VonCarl-Christian Eickschließen
Die Mehrzweckhalle in Wolfratshausen-Farchet ist seit einem Jahr mit Flüchtlingen belegt. Nun hat der zweitgrößte Sportverein in der Stadt einen Brandbrief an Landrat und Bürgermeister geschrieben.
Wolfratshausen – Seit gut einem Jahr ist die Mehrzweckhalle im Stadtteil Farchet mit Flüchtlingen, primär aus der Ukraine, belegt. Nun haben der Vorsitzende des BCF Wolfratshausen, Dr. Manfred Fleischer, sein Stellvertreter sowie die Abteilungsleiter einen Brandbrief an den Landrat sowie an den Wolfratshauser Bürgermeister geschickt. Die Absender wollen wissen: „Wann endlich wird die Mehrzweckhalle Farchet wieder für den Sportbetrieb freigegeben? Die Nennung eines konkreten Datums sind der Landkreis und die Stadt unseren Sportlerinnen und Sportlern schuldig!“
Sporthalle seit einem Jahr mit Flüchtlingen belegt: Verein schreibt Brandbrief - Landrat mit klarer Ansage
Tischtennis-Abteilungsleiter Reinhard Freundorfer stellt in einer E-Mail an unsere Zeitung fest, dass sich der BCF inzwischen in einer „Notlage“ befinde. Er betont im selben Atemzug, dass keiner der Unterzeichner des Briefs „in irgendeiner Weise ablehnt, dass in Wolfratshausen Flüchtlinge untergebracht und versorgt werden“. Aber: Am 1. Januar 2022 „hatten die Hallensportarten des BCF Wolfratshausen 685 Mitglieder, infolge der Hallenschließung und der daraus resultierenden Kündigungen waren es am 1. Januar 2023 noch 613 Mitglieder“.
Trotz mehrfacher Nachfragen, wann die Halle in Farchet für den Sportbetrieb wieder freigegeben wird, „erhielt der BCF keine Antwort“, so Vereinsvorsitzender Fleischer. Er erinnert in dem Brandbrief an einen für Oktober vergangenen Jahres geplanten Runden Tisch, der offenbar „auf den Sankt Nimmerleinstag“ verschoben worden sei. Auf einen Ende November 2022 an die Stadt gesendeten Brief „gab es keine Reaktion“. Lediglich Stadtrat Fritz Meixner habe sich beim BCF gemeldet und dem Verein Räume im Kinderhort angeboten. Fleischer: „Dort findet derzeit auch, durch die kleinen Räumlichkeiten allerdings sehr eingeschränkt, Kinder- und Eltern-Kind-Turnen statt. Andere Vereinsaktivitäten sind auf Weidach, Waldram, die Realschule Wolfratshausen, Sporthalle Gelting, Vereinsraum Loisachhalle, Pfarrheim evangelische Kirche, Isardammschule Geretsried und das Gymnasium Icking verlagert“.
Die Situation, bilanziert der BCF-Boss, „überfordert“ mittlerweile viele Mitglieder sowie Ehrenamtliche „und hilft leider nicht bei der Ausführung der Nachwuchsarbeit“. Angesichts der laut Fleischer „massenhaft ausfallenden Stunden im Schulsport“ sei der Status quo „unverantwortlich gegenüber unseren Kindern und Jugendlichen“.
Fleischer bestätigt Freundorfers Aussage: „Als Folge der Hallenschließung treten immer mehr Mitglieder aus. Ohne richtige Nachwuchsarbeit aber ist der Verein auf Dauer nicht überlebensfähig.“ Ein Beispiel: Ohne die Hallenzeiten in Icking und Geretsried hätten die Volleyballer der VSG Isar-Loisach die Saison nicht überstanden, „wahrscheinlich würde die Abteilung nicht mehr existieren“.
BCF-Boss: Fortbestand des Vereins scheint Landkreis und Kommune „schlichtweg egal“
Der BCF-Vorstand habe den Eindruck, „dass den Verantwortlichen des Landkreises und der Stadt das Schicksal und der Fortbestand des zweitgrößten Sportvereins in Wolfratshausen schlichtweg egal sind“. Nur so ließe sich erklären, dass Kreis und Kommune ihrer Verpflichtung für die Daseinsvorsorge der Bürger nicht nachkommen würden „und endlich Grundstücke ankaufen oder pachten, um darauf adäquate Flüchtlingsunterkünfte zu errichten“. Stattdessen würden Millionenbeträge für die „Stadtverschönerung“ und den Öffentlichen Personennahverkehr verplant.
