VonAndreas Steppanschließen
Sie fürchten Einbußen, und die ersten plagen bereits Existenzängste: Die Bauarbeiten beunruhigen einen Teil der Geschäftsleute an der Nockhergasse.
Bad Tölz – „Normalerweise wäre es um diese Uhrzeit voll“, sagt Murat Budak (34) – doch heute steht der Geschäftsführer kurz vor der Mittagszeit mit seinen Mitarbeitern allein in seinem Restaurant Mocca. Die Baustelle in der Bairawieser Straße hat er ohnehin seit Wochen vor der Tür. Jetzt kommen auch noch die Arbeiten an der anderen Ecke des Lokals hinzu: In der Nockhergasse werden Strom-, Wasser- und Gasleitungen sowie Hausanschlüsse erneuert – am Montag ging es los.
Die Zufahrt zur Nockhergasse wurde am Montag von oben kommend gesperrt. Die insgesamt auf vier Monate anberaumten Arbeiten sind in zwei Abschnitte aufgeteilt – einmal oberhalb, einmal unterhalb des Maierbräugasteigs.
Für ihre Notwendigkeit haben die betroffenen Geschäftsinhaber alle Verständnis. Dennoch: Vor allem im oberen Teil der Gasse, den sich die Arbeiter als erstes vornehmen, ist die Stimmung angespannt. „Seit Mai ist unser Umsatz um 40 Prozent eingebrochen. Wie soll es jetzt erst werden?“, sagt Murat Budak. Eigentlich halte er den Laden nur offen, um seine Stammkunden bei der Stange zu halten – zu verdienen sei gerade nichts.
Geschäftsfrau an der Nockhergasse verzweifelt: „Wir soll ich Miete und Strom bezahlen?“
Er kritisiert, dass er nicht früher informiert wurde. „Wir hätten dann zum Beispiel groß Werbung machen oder einen Lieferservice einrichten können.“ Nun behilft er sich mit einer handgeschriebenen Tafel, die den Kunden signalisieren soll, dass sie bis zum „Mocca“ vorfahren können. Seine Beobachtung am Montag war aber: „In der letzten halben Stunde haben zehn Autos umgedreht – drei hätten meine Kunden sein können.“
Doch sind Kunden tatsächlich „Anlieger“, die freie Durchfahrt haben? „Das ist ein zwiespältige Sache“, sagt Lars Werner, Verkehrsexperte der Tölzer Polizei. Ein „Anliegen“ sei relativ leicht zu begründen – und schwer zu überprüfen.
Murat Budak ärgert sich, dass seine Kunden und auch er selbst schon von Bauarbeitern angesprochen wurden, dass sie nicht in die Baustelle Bairawieser Straße hätten fahren dürfen. Von der Stadt würde er sich nun etwas Entgegenkommen wünschen – zum Beispiel was die Sondernutzungsgebühren für seine Tische im Freien angeht.
Kein Baustellen-Problem hat dagegen schräg gegenüber in der Bairawieser Straße Kfz-Meister Christian Fichtner. Mit den Mitarbeitern der Baufirma habe er sich bislang immer gut arrangiert. Man müsse nur miteinander reden.
Der Verzweiflung nahe ist ein paar Meter weiter in der Nockhergasse Elif Sachin. „Wie soll ich jetzt Miete und Strom bezahlen?“, fragt die Inhaberin der Änderungsschneiderei Express. Die meisten ihrer Kunden kämen mit dem Auto. Fielen die nun weg, könne ihr Geschäft nicht überleben.
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„Mich wird es nur bedingt treffen“, sagt hingegen Martin Harrer. Sein Geschäft liegt ganz oben an der Ecke zur Hindenburgstraße und ist noch relativ gut anfahrbar. „Ich hoffe, dass die Kunden das auch sehen“, sagt er. Viele kaufen bei ihm zum Beispiel Gasflaschen, die 25 Kilo wiegen. „Wenn sie denken, sie könnten bei mir sowieso nicht parken, verliere ich sie vielleicht an die Konkurrenz“, fürchtet er. Seine Idee wäre, dass die Geschäfte ein gemeinsames großes Schild aufstellen, um deutlich zu machen, dass Liefer- und Kundenverkehr frei seien.
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Läuft man die Nockhergasse hinab, fällt einem auf, dass viele Geschäfte die Öffnungszeiten eingeschränkt, zum Beispiel montags geschlossen haben. Auch Obst- und Gemüsehändler Roland Kuch hat schon darüber nachgedacht. Er will aber erst einmal abwarten. „Heute war fast normaler Betrieb“, sagt er. Seine Kunden würden zumeist am Kolbergarten parken – und dieser bleibe ja während der gesamten Bauphase jederzeit anfahrbar.
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Guter Dinge ist auch seine Nachbarin Brigitte Schöffmann in ihrem Modegeschäft „Gadfly“. „Meine Kunden kommen zu Fuß“, sagt sie. „Heute lief das Geschäft gar nicht schlecht.“ Normalerweise sei es so, dass Autofahrer, die vorbeifahren oder vor ihrem Geschäft im Stau stehen, die draußen ausgestellten Kleidungsstücke sehen und am nächsten Tag zum Kaufen kommen. Das werde jetzt wegfallen. „Aber vielleicht ist es auch ganz gut, wenn es mal etwas ruhiger bei uns ist – wie eine Fußgängerzone.“ Wenn nicht, will sich Schöffmann mit Rabatten behelfen oder, wenn direkt vor ihre Tür gebaggert wird, Urlaub machen.
