Weilheim

Zu teuer und „eklatanter Busfahrermangel“: Stadtbus nach Marnbach und Polling ist bald passé

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Ein Weilheimer Stadtbus auf dem Weg nach Deutenhausen: In der jetzigen Form gibt’s das nur noch bis Ende März. Allenfalls ein Rufbus ist laut Stadt später denkbar.
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Ab April fahren keine Stadtbusse mehr nach Deutenhausen und Marnbach, in die Gewerbegebiete Trifthof und Achalaich, zur Berufsschule sowie nach Polling. Der sechsmonatige Probebetrieb wird aus Kostengründen und mangels Busfahrern nicht verlängert – obwohl die Linien teils gut angenommen wurden.

Weilheim – Erst im Oktober 2022 waren die zusätzlichen Stadtbuslinien 5, 6 und 7 eingeführt worden – mit einem Zwei-Stunden-Takt und als Probebetrieb für sechs Monate. Diesen bekam die Stadt Weilheim geschenkt. Die Stadtwerke als Stadtbus-Betreiber trugen ihn dank guter Erlöse aus dem Treibhausgas-Quotenhandel selbst. Dem Unternehmen zufolge kostete der Testbetrieb in den ersten drei Monaten 51.000 Euro.

Kontroverse Debatte im Weilheimer Rathaus

Weil der Quotenhandel heuer wohl weniger abwirft und andere Investitionen anstehen, schlossen die Stadtwerke aus, die Zusatzlinien nach der Testphase auf eigene Kosten weiterzuführen. Und auch der Hauptausschuss des Weilheimer Stadtrates lehnte dies vergangenen Mittwoch –nach kontroverser Debatte – mit sechs zu drei Stimmen ab. Somit fahren ab April keine Stadtbusse mehr nach Deutenhausen und Marnbach, in die Gewerbegebiete Trifthof und Achalaich, zur Berufsschule am Narbonner Ring sowie nach Polling.

Jetzt wird über ein Rufbus-System nachgedacht

Als Ersatz ist für die betroffenen Linien außer der Berufsschul-Verbindung ein Rufbus mit Neunsitzern angedacht, den die Nutzer spätestens eine halbe Stunde vor Abfahrt per Telefon oder App bestellen müssen. Dieses System muss aber erst noch erarbeitet werden. Ab Oktober könnte es damit für die Linien 5 und 6 wieder einen halbjährigen Probebetrieb geben.

Viele Pollinger nutzen den Stadtbus für den Arbeitsweg

Grundlage für die Entscheidung, den laufenden Betrieb der Linien 5, 6 und 7 nicht zu verlängern, sind zwei Fahrgastbefragungen vom Oktober und Dezember. Für Deutenhausen/Marnbach ergab sich dabei eine Auslastung von vier Prozent, überwiegend mit Freizeitfahrten. „Unter den gesetzten Erwartungen“ sei die Route Trifthof angelaufen, fast gar keine Nutzer gab es bei der Anbindung der Berufsschule. Dagegen wurde die Linie Polling laut Betreiber „von Schülern seit Beginn sehr gut angenommen“. Auch die Gesamtzahl der Nutzer (Auslastung: 12,8 Prozent) sei hier „sehr zufriedenstellend“, der Bus werde „vor allem auch für den Arbeitsweg aktiv angenommen“.

Immer wieder Ausfälle wegen fehlender Busfahrer

Als Riesenproblem führte Stadtwerke-Chef Peter Müller jedoch den „eklatanten Busfahrermangel“ ins Feld. Ausfälle auf den Test- wie auch auf den Bestandslinien seien deshalb in den letzten Monaten nicht zu vermeiden gewesen. Ein Weiterbetrieb der Probelinien in ihrer jetzigen Form könne „auf Dauer nicht permanent und sicher gewährleistet werden“. Auch im Bestandsnetz drohen Kürzungen – etwa dass Stadtbusse sonntags nur noch von 10 bis 17 statt von 8 bis 20 Uhr fahren, so Müller: „Das sind Dinge, die wir noch diskutieren müssen.“

