Loisach-Isar-Kanal in Wolfratshausen

„Inzwischen ist der Biber da!“ - Kritik an Standort für geplantes Wasserkraftwerk

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Am Wehr am Loisach-Isar-Kanal in Wolfratshausen will die Wasserkraft Farchet GmbH ein neues Wasserkraftwerk bauen.
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Die Stadträte stehen mit einer Ausnahme hinter dem Bau eines neuen Wasserkraftwerks in Wolfratshausen. Es könnte rund ein Viertel der Haushalte in der Loisachstadt mit Strom versorgen.

Wolfratshausen – Der Stadtrat steht hinter dem am Wehr am Loisach-Isar-Kanal geplanten neuen Wasserkraftwerk. Das Verfahren zieht sich wie berichtet inzwischen seit acht Jahren. In ihrer jüngsten Sitzung befürworteten die Mandatsträger mit einer Ausnahme den Antrag der Wasserkraft Farchet GmbH auf die Erteilung einer wasserrechtlichen Genehmigung. Die endgültige Entscheidung fällt das Landratsamt.

„Inzwischen ist der Biber da“: Kritik an Standort für geplantes Wasserkraftwerk

Bereits im Juni 2015 hatte die GmbH, gegründet von den Tölzer Stadtwerken (40 Prozent Anteil) und der Eon-Tochter Bayernwerk Natur GmbH (60 Prozent Anteil) um die „wasserrechtliche Bewilligung für Gewässerbenutzungen des Loisach-Isar-Kanals durch eine neue Wasserkraftanlage in der Stadt Wolfratshausen“ ersucht. Doch der Genehmigungsprozess ist komplex, berücksichtigt werden muss unter anderem das zusammenhängende Gewässersystem innerhalb des Landkreises. Die Abflussmengen vom Walchenseekraftwerk in den Kochelsee haben Einfluss auf die Wassermenge, die durch den Loisach-Isar-Kanal fließt, zudem müssen die Rechte des Betreibers der Weidachmühle und die Belange der Flößereibetriebe (Stichwort Pegelstand) beachtet werden. Doch schon in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses war Tenor, dass das Vorhaben nun Tempo aufnehmen müsse. Zumal derzeit nur über das Wasserrecht gesprochen werde, betonte Michael Bartels, Pressesprecher der Bayernwerk AG, gegenüber unserer Zeitung – das baurechtliche Verfahren folgt. Die Turbine soll laut Bartels etwa zwei Millionen Kilowattstunden Strom jährlich produzieren. Das würde dem Verbrauch von rund einem Viertel der Wolfratshauser Haushalte entsprechen.

Wir brauchen alle Komponenten erneuerbarer Energie, also auch die Wasserkraft, und an dieser Stelle ist der Eingriff in die Natur wohl verträglich.

Dr. Hans Schmidt (Grüne), Umweltreferent des Stadtrats

Für Dr. Hans Schmidt ist es „höchste Zeit, das Projekt zu realisieren“, so der Grünen-Stadtrat in der Bauausschusssitzung. Zwar hätten die Grünen einen Standort auf Geltinger Flur bevorzugt, „weil dieser deutlich mehr Gefälle und die Zweitnutzung des Wassers in den Kraftwerken am Kastenmühlwehr ermöglicht“. Allerdings habe die Wasserkraft Farchet die Wirtschaftlichkeit dieser Lösung bestritten, weil angeblich deutlich höhere Investitionskosten anfallen würden. Für Schmidt zählt nach Abwägung aller Argumente: „Wir brauchen alle Komponenten erneuerbarer Energie, also auch die Wasserkraft, und an dieser Stelle ist der Eingriff in die Natur wohl verträglich.“

„Inzwischen ist der Biber da!“: Dr. Manfred Fleischer (Wolfratshauser Liste) hält den Standort am Loisach-Isar-Kanal für den Bau eines neuen Wasserkraftwerks für „die denkbar ungünstigste Stelle“.

Diese Aussage unterstreiche „die Doppelzüngigkeit der Grünen“, stellte Dr. Manfred Fleischer (Wolfratshauser Liste) in der jüngsten Stadtratssitzung fest. Dem Gremium lag in puncto wasserrechtliche Genehmigung eine positive Beschlussempfehlung des Bauausschusses vor. Fleischer, der den Standort am Loisach-Isar-Kanal kategorisch ablehnte, hielt den Grünen vor: „Wenn es um regenerative Energie geht, ist plötzlich alles okay.“ Er, Fleischer, werde einem Eingriff in ein Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiet nicht zustimmen. Das letzte Viertel der Strecke zwischen dem geplanten Wasserkraftwerk und der Isar liegt in eben solch einem besonders schützenswerten Bereich. Das Gutachten zur FFH-Verträglichkeit der Baumaßnahme ist laut Schmidt, Umweltreferent des Stadtrats, allerdings positiv ausgefallen.

