergangenen Jahr eine Firma gegründet. Das ist ein leichtes Plus im Vergleich zu 2017. In diesem Bericht stellen wir drei von ihnen vor.

Bad Tölz-Wolfratshausen – „Im Schnitt werden in unserem Landkreis jede Woche gut 20 neue Gewerbe angemeldet“, sagt Harald Hof, Existenzgründungsberater der Industrie- und Handelskammer (IHK). Die meisten sind Alleingründer, das heißt, sie haben noch keine Mitarbeiter. Auffallend ist, dass sich im Landkreis Frauen und Männer prozentual die Waage halten – laut Hof waren 2018 49 Prozent der Gründer Frauen. Damit liegt die Region über dem Bundesdurchschnitt.

Caroline Filger will mit „Grazing Table“ besondere Buffets anbieten.

Die Gewerbe, die sie anmelden, reichen von Handwerksbetrieben bis hin zu Dienstleistungen, sprich „vom Hausmeisterservice über den Coach bis zum Unternehmensberater“, nennt Andreas Roß, Wirtschaftsförderer des Landkreises, einige Beispiele. Zwei Drittel der Gründungen erfolgen im Nebenerwerb. Das heißt: Die Gründer haben einen festen Job und versuchen „nebenbei“, mit einer eigenen Idee auf dem Markt Fuß zu fassen.

In dieser Phase befindet sich gerade die Tölzerin Caroline Filger. Die 32-Jährige ist festangestellte Eventmanagerin im Outdoor-Bereich und will sich mit dem Konzept „Grazing Table“ selbstständig machen. Filger beschreibt es als „kunstvoll arrangierte üppige Brotzeitplatte“: „Im Ausland ist das sehr populär, in Deutschland gerade im Kommen.“ Die 32-Jährige hat eine Hotelfachausbildung und arbeitete jahrelang in der Gastronomie. Mit dem Unternehmen „FilgerFood“ will sie bei Festen, Empfängen oder Business-Treffen besondere Platten mit Fingerfood anbieten. „Ich habe großes Glück, dass mich mein Arbeitgeber dabei unterstützt“, sagt sie.

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Gibt es Unterschiede zwischen Gründerinnen und Gründern? „Frauen sind zuerst vorsichtig. Aber wenn sie es dann umsetzen, sind sie konsequent und erfolgreich“, sagt Harald Hof von der IHK. Firmengründer gibt es übrigens in allen Altersgruppen. „In meiner Beratung saß vor Kurzem ein Mann über 70, der die Idee für eine App für Mitfahrerbänke hat“, berichtet Peter Schöbel von den Aktivsenioren.

Häufig seien es „Ideen aus dem Bauch heraus“, die Menschen animieren, unternehmerisch tätig zu werden. So wie bei Veronika und Josef Bichlmayr, die hinter der Firma „Isarfaulenzer“ in Neufahrn bei Egling stehen. „Diese Art von Holzliegen ist uns in Österreich aufgefallen“, sagt Veronika Bichlmayr. Der älteste Sohn des Ehepaares, Thomas (20), lernt Zimmerer und hatte vor drei Jahren die Idee, für eine Hochzeit so eine Liege zu gestalten und zu verschenken. Die Liege wurde schon auf der Feier der Renner unter den Gästen. Die Familie, die hauptberuflich eine Pferdepension betreibt, entschloss sich 2017, dafür ein Gewerbe anzumelden. Und das mit Erfolg: Die „Isarfaulenzer“ schlugen richtig ein. Käufer waren nicht nur Privatpersonen, auch die Stadt Wolfratshausen und Übernachtungsbetriebe im ganzen Landkreis stellen die Liegen gerne auf. Gefertigt wird nur auf Bestellung und größtenteils in der heimischen Werkstatt. Das Holz stammt zum Teil aus dem eigenen Wald. „Jetzt läuft es gut. Aber am Anfang waren wir schon unsicher, ob das wohl was werden wird“, sagt Veronika Bichlmayr. Viele Dinge waren zu klären, unter anderem Haftungsfragen.

