Vom Rand ins Rampenlicht: Das Rathaus soll Mittelpunkt der „Neuen Mitte“ werden. Zeit, das denkmalgeschützte Gebäude näher zu betrachten. Heute unternehmen wir eine Fahrt mit dem Treppenlift.
Geretsried – Kennen Sie dieses Gefühl? Das Fahrgeschäft auf dem Volksfest düst um eine Kurve, der Körper kommt nicht so schnell mit, ist außer Zeit und Raum, bevor er eine Millisekunde später wieder auf dem Sitz landet. So ist das beim Treppenlift im Rathaus. Von den Mitarbeitern wird er liebevoll „Wilde Maus“ genannt. Wie die Achterbahn.
Aber von vorne: Für gewöhnlich fällt die Metallplatte rechts am Treppenaufgang kaum einem auf. Angestellte, Besucher und Stadträte huschen geschwind daran vorbei und steigen die Treppe hinauf. Wer nicht so gut zu Fuß ist und in den oberen Bereich des Rathauses muss, der kann sich den Treppenlift von den Haustechnikern in Betrieb setzen lassen. Dann wird der Schlüssel in die Fernbedienung gesteckt und die Metallplatte an der Wand aufgefahren. Und schon kann es losgehen. Naja, „schon“ ist relativ. Von der Park- bis zur Einstiegsposition dauert es eine Minute.
Nach einer Minute jedenfalls geht der Mitfahrer, in diesem Fall die Redakteurin als Testperson, ebenerdig auf den geriffelten Boden des Treppenlifts, setzt sich auf den gepolsterten Klappsitz, und dann wird gedrückt. Nur wenn die Pfeiltaste auf der Fernbedienung durchgehend festgehalten wird, geht es nach oben.
Aber erstmal fährt der Sicherheitsbügel gemächlich nach unten. Quasi der Arm der „Wilden Maus“. Und dann braucht der Fahrgast Geduld. Insgesamt dauert es vier Minuten, bis der Treppenlift im Dachgeschoss angekommen und der Sicherheitsbügel wieder geöffnet ist. In dieser Zeit könnte man auch ein längeres Radiolied hören, ein sehr weiches Ei kochen oder ein Pixi-Buch lesen.
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Das Gefährt surrt monoton, und eine Warnlampe blinkt in Orange, während die Treppenstufen wie in Zeitlupe vorbeiziehen. Ein Rathausmitarbeiter hüpft vorbei. Im Zwischenstock bleibt dagegen nicht genug Zeit, die Skulptur der Freundschaft in Ruhe zu betrachten, denn jetzt wird es aufregend. Es ruckelt, und der Treppenlift schwingt um die Ecke, kurz darauf sitzt gefühlt auch wieder der Körper auf dem Klappstuhl. Rasant geht es in die nächste Kurve, und dann kämpft sich das Mäuslein wieder behäbig die Stufen hinauf. Einen kurzen Zwischenstopp an der Parkposition im ersten Stock später, geht es eine weitere Treppe hinauf zum Sitzungssaal.
Und schon sind die 17,3 Meter bis ins Dachgeschoss überwunden. Das „schon“ ist natürlich wieder relativ zu betrachten. 0,1 Meter schafft der Treppenlift pro Sekunde. Mit dem Bügelöffnen und -schließen kommt die milde Maus also auf vier Minuten. Übrigens: Bergab geht es wie in allen Lebensbereichen schneller. In dreieinhalb Minuten ist die „Wilde Maus“ wieder unten.
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Der Rollstuhlschrägaufzug, wie der Treppenlift korrekt heißt, ist seit 2012 in Betrieb. Die Verwaltung hat ihn auf Initiative von Bürgermeisterin Cornelia Irmer und nach einstimmigem Auftrag durch den Stadtrat für 28 000 Euro brutto angeschafft, um einen behindertengerechten Zugang zum Rathaus zu ermöglichen. Er wird immer wieder genutzt, verstärkt in jüngster Zeit von Stadträtin Sabine Gus-Mayer, die durch eine gerissene Achillessehne eingeschränkt mobil war. Bald hat der Treppenlift aber ausgedient. Nächstes Jahr soll das Rathaus einen richtigen Aufzug bekommen. Und dann können Besucher unauffällig und unaufgeregt die steinernen Stufen des Rathauses umgehen.
Susanne Weiß
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