Neben dem Biber auch „Brutvorkommen der Wasseramsel“

Doch eine Umweltverträglichkeitsprüfung habe nicht stattgefunden, hielt Fleischer dagegen. Der potenzielle Bauherr arbeite „mit alten Grundlagen“. Zudem wies Fleischer darauf hin: „Inzwischen ist der Biber da!“, außerdem „Brutvorkommen der Wasseramsel“. Er legte Wert auf die Feststellung, dass es ihm nicht „um das Für oder Wider Wasserkraft geht“, sondern „um den optimalen Standort“. Das Wehr am Kanal sei „die denkbar ungünstigste Stelle“ – „der Standort Gelting wäre besser geeignet“.

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Stadt Wolfratshausen hält sich Beteiligung offen

Ihr Ja zur Bewilligung der wasserrechtlichen Genehmigung versahen die Stadträte mit einigen Einwendungen. Das Verfahren führt das Landratsamt. Im Bescheid soll die Kreisbehörde unter anderem regeln

• dass eine für die Flößereibetriebe in Wolfratshausen benötigte Mindestwassermenge in der Loisach in den Monaten des Floßbetriebes (Mai bis September) gewährleistet sein muss;

• die Mindestwassermenge der Loisach muss so groß sein, dass weder Flora noch Fauna der Loisach geschädigt werden; sie ist durch ein Gutachten zu bestimmen und kontinuierlich messtechnisch im Internet öffentlich zugänglich zu machen;

• die in den Loisach-Isar-Kanal eingeleitete Wassermenge muss kontinuierlich gemessen und im Internet öffentlich zugänglich gemacht werden;

• ein genau bemaßter Zufahrtsplan und detaillierter Baustelleneinrichtungsplan muss vor Maßnahmenbeginn bei der Stadt eingereicht und vor Bauausführung mit der Stadtverwaltung abgestimmt werden;

• Baumfällungen und Rückschnittmaßnahmen auf städtischem Grund sind vorab mit der Stadtverwaltung abzustimmen; sie sind auf das notwendigste Maß zu begrenzen; sollen derartige Maßnahmen zwischen 1. März und 31. Oktober durchgeführt werden, ist neben der Zustimmung der Stadt auch die Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt einzuholen;

• wie von der Bayernwerk Natur GmbH und der Stadtwerke Bad Tölz GmbH angeboten, möchte sich die Stadt Wolfratshausen eine Beteiligung von 20 Prozent an der Betreiberfirma offenhalten; die finale Entscheidung soll nach Ermittlung der Gesamtkosten für das Projekt fallen;

• die Wiederherstellung des Isarradweges (Radwegroute München – Venedig) muss nach Fertigstellung der Baumaßnahmen gewährleistet sein;

• die Umleitungsmaßnahmen während der Bauphase sind öffentlich zu kommunizieren und ausreichend zu beschildern;

• es wird darum gebeten, mit den privaten Anliegern zeitnah in Kontakt zu treten um diese über das Bauvorhaben zu informieren. (cce)

Helmuth Holzheu (Bürgervereinigung Wolfratshausen/BVW), Vorsitzender des Bezirksfischereivereins Wolfratshausen, bat darum, dass im weiteren Verfahren „die Fischereiberechtigten befragt werden“. Er plädierte dafür, dass die Wasserkraft Farchet GmbH nicht nur wie vorgesehen eine Abstiegshilfe für Fische anlegt, sondern auch eine Aufstiegshilfe. „Wir sollten die Kirche im Dorf lassen, da ist noch nie ein Fisch hochgekommen“, merkte Schmidt an.

Mit einer Gegenstimme (Fleischer) befürwortete der Stadtrat den Antrag auf Erteilung der wasserrechtlichen Genehmigung. „Das Verfahren führt das Landratsamt“, betonte Rathauschef Klaus Heilinglechner (BVW).

Inbetriebnahme des neuen Wasserkraftwerks „vielleicht“ im Herbst/Winter 2024

Bayernwerk-Sprecher Bartels hatte im Januar dieses Jahres im Gespräch mit unserer Zeitung zum voraussichtlichen zeitlichen Ablauf erklärt: Sollte die wasserrechtliche Genehmigung kurz- bis mittelfristig erteilt und anschließend der Bauantrag zeitnah bewilligt werden sowie die Aufträge für die Gewerke zügig vergeben werden können, dann könnte („aber frühestens!“) Anfang kommenden Jahres der erste Spatenstich erfolgen. Mit der Inbetriebnahme des neuen Wasserkraftwerks sei demnach „vielleicht“ im Herbst/Winter 2024 zu rechnen. (cce)

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