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Der Busfahrermangel sei ein „Sachzwang“, der eine Fortführung des Testbetriebs unmöglich mache, befand im Hauptausschuss BfW-Stadtrat Hubert Schwaiger. Andere warben vehement für Fortsetzung, teils mit Verweis auf eine Stellungnahme von Pro Bahn (siehe unten). Manuel Neulinger (Grüne), der Verkehrsreferent des Stadtrates, war beruflich verhindert, sprach sich aber per E-Mail dafür aus, zumindest die Linien nach Polling, Achalaich und Trifthof fortzuführen. Diese trotz „erfreulich hoher Nutzerzahlen“ wieder einzustellen, wäre „ein ganz schlechtes Signal im Hinblick auf die dringend notwendige Steigerung der Attraktivität des Nahverkehrs und den Klimaschutz“.

„Werbeoffensive“ für Stadtbus gefordert

Es brauche eine „Ausbildungsoffensive“ für mehr Busfahrer, betonte Petra Arneth-Mangano (SPD), eine „Werbeoffensive“ für den Stadtbus – und eine Abkehr davon, „Kfz zu bevorzugen“. Roland Bosch (ÖDP) forderte, Firmen stärker zur Förderung des Stadtbusses zu motivieren. Und der Trifthof müsse schon wegen der geplanten großen Asyl-Unterkunft „unbedingt angebunden sein“.

CSU-Vertreter: „Ganzes Stadtbus-System hinterfragen“

CSU und BfW unterstützten indes den Stadtwerke-Vorschlag, den gesamten Probebetrieb nicht fortzusetzen und stattdessen ein Rufbus-Modell zu entwickeln. Nur so sei eine Anbindung der Ortsteile, die man prinzipiell wolle, finanzierbar, sagte Marion Lunz-Schmieder (CSU). Ihr Parteifreund Klaus Gast hält nichts von zwei verschiedenen Modellen. Eher müsse im Blick aufs Stadtbus-„Defizit“ „das ganze System überdacht und hinterfragt werden“. Tillman Wahlefeld (BfW) will den Stadtbus „nicht generell in Frage stellen“. Er selbst brauche und nutze ihn nicht, räumte er ein, „aber ich zahle gern über meine Steuern dafür, dass es den Stadtbus gibt“.

Pro Bahn: „Ein fatales Signal“

Deutliche Kritik an der Einstellung der Stadtbuslinien 5, 6 und 7 übt Norbert Moy, Vorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn Oberbayern. Von dieser Entscheidung gehe „ein fatales Signal“ aus, schreibt der Weilheimer in einem Offenen Brief an die Stadtratsmitglieder: „gerade jetzt, wo die Politik in den Sonntagsreden Klimaschutz und Mobilitätswende beschwört“.

Das größte Manko der Testlinien, aber auch des Stadtbusses generell, sei die teils „fehlende Abstimmung auf die Züge in Weilheim“. Stadtbusnutzer hätten zu und von den Zügen nach München, Augsburg und Schongau oft 30 bis 60 Minuten Umsteigezeit – was fahrplantechnisch vermeidbar wäre. „Das ist schlicht ein grober handwerklicher Fehler und eine vertane Chance“, so Moy. Auch die Anbindung des Gewerbegebiets Achalaich entspreche keinem Standard. „Es ist unverständlich, wie man Gewerbegebiete auf der grünen Wiese bauen darf, ohne eine adäquate Anbindung an den öffentlichen Verkehr vorzusehen.“

Moys Fazit: „Halbscharige Angebote ins Schaufenster zu stellen und dann trotz befriedigender Fahrgastzahlen wieder abzuschaffen, motiviert die Bürger nicht zum Umsteigen.“ Stattdessen sollte der Stadtrat für Bahn- und Buskunden „ein annähernd ähnliches Engagement entwickeln wie für die autofahrenden Verkehrsteilnehmer und deren Bedürfnisse“.

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