VonChristiane Mühlbauerschließen
Zum ersten Mal öffnete das Schusterhaus in Kochel am Tag des offenen Denkmals seine Pforten für die Öffentlichkeit. Das Interesse war groß. Das Gebäude zeigt ein wichtiges Stück der Kochler Ortsgeschichte und gibt Einblicke in das Schusterhandwerk aus vergangenen Jahrhunderten.
Kochel am See – Die Räume sind niedrig und dunkel. Das Licht, das durch die Fenster fällt, erhellt nur selten den ganzen Raum. Es riecht feucht. In der Werkstatt hat man das Gefühl, der letzte Schuster hätte sein Werkzeug gerade erst beiseite gelegt. Die Preisliste hängt noch am Wandschrank. Geht man ums Eck, steigt Kaffeeduft in die Nase.
Es ist erst neun Jahre her, dass Josef Schöffmann, der letzte Schuster von Kochel, verstarb. Der Kaffeeduft am Sonntagvormittag war den Helfern des Kochler Vereins für Heimatgeschichte zu verdanken, die die zahlreichen Besucher mit warmen Getränken, Kuchen und Brotzeit in der Tenne verköstigten. Denn zum ersten Mal konnten die Besucher am gestrigen Sonntag das alte Schusterhaus in der Kochler Ortsmitte besichtigen. Das Interesse war groß.
Die Gemeinde hatte das unter Denkmalschutz stehende Bauernhaus 2014 erworben, vier Jahre nach dem Tod von Josef Schöffmann. Der 83-Jährige hatte das Gebäude, das sich über Jahrhunderte in Familienbesitz befand, bis zu seinem Tod bewohnt, den Großteils eines Lebens zusammen mit seiner ledigen Schwester. Diese war 2008 verstorben. Alles, was sich im Haus befindet, ist original. „Halb Kochel hat sich bei Josef Schöffmann noch die Schuhe richten lassen“, sagte Bürgermeister Thomas Holz beim Rundgang.
Die Geschichte des Anwesens lässt sich bis ins Jahr 1250 zurückverfolgen. Ein gemauertes Erdgeschoss wurde erstmals 1580 erwähnt, 1782 kam das Obergeschoss hinzu. Im Zeitraum von 1647 bis 2010 lebten nachweislich zehn Generationen von Schustern darin: zuerst Familie Reiser, dann, durch Heirat, Familie Schöffmann. Neben der Schusterei betrieben sie alle eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung. In der Tenne lagerten sie das Heu, und im Stall war Platz für vermutlich zwei Kühe, ein paar Schweine und Jungvieh, sagt Max Leutenbauer, der Vorsitzende des Vereins für Heimatgeschichte im Zwei-Seen-Land.
Seit 2015 sind dessen Mitglieder damit beschäftigt, das Schusterhaus in ein Heimatmuseum samt „Kulturwerkstatt“ umzubauen, gefördert unter anderem mit finanzieller Unterstützung von Gemeinde, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Bezirks Oberbayern. Die Kosten für eine denkmalgerechte Sanierung werden auf rund 600 000 Euro geschätzt.
„Der Zustand des Hauses ist schlechter als gedacht“, sagte Max Leutenbauer beim Rundgang. Am Tennendach konnten nur vier Sparren aus dem Jahr 1782 erhalten werden, deshalb musste man 44 austauschen. Auch der Boden im Haus bereitet noch Sorgen, deshalb konnte man am Sonntag nicht jeden Raum betreten.
Die Werkstatt war natürlich das Spannendste. Hier liegen zahlreiche Schusteruntensilien aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Auch eine große Walzenpresse, mit der man das Leder geschmeidig machte, war zu bestaunen. Interessanterweise wurde jahrhundertelang aus dem Fenster verkauft, deshalb haben die beiden Scheiben zur Straßenseite hin noch zwei kleine Flügelchen. „Das Ladengeschäft wurde erst in den 1930er-Jahren eingerichtet“, erklärte Leutenbauer.
Die Geschwister Schöffmann hatten zwar elektrisches Licht und fließendes Wasser, jedoch keine Zentralheizung. Geheizt wurde in der Küche mit Holz oder durch einen Ölofen in der Werkstatt. Eine Toilette wurde erst in den 1950er-Jahren ins Haus gebaut. Mit dem Aufkommen des Fremdenverkehrs im Loisachtal vermieteten auch die Schöffmanns ein Zimmer an Fremde, nachweislich an Sommerfrischler aus Berlin und Dortmund.
Dieses Zimmer im Obergeschoss hebt sich optisch vom Elternschlafzimmer sowie Schlafräumen für die Buben und die Tochter ab. Das Mobiliar sowie Bettwäsche, Handtücher und Waschschüssel stammt aus der Zeit um 1925, als die jüngste Generation der Schöffmanns Landwirtschaft und Betrieb übernahm. Nachkommen gibt es keine mehr, denn sowohl Josef Schöffman als auch seine Schwester blieben kinderlos.
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Ende 2020 soll die Sanierung abgeschlossen sein. Bürgermeister Thomas Holz ist stolz auf Vereinsmitglieder und die Fachfirmen: „Ihr schafft hier etwas, das für die Nachwelt zwingend erhaltenswert ist.“ Das Dach wurde mittlerweile schon komplett instand gesetzt. In der Tenne wird eine „Kulturwerkstatt“ entstehen, die auf 80 Quadratmetern Raum bieten soll für Veranstaltungen und für eine kleine Gastronomie (mittelfristig geplant). Zudem soll eine Bibliothek über die Kochler Ortsgeschichte informieren.

