Mit oder ohne Düne

Streit um den Domshof in der Bremer Innenstadt: „Wird zum neuen Drogen-Hotspot“

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Pläne für den Domshof – mit der rampenartigen, dünenähnlichen Erhöhung neben dem „Alex“.
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Mitten in der Stadt und im Zentrum der Aufregung: Der Domshof in Bremen. Was soll aus ihm werden?

Bremen – Die Wogen der Empörung schlagen hoch in Bremen – wegen einer Düne. Sieben Entwürfe hatte es für die seit Jahrzehnten wieder und wieder geplante Neugestaltung des Domshofs in der Bremer Innenstadt gegeben. Der Sieger-Entwurf ruft nun massive Kritik hervor, weil er eine meterhohe Düne oder Tribüne an der „Alex“-Seite des Platzes vorsieht.

Wer aus Richtung Bischofsnadel und Wall zum Domshof kommt, könnte dann Rathaus und Dom nicht mehr sehen – sondern stattdessen eine Wand. Wie im Dezember in unserer Zeitung berichtet, hatte Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) den Büros „Sowatorini Landschaft“ (Berlin) und „RB+P Landschaftsarchitektur“ (Kassel) „den Zuschlag für weitere Planungsleistungen zur Umgestaltung des wichtigsten Stadtplatzes erteilt“, wie es seinerzeit hieß.

Die „Sowatorini“-Pläne sehen eine „Verwandlung in drei Akten“ vor. Und eben eine markante Veränderung, denn eine Ecke des Domshofs soll angehoben werden, bis zu dreieinhalb Meter (an der nordöstlichen Seite), was den Platz vom Bereich Schüsselkorb/Violenstraße abgrenzen dürfte. Die Planer sprechen in diesem Zusammenhang von einer „skulpturalen Erhöhung“, die „sowohl als Tribüne für Veranstaltungen sowie konsumfreier Aufenthaltsort zum Beobachten und Verweilen genutzt werden kann“. Einen praktischen Zweck soll die Erhöhung obendrein erfüllen: Sie bietet den Zugang zum geplanten Fahrradparkhaus im Tiefbunker unterhalb des Domshofs.

Bremer Düne in der Bremer City löst Welle der Kritik aus

Das Echo ließ ein wenig auf sich warten, dafür ist es nun wie eine mächtige Welle der Kritik in die Diskussionen um die Zukunft der Bremer City geklatscht. Das unterirdische Fahrrad-Parkhaus – viel zu groß, bemängelte die Fahrrad-Lobby. Mehrere dezentrale Radparkplätze würden Radler-Gewohnheiten viel eher entgegenkommen. Und dann die Düne! Vollkommen unpassend, hielten Kritiker den Entwurfsbefürwortern um Senatsbaudirektorin Prof. Dr. Iris Reuther und Carl Zillich (Projektbüro Innenstadt) entgegen. Mit der meterhohen Wand drohe zudem eine neue Gammel-Ecke in der Bremer Innenstadt.

Besonders deutliche Kritik an der Domshof-Düne äußert Landesdenkmalpfleger Prof. Dr. Georg Skalecki. Er argumentiert aus historischer Sicht. Der Domshof sei ein 700 Jahre alter Platz. „Einen Platz kann man nicht verformen.“ Die Bischofsnadel, heute City-Einfallstor für Radfahrer und Fußgänger, sei einst für den Bischof der einzige Zugang zum Dom gewesen, so Skalecki. „Das sind historische Sichtbezüge, die kann man nicht zerstören.“ In diesem Zusammenhang verweist Skalecki auch auf den Welterbe-Status von Rathaus und Roland.

