„Müssen wir sogar über den Namen Max-Rill-Schule nachdenken?“, fragte sich Schulleiterin Carmen Mendez am Ende einer Diskussion über den Gründer des heuer 80 Jahre alt gewordenen Reichersbeurer Privatgymnasiums. Der Podiumsdiskussion vorangegangen war das eindringlichen Theaterstück über den EntnazifizierungsProzess gegen Max Rill (1898-1963) im Jahr 1947 in der Reichersbeurer Schulaula. Es offenbarte eine gebrochene Biografie Rills und eine gefährliche Nähe des charismatischen Pädagogen zum Nazi-Regime.
Reichersbeuern – Die Schule also umbenennen? Nein, gab York Rössel, ehemaliger Schüler zur Antwort. „Geschichte“, so Rössel, dürfe man nicht ausradieren. „Sonst beraubt man uns der Fähigkeit, sie zu betrachten. Sie muss kommentiert werden.“ Rössel folgte damit interessanterweise seiner Rolle im Theaterstück. In ihm verkörperte er den Richter, der mit seinem Urteil letztlich weder auf den Staatsanwalt („Ein Minderbelasteter“) noch den Verteidiger („Entlastet“) hörte, sondern Rill als Mitläufer einstufte.
Damit griff Rössel den Gedanken auf, den zuvor schon der Tölzer Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr formuliert hatte. Harsche Urteile sind dessen Sache nicht. „Aber genau draufschauen muss man.“ Und dann erläuterte er den Tölzer Weg im Umgang mit Geschichte. Die Hindenburgstraße wurde eben nicht umbenannt, sondern mit einem Informationsweg Hindenburg ergänzt und Historie damit auch für heutige Generationen fassbar gemacht. „Ge(h)denksteine“ erinnern vor dem Stadtmuseum an das Schicksal der von den Nazis ermordeten Tölzer Bürger.
Max-Rill-Schule: Wie war das in den Zeiten der Tyrannei?
„War denn Max Rill nun ein Nazi?“ stellte Diskussionsleiterin Karin Krekel bewusst provokant die zentrale Frage an den Historiker Georg Kwossek, der zusammen mit Nikolaus Frei das Buch über Max Rills Beziehungen zur SS-Junkerschule verfasst hatte (wir berichteten). „Ja“, antwortete der lapidar. „Er war Mitglied der Partei, und niemand zwang ihn dazu.“ Dass er dies nur getan habe, um seine 1938 gegründete Reichersbeurer Schule zu schützen und damit quasi ein Opfer gebracht habe, bezeichnet Kwossek als typischen „Selbstbetrug“ jener Zeit. Da sei es Rill wie Millionen Deutschen 1933/34 gegangen. „Ein gewaltiger Selbstgleichschaltungsprozess.“
Rills Versuch, integer zu bleiben (er schützte etwa Mischlinge zweiten Grades an seiner Schule), sei überaus anerkennenswert, aber: „Manchmal ist er auch missglückt.“ Etwa, wenn Rill eine Denkschrift an Heinrich Himmler schrieb, in der er sich seiner guten Beziehungen zur SS rühmt. Schülerinnen seines Instituts waren regelmäßig zum Tanzen und anderen Veranstaltungen in der Tölzer SS-Junkerschule eingeladen.
Mit einem Bürgermeister Alfons Stollreither, der 1933 mit wehenden Fahnen zur NSDAP wechselte, wollte Kwossek Max Rill aber dennoch nicht gleichsetzen. Ein Stadtoberhaupt, das ab 1935 keine Kurkarten mehr für Juden ausstellen ließ, sei viel schlimmer. Es sei nicht zu fassen, dass die Stadt Tölz Stollreither in den 1960er-Jahren die Isarpromenade namentlich gewidmet habe.
Neues Buch und Theaterstück : Max Rill und die SS-Junkerschule
Den ehemaligen Schulleiter und Rill-Apologeten Hermann Schmid war von der Schuld Rills nicht überzeugt. „Wo“, fragte er, „wo gibt es einen Hinweis darauf, dass Rill diese nazistische Färbung mit allem Drum und Dran verkörpert hat?“ Ihm sei es in seiner Erziehung – ganz anders als das Nazi–Ideal – stets um die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit gegangen. Ein Zuhörer sprang ihm bei: Rill habe es in einer trostlosen Zeit gewagt, mit seiner Schule so gut es eben ging ein Zeichen zu setzen. „Für mich ist er ein Held.“
Eine spannende Frage stellte ein weiterer Zuhörer an den Lehrer, Schreiber und Regisseur des Stücks, Nikolaus Frei: Wie sind denn die intensiv agierenden Schüler-Schauspieler mit den Widersprüchen in Rills Leben umgegangen? Frei berichtete, wie sich die anfangs wohlwollende und unbefangene Einstellung zu Rill mit zunehmender Kenntnis der Materie gewandelt habe. „Da ist langsam was gekippt.“
Reichersbeurer Max-Rill-Schule hat jetzt ein eigenes Museum
Der differenzierte, kritische Blick auf Max Rill ist für Nikolaus Frei aber längst „keine endgültige, sichere Wahrheit“. Intention des Theaterstücks und des Buchs sei zunächst gewesen, bei der heiklen Aufarbeitung der eigenen Schulgeschichte „Türen zu öffnen und durchzulüften“. Ein Reichersbeurer Altbürger ergänzte: „Diese Diskussion war längst überfällig.“
Den Bogen in die Jetzt-Zeit spannte ein weiterer Ehemaliger und fragte: „Was lernen wir aus dem Fall Max Rill?“ Er beobachte besorgt einen Rechtsruck in der Gesellschaft, eine Verrohung der Sprache und – vor dem Hintergrund der Flüchtlingspolitik – viel Stimmungsmache vor den Wahlen. Dagegen müsse man sich frühzeitig wehren. „Denn die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Von Christoph Schnitzer