Über 100 Demonstranten vor Ort

„Mit Vollgas gegen die Wand“: Frust statt Fortschritt bei Brenner-Diskussion in Rohrdorf

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Ulrich Lange (links) und Katharina Schulze (rechts) gingen nach der Sendung noch ins persönliche Gespräch mit den Bürgern.
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Viele offene Fragen, vage Antworten: So könnte man die Diskussion zum Verkehr im Inntal bei „jetzt red i“ in Rohrdorf zusammenfassen. Wie die Zuschauer die Sendung vor Ort erlebt haben – und warum trotz all dem Frust zumindest ein Funken Zuversicht bleibt.

Rohrdorf – Dass am Mittwoch (17. Juli) in Rohrdorf heiß diskutiert werden würde, war schon vor Beginn der Fernsehsendung „jetzt red i“ offensichtlich. Vor dem Turner Hölzl, wo die Sendung stattfand, versammelten sich über 100 Demonstranten der Bürgerinitiative Brennerdialog. Die Stimmung: zwiegespalten. Einerseits ist man froh, dass sich mit Ulrich Lange (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium, endlich jemand für das Thema Brenner-Nordzulauf interessiert. Andererseits fühlt man sich dennoch schon viel zu lange viel zu wenig ernst genommen.

Brenner-Nordzulauf-Diskussion: Große Enttäuschung danach

Die Betroffenen wollen Antworten. So auch ein Landwirt aus Flintsbach, der namentlich nicht genannt werden möchte. Er stehe nun „mit dem Rücken zur Wand“, wie er in der TV-Sendung erklärte. Vor der Live-Show zeigte sich das paar noch vorsichtig optimistisch. „Wir sind froh, dass endlich jemand da ist, der sich die regionalen Sorgen und Nöte mal anhört“, sagte er. Umso größer war die Enttäuschung danach. Von Lange sei nur „oberflächliches Politiker-Reden ohne Aussage“ gekommen.

Ja, festnageln ließ sich der Staatssekretär beim Thema Brenner-Nordzulauf nicht. Die Einladung zum Vor-Ort-Besuch lehnte er deutlich, aber mit galanter Umschreibung ab. „Wenn ich deutschlandweit zu jeder Trasse momentan fahre, komme ich nicht mehr rum“, sagt er. Ein schwacher Trost für den Flintsbacher-Landwirt. „Wie möchte der Bundestag sich entscheiden, wenn er nicht einmal ein paar Leute rausschickt, die sich das vor Ort anschauen?“, fragt er sich.

Es war einiges los in Rohrdorf. Schon vor Beginn der Sendung „jetzt red i“ fand vor dem Turner Hölzl eine Demonstration der Bürgerinitiative Brennerdialog statt.

Brennerdialog-Vorsitzender: Veranstaltung hat ein wenig Mut gemacht

Doch es war nicht nur das Auftreten von Ulrich Lange, welches für Enttäuschung sorgte. Katharina Schulze, Grünen-Vorsitzende im Bayerischen Landtag, sorgte mit einer Aussage für entsetztes Raunen im Publikum. „Nach den Berechnungen werden 400 Züge mehr pro Tag kommen“, sagte sie in der Sendung und unterstrich damit ihre Forderung nach der Neubaustrecke. Lothar Thaler, Vorsitzender der Bürgerinitiative Brennerdialog, sagte im Anschluss, dass ihn das „haarsträubende Verhalten“ von Schulze schockiere.

Dennoch: Ihm hat die Veranstaltung auch ein wenig Mut gemacht. Denn Lange machte auch deutlich, dass noch nichts entschieden sei. Das parlamentarische Verfahren starte im Herbst oder Winter dieses Jahres – und da könnten auch noch einmal alle Einwände vorgebracht werden. „Wir werden die entsprechenden Verkehrspolitiker noch informieren“, sagte Thaler. „Und wenn ich mein Material mit dem Schubkarren nach Berlin fahren muss“, ergänzte er und lacht. Gesprächsbedarf gebe es noch mehr als genug.

Der Andrang nach der Sendung war groß. Etliche Bürger wollten persönlich mit Ulrich Lange ins Gespräch kommen. Auch Rosenheims Landrat Otto Lederer (CSU) ergriff seine Chance.

Landwirt besorgt: „Fahren mit Vollgas gegen die Wand“

Dass es noch dauern wird, bis eine endgültige Entscheidung fällt, ist für betroffene Anwohner, wie etwa den Landwirt aus Flintsbach, allerdings eine Belastung. „Wir leben für unseren Hof“, erzählte er nach der Sendung. Immer wieder habe man Geld investiert. „Uns wurde auch gesagt, wir sollten jetzt Gas geben, da die letzten drei Buchführungsjahre für die Berechnung der Entschädigung genutzt werden.“ Und jetzt? Gibt es immer noch keine konkreten Aussagen. Weder von der Bahn, noch aus der Politik. „Wir fahren mit Vollgas gegen die Wand.“

Nicht nur Einzelschicksale beschäftigen die Menschen in der Region. Es gehe auch um das Große Ganze – und das sei in der Sendung mit Lange und Schulze viel zu kurz gekommen, meint Anette Wagner aus Rohrdorf. Sie selbst ist nicht betroffen von der aktuell geplanten Trasse. Wundert sich aber doch über das Vorgehen beim europäischen Großprojekt. Es müsse doch erstmal nachgewiesen werden, dass ein Infrastrukturprojekt dieser Größenordnung sinnvoll sei, fordert sie. „Die Frage ist doch: Rechnet sich das ökologisch und ökonomisch?“, fragt sie sich. Sie selbst antwortet mit einem klaren Nein.

Brenner-Nordzulauf: Politischer Wille für Schienen-Güter fehle

Was Wagner auch ärgert: „Immer heißt es, wir müssen die Güter auf die Schiene bringen, aber niemand tut etwas dafür.“ Es werde in der Politik aktuell weder gefordert noch gefördert. „Zu behaupten, dass durch die Verlagerung der Güter auf die Schiene kein Verkehrsproblem mehr besteht und wir dafür neue Schienen brauchen, ist einfach ein Kausalzusammenhang, der Quatsch ist“, macht Wagner deutlich. Solange kein politischer Wille da sei, die Güter schon jetzt auf die Schiene zu bringen – egal von welcher Partei – könne es nicht funktionieren. Und dann stehe auch die Bevölkerung nicht dahinter.

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