Nahost

„Wir werden lauter denn je sein“ – Mahnwache in Frankfurt zum Jahrestag am 7. Oktober

  • schließen

Am ersten Jahrestag des Angriffs der Hamas auf Israel versammeln sich Menschen zum Gedenken an die Opfer bei einer Mahnwache in der Frankfurter Innenstadt. Zudem gab es eine besonders emotionale Ausstellung der Jüdischen Gemeinde.

Frankfurt - Rund um den Brunnen der Frankfurter Alten Oper sind an diesem regnerischen Montagmittag, 7. Oktober, viele weiße Kerzen aufgestellt: Unweit davon blickt man in die Gesichter der israelischen Geiseln, aufgenommen in einem Moment, als ihr Leben noch glücklich war, als sie nicht ahnen konnten, dass sie von der Terrorgruppe Hamas entführt werden würden. Darunter der lächelnde Babyjunge namens Kfir Bibas mit Stofftier in der Hand: Teddybären umranden das Foto, auf dem steht „Bring them home now“.

Auch dieser Babyjunge ist noch eine Geisel der Hamas.

Eine Frau, die sich mit der israelischen Fahne vor dem Regen schützt, trocknet ihre Tränen mit einem Taschentuch. Sie steht inmitten einer überschaubaren Menge an Menschen: Sie hoffen, dass die Geiseln wie das Baby befreit werden und denken an sie. Ein Redner sagt: „Heute ist der Tag der Trauer. Sie gehört den Opfern der Hamas.“ Es sind sehr emotionale Momente an dem ersten Jahrestag des Angriffs am 7. Oktober.

Mahnwache in Frankfurt zum Jahrestag des Angriffs der Hamas auf Israel

Um 6.29 Uhr begann am Montag die Mahnwache an der Alten Oper, ein Jahr zuvor begann um diese Zeit der Angriff der Hamas auf Israel.

Genau um 6.29 Uhr hat die Mahnwache in Frankfurt begonnen. Seitdem ertönt stündlich eine Sirene: Denn das Massaker begann am 7. Oktober 2023 um 6.29 Uhr. Bei Sonnenaufgang. Die Hamas überfiel Israel, etwa 1200 Menschen wurden getötet und rund 240 Geiseln in den Gazastreifen entführt. Mehr als hundert Geiseln befinden sich bis heute in Gefangenschaft; Zehntausende Palästinenser:innen sind gestorben. Ein Jahr später ist der Frieden, den sich hier so viele wünschen, weit entfernt: Der Konflikt droht, weiter zu eskalieren und auf den Libanon überzugreifen.

Zur Mahnwache hat das Initiativbündnis aufgerufen, bestehend aus „Zusammen Frankfurt“, Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Frankfurt, Honestly Concerned, ILI (I like Israel) und der Aktivistin Simone Hofmann. Auch Sigal Rosenfeld, die jüdisch ist und mit ihrem Mann Nir vegane Restaurants in der Stadt betreibt, steht hier. Um ihrem Hals hängt die Kette mit einem gebrochenen roten Herzen und dem Namen der lebenden, immer noch entführten Geisel Guy Gilboa-Dalal.

„Er ist der Neffe unserer besten Freundin in Israel. Er wurde auf dem Supernova-Musikfestival von den Hamas-Terroristen als Geisel genommen. In Gefangenschaft hat er seinen 23. Geburtstag erleben müssen“, sagt Rosenfeld. Der letzte glückliche Moment mit seinem älteren Bruder, der sich verstecken konnte, ist ein Selfie auf dem Festival. Sigal Rosenfeld sagt, dass sie eigentlich an diesem Tag ihrem Mann bei dem veganen Obdachlosen-Essen im Römer helfen würde. „Aber ich kann heute nichts anderes machen, als an die Opfer in der Gemeinschaft zu gedenken.“ Dass am Abend die Pro-Palästina-Demo am Jahrestag des Hamas-Terrorangriffs stattfinden darf, empfindet sie als „Hohn“. „Das ist keine Pro-Palästina-Demo, sondern eine Pro-Terror-Demo.“ Sie wünsche sich wie alle hier, dass die Geiseln nach Hause können und, auch „wenn das utopisch ist, Frieden für die Menschen in Israel und im Gazastreifen“.

Jüdische Gemeinde in Frankfurt präsentiert Ausstellung im Westend

Die Mahnwache ist nicht der einzige Ort des Gedenkens. Die Jüdische Gemeinde präsentiert an diesem Jahrestag eine besondere Ausstellung im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum im Westend. Diese ist nur an diesem Tag und nur für Gemeindemitglieder zugänglich. Auf den vielen Displays werden die emotionalen Antworten auf die Frage eingeblendet: „Wie fühlt es sich für euch an, seit dem 7. Oktober als Jude in Frankfurt zu leben?“ Da steht: „Seit dem 7. Oktober fühle ich eine ständige Beklemmung. In Frankfurt fühle ich mich relativ sicher und durch meine Gemeinde gut geschützt.“ Oder: „Doch nicht Zuhause. Wie wir dachten. Bodenlose Enttäuschung und Fassungslosigkeit über die blanke Gleichgültigkeit gegenüber Judenhass.“ Oder: „Ich habe Angst nicht sagen zu dürfen, dass ich Jude bin, dass ich Iwrit kann, dass man mich hasst, nur weil ich Jude bin.“

Marc Grünbaum (Vorstand) in der Ausstellung, die Einblick in die Gefühlslage der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde gibt.

Die Mitglieder durften ihre „eindringlichen Gefühlslagen“ anonym einreichen, betont Marc Grünbaum, der im Vorstand der Jüdischen Gemeinde ist. Obwohl in Frankfurt eine besondere Situation gegeben sei, weil sie sich von der Stadtpolitik sehr solidarisch unterstützt fühlten, hätten sich einige Gemeindemitglieder seit dem 7. Oktober aus ihrem nicht-jüdischen Umfeld zurückgezogen. „Es ist aber wichtig, die Stimme zu erheben und sich eben nicht zurückzuziehen.“ Auch das sei jetzt Teil der Gemeindearbeit, abgesehen vom emotionalen Auffangen.

Unweit von ihm steht Susana Shaker, die die Ausstellung mitkuratiert hat. Sie sei nicht nur wütend, sagt sie, sondern finde die „Stille“ von vielen nicht-jüdischen Menschen (nicht in Frankfurt, aber in Deutschland) nach dem 7. Oktober „zum Kotzen“. Genauso wie „diese Romantisierung der Hamas. Das sind keine Freiheitskämpfer, sondern Terroristen.“ Die dreifache Mutter wünscht sich für die Zukunft, dass sie nicht überlegen müsse, auf welche Uni sie ihre Tochter schicken könne. Aber egal, wie viele Tränen geflossen seien seit dem 7. Oktober: „Wir werden zeigen, wie stark wir als Juden sind. Wir werden lauter denn je sein.“

Rubriklistenbild: © Monika Müller

Kommentare