Harald Hof von der IHK berät Interessierte auf der Tölzer Messe.

Für Fragen solcher Art gibt es im Landkreis ein vielfältiges Beratungsangebot (siehe unten). „Gründer, die sich beraten lassen, haben bessere Aussicht am Markt, um zu bestehen“, sagt Andreas Roß vom Landratsamt. Laut IHK-Statistik sind nach fünf Jahren noch 84 Prozent aller Gründer, die sich beraten haben lassen, am Markt. Ohne Beratung schaffen es statistisch gesehen innerhalb von drei Jahren nur 50 Prozent.

Vor allem, wenn es um einen Businessplan, rechtliche Fragen oder allgemeine Kosten geht, brauchen viele Gründer Hilfe. „Wenn die Leute erfahren, wie viel sie die freiwillige Krankenversicherung kostet, ist das für viele erst mal ein Schock“, sagt Peter Schöbel von den Aktivsenioren. Wer deren Coaching-Angebot in einem großen Netzwerk nutzt, bekommt in vielen Dingen von erfahrenen Ruheständlern Hilfe, etwa in den Bereichen Steuern und Marketing.

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Waren viele Gründer früher auf Darlehen von Banken angewiesen, gibt es inzwischen auch hier neue Wege. Caroline Filger beispielsweise hat eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen. Manuel Petito aus Benediktbeuern setzt auf die Visualisierung in Sozialen Medien. Der 20-Jährige hat vor Kurzem die Online-Marketing-Agentur „Leenuma“ gegründet. Er baut Webseiten und will für Firmen Werbung auf Facebook und Instagram gestalten, erste Kunden hat er schon. „Der Gedanke, selbstständig zu arbeiten, hat mir schon immer gefallen“, sagt er. Von seinem Vater habe er viel gelernt. Jetzt gelte es, selbst Fuß zu fassen. „Am schwierigsten ist es allerdings, im Tölzer Land passende Büroräume zu finden.“

Petito arbeitet mit einem Grafiker zusammen. Familie Bichlmayr kooperiert mit einem Schreinerbetrieb, und auch Caroline Filger hat schon ein Netzwerk mit örtlichen Lebensmittelbetrieben. Sich gegenseitig zu unterstützen, um voneinander zu profitieren, ist etwas, wozu Fachleute raten. „Man sollte auch nicht zögern, mal über die eine oder andere Idee zu sprechen“, sagt Peter Schöbel. „Am Feedback sieht man dann schon, ob es gut ist oder nicht.“

Schaut man ins Ausland, dann liegt Deutschland bei der Zahl der Firmengründungen hinter anderen Ländern zurück. „Das liegt daran, dass unsere Konjunktur gerade sehr gut läuft“, sagt Harald Hof. Generell seien Deutsche sicherheitsorientiert und würden lieber festangestellt arbeiten. Hof wünscht sich, dass hierzulande mehr Migranten zu Gründern werden, etwa im Handels- und Dienstleistungssektor. „In 20 Jahren fehlt uns hier 3,5 Millionen arbeitendes Personal.“ In Bezug auf Migranten ist Hof überzeugt: „Da gibt es einige Schätze zu heben.“

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Beratungsangebote: Die Wirtschaftsförderung koordiniert ein Beratungsnetzwerk für Existenzgründer im Landkreis. Das Netzwerk ist ein Verbund der Industrie- und Handelskammer (IHK), der Handwerkskammer (HWK), der Aktivsenioren Bayern e.V. und der Wirtschaftsförderung des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen. Die Beratungseinrichtungen bieten für Existenzgründer, Unternehmensnachfolger und Jungunternehmer eine kostenfreie, individuelle und persönliche Beratung und Unterstützung. Die IHK und die Aktivsenioren bieten einen monatlichen Sprechtag, die HWK einen wöchentlichen Sprechtag im Tölzer Landratsamt nach Terminvereinbarung an. Weitere Informationen bei Andreas Roß, Telefon 0 80 41/ 505-288, oder E-Mail (andreas.ross@lra-toelz.de).

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