FDP: „Das wird zum neuen Drogen-Hotspot“

„Mit einer Beton-Düne, die Touristen und Gästen die Sicht auf Dom und Rathaus nimmt, gewinnt man nichts. Noch schlimmer ist die Vorstellung von einem unterirdischen Fahrradparkhaus, das mit großer Sicherheit zum neuen Drogen-Hotspot wird“, so FDP-Fraktionschef Thore Schäck. Sein Vorschlag: „Lieber den Domshof lassen, wie er ist, und mit hochwertiger Gastronomie, etwas Grün und ausreichend Sitzgelegenheiten ausstatten. Bis man sich auf ein Konzept einigt, dass der Wichtigkeit dieses Platzes angemessen ist.“

Der Domshof mit Wochenmarkt und ohne Düne.

Linken-Fraktionschefin Sofia Leonidakis sieht es so: „Bei Fragen der Innenstadtentwicklung entwickelt sich eine Zerrede-Dynamik.“ Der Sieger stehe fest, der Entwurf aber könne angepasst werden – notfalls ohne das große Fahrradparkhaus unter der Düne. „Hauptsache, wir kommen mal voran, ohne uns schon am Grundlegenden zu verhaken“, so Leonidakis.

Vorankommen möchte auch die Handelskammer. Sie regt einen Kompromiss an, auf den es am Ende tatsächlich hinauslaufen könnte. Denn es müsse weiter das Ziel sein, „dem Domshof durch neue Flächenaufteilungen und Flächengestaltungen insgesamt mehr Aufenthaltsqualität und städtebauliche Qualität zu verleihen“. Wenn „selbst die Fahrradverbände“ davon abrücken, „dann sollte auf die Tiefgarage – und damit auch auf das kritische Element Düne – verzichtet werden“. Unstrittige Elemente wie eine Neusortierung des Wochenmarkts hingegen sollte Bremen nun umsetzen. Dass die Düne wirklich kommt, wirkt angesichts der großen Kritik unwahrscheinlich. Denkmalpfleger Skalecki formuliert es so: „Ich bin optimistisch, dass die Vernunft siegen wird.“

Kommentar zum Thema: Der Domshof muss ein Platz bleiben

Von Thomas Kuzaj.

Nach jahrzehntelanger Diskussion um den Domshof sollte nun endlich die ganz große Lösung her, ein Projekt mit Höhen (Düne) und Tiefen (Fahrradparkhaus). Auch diese Pläne drohen, wie etliche in der Vergangenheit, zu scheitern. Eine gute Gelegenheit, den Platz einmal wieder als das zu betrachten, was er ist: ein Platz, ganz einfach. Ein Platz, der sich öffnet, mitten in der Stadt. Schön.

Ein Platz – und keine Spielwiese für Experimente, erinnert sei nur an das monströse Stahlgerüst des Sommers 2021. Wenn die 50 Tonnen Stahl damals etwas gezeigt haben, dann dies: Der Domshof verträgt keine Eingriffe, die seiner historischen Struktur und Formung zuwiderlaufen, sie wirken aufgesetzt und künstlich. Die Düne wäre das nächste Beispiel in dieser Reihe – ganz davon abgesehen, wie es an einer meterhohe Mauer mitten in der Innenstadt nach ein paar Wochen aussehen dürfte. . .

Was der Domshof verträgt, und das haben die vergangenen Jahre ebenfalls gezeigt, sind behutsame Eingriffe und Dinge, dem Platz das zugestehen, was er braucht – die Freiheit des Raums. Atemluft. Die sommerlichen Musikbühnen und Genusspavillons im Bereich des Neptunbrunnens sind in diesem Zusammenhang ein gutes Beispiel. Sie haben sich eingefügt und zugleich das betont und fortgeführt, was am Domshof funktioniert – wie die Einzelhandels- und Genuss-Zeile aus „Manufactum“-Kaufhaus, „Markthalle Acht“ und „Made in Bremen“. Dieses Trio demonstriert, dass zeitgemäße Gastronomie- und auch Einzelhandels-Konzepte sehr wohl Anziehungspunkte einer Innenstadt sein können.

Dem Domshof ist zu wünschen, dass auch der Wochenmarkt einmal aufgemöbelt wird – nach jahrzehntelanger Diskussion wäre das schon ein großer Schritt.

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