Die Unterzeichner des Briefs
Den Brandbrief an Landrat Josef Niedermaier und Wolfratshausens Bürgermeister Klaus Heilinglechner haben unterzeichnet: Dr. Manfred Fleischer (Vorsitzender des BCF Wolfratshausen) Peter Kraus (Vize-Vorsitzender des BCF), Romy Pfingstler (Abteilung Badminton), Helmut Forster (Abteilung Fußball), Sebastian Rid (Abteilung Gymnastik), Christian Steffen (Abteilung Tanzsport), Kathrin Mockenhaupt (Abteilung Tennis), Reinhard Freundorfer (Abteilung Tischtennis) und Lukas von Stülpnagel (Abteilung Volleyball).
Bürgermeister Klaus Heilinglechner kann die Sorgen des BCF-Vorstands „zu 100 Prozent nachvollziehen“. Das habe er in einem persönlichen Gespräch mit Fleischer betont. Doch er, Heilinglechner, sei „nicht Herr der Situation“. Über Hallenbelegungen mit Flüchtlingen „entscheidet das Landratsamt“, so der Rathauschef gegenüber unserer Zeitung. Die Alternative zu Sporthallen seien temporäre Unterkünfte wie Traglufthallen – doch für die brauche es geeignete Grundstücke. „Zwei private Flächen“ seien der Stadt kürzlich angeboten worden – darüber habe man die Kreisbehörde informiert. „Dort läuft die Prüfung.“ Zudem werde die Möglichkeit eruiert, ein städtisches Grundstück für die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft bereitzustellen. „Das wird auch gerade geprüft.“
Bürgermeister Heilinglechner macht Sportverein wenig Hoffnung
Heilinglechner macht dem BCF wenig bis keine Hoffnung: „Der Zustrom an Flüchtlingen wird nicht so schnell versiegen.“ Er verweist auf den Sudan, dort sind Kämpfe zwischen der Armee und Paramilitärs ausgebrochen. Auch diese blutige Auseinandersetzung wird zur Konsequenz haben, dass Männer, Frauen und Kinder ihr Heil in der Flucht suchen.
Wie Landrat Niedermaier ist auch Heilinglechner vom Ergebnis des Flüchtlingsgipfels von Bund und Ländern enttäuscht. „Wir brauchen eine Begrenzung der Zugangszahlen, und wir benötigen schnelle Verfahren und Lösungen, um eine dauerhafte Unterbringung und Integration derer zu ermöglichen, die bereits da sind“, hatte Niedermaier das Ergebnis des Gipfels kommentiert. Die vom Bund zugesagte weitere Milliarde Euro für die Länder sei bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wir unten müssen das alles ausbaden“, schimpft Heilinglechner auf die Entscheidungsträger in der Bundeshauptstadt Berlin. „Wir sind nur noch am rödeln.“ Konkrete Hilfen für die Kommunen kann der Wolfratshauser Rathauschef nicht erkennen – „das macht mich richtig sauer“.
Doch er nimmt auch einige Nachbargemeinden in die Pflicht. Laut dem Königssteiner Schlüssel, nachdem Asylbewerber verteilt werden, müsste die Flößerstadt 438 Personen aufnehmen. Aktuell sind es – inklusive Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine – 494. Geretsried bietet 108 mehr Personen Schutz, als die Verteilquote vorsieht, die Kreisstadt Bad Tölz sogar 340 Personen mehr. „Andere Kommunen weisen dagegen eine Unterdeckung auf“, weiß Heilinglechner.
Landrat: Bis Ende 2023 werden zusätzliche 1000 Plätze für Flüchtlinge benötigt
Ihm seien die Auswirkungen von Hallenschließungen sehr wohl bewusst, sagt Landrat Niedermaier. „Die sind bitter, aber nicht zu vermeiden.“ Zum wiederholten Mal erinnert er daran, dass bis Jahresende im Landkreis Platz für zusätzliche 1000 Flüchtlinge geschaffen werden muss. „Das ist das Ziel, an dem halte ich fest.“ Am Freitag hat Niedermaier in einem Gespräch mit dem Regierungspräsidenten von Oberbayern erfahren: Da andere Bezirke im Freistaat ihre Aufnahmequote bislang übererfüllt hätten („in Oberbayern gibt’s eine Unterdeckung“), rücke Oberbayern und damit der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen bei der Zuweisung von Flüchtlingen ab sofort verstärkt in den Fokus.
„Erleichterung ist nicht in Sicht“, konstatiert Niedermaier. Auf die Forderung von Fleischer, ein konkretes Datum zu nennen, an dem die Mehrzweckhalle wieder für den Sportbetrieb freigegeben wird, sagt der Landrat: „Ich bin kein Zauberer.“ Nur so viel: „Bis Ende des Jahres wird sich nichts ändern.“ (cce)
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