Die gerade einmal knapp 150 Besucher, die sich am Dienstagabend ins Tölzer Kurhaus verirrt hatten, sollten ihr Kommen wirklich nicht bereuen. Mit „Schwanensee“ gelang dem Ensemble des Moskauer Staatsballetts eine Aufführung, die begeisterte.
Bad Tölz – Sowohl die Hauptrollen, besetzt mit Primaballerina Mila Titova als Odette/Odile und Sergej Skvortsov als Prinz Siegfried, als auch die „Schwäne“ zeigten eine tänzerische Qualität, die man so auf einer Provinzbühne nicht erwartet hätte.
„Schwanensee“ zur Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski ist zweifellos eines der berühmtesten klassischen Ballettwerke. Es gehört zum Standardrepertoire aller namhaften Ballettcompagnien. Vor allem das Allegro Moderato aus den Schwanentänzen des zweiten Akts, besser bekannt als „Tanz der vier kleinen Schwäne“, ist nicht nur dem ballettinteressierten Publikum bekannt. Auch in Bad Tölz rief es spontanen Szenenapplaus hervor. Dasselbe galt für die tänzerische Darbietung des Hofnarren.
Neben den technischen Anforderungen stellt „Schwanensee“ auch hohe Ansprüche an die schauspielerischen Fähigkeiten der Darsteller. Vor allem die prägende Doppelrolle der Odette/Odile, die die Primaballerina zwingt, einerseits einen lyrischen, guten Charakter (Odette) zu verkörpern, andererseits einen dämonischen (Odile).
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Die Geschichte von „Schwanensee“ ist schnell erzählt. Im Schlosspark feiert Prinz Siegfried seinen 21. Geburtstag. Am nächsten Tag soll er beim großen Hofball eine Braut wählen. Zuerst aber geht der Prinz auf die Jagd. Am Schwanensee trifft er dann das wunderschöne, verzauberte Schwanenmädchen Odette. Nur wer ihr ewige Liebe schwört, könne sie von ihrem Zauber erlösen. Siegfried, von ihrem Liebreiz überwältigt, tut dies. Doch der dämonische Baron Rotbart schiebt ihm beim Hofball Odile, das verführerische negative Ebenbild seiner Geliebten unter. Prinz Siegfried fällt auf den Schwindel herein und schwört auch Odile ewige Liebe und Treue. Als der Prinz die Täuschung bemerkt, läuft er verzweifelt zum Schwanensee. Dort vergibt ihm Odette und rettet ihn vor den Machenschaften von Baron Rotbart.
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Nicht nur die ausgezeichnete tänzerische Darbietung mit präziser Fußarbeit der Schwanengruppe zog das Tölzer Publikum in seinen Bann, auch die prächtigen, aufwendig gestalteten Kostüme des Moskauer Staatsballetts waren ein Augenschmaus.
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Der einzige Aspekt, der den ausgezeichneten Eindruck der Aufführung etwas schmälerte, war der hellhörige Holzboden der Kurhaus-Bühne. Als die „Schwäne“ in einigen Szenen mit filigranen Bewegungen hereinschweben sollten, hörte sich das leider an, als wenn eine Horde Pferde hereintrampeln würde. Dennoch, eine Ballettaufführung dieser Qualität hätte ein wesentlich größeres Auditorium verdient gehabt.
Ewald Scheitterer