Zu Beginn unserer neuen Serie „Zu schade zum Wegwerfen“ sprechen wir mit Gabriele Maxisch, der Umweltberaterin des Werra-Meißner-Kreises über Müllvermeidung und mehr.
Werra-Meißner – 354 Kilogramm Müll produziert jeder Mensch im Werra-Meißner-Kreis pro Jahr. Davon ließe sich vieles vermeiden oder wiederverwerten. Der Werra-Meißner-Kreis liegt deutlich unter dem Landesdurchschnitt. Das ist sicherlich auch ein Dienst von Gabriele Maxisch, die seit mittlerweile zwölf Jahren Abfallberaterin beim Werra-Meißner-Kreis ist. Wir sprachen mit ihr, wie man noch mehr Müll einsparen kann und welche Initiativen es bereits im Landkreis gibt. In der nächsten Woche stellen wir diese Initiativen in einer Serie auch vor.
Frau Maxisch, leben wir nach wie vor in einer Wegwerf-Gesellschaft?
Ja, der festen Überzeugung bin ich. Die Menschen machen sich einfach zu wenig Gedanken über den Konsum. Oft verhilft das Recycling zum guten Gewissen. Aber wer macht sich schon Gedanken darüber, dass Retouren oft nach der Rücksendung – also nagelneu – vernichtet werden? T-Shirts sind teilweise so billig, dass sie nach kurzer Zeit im Müll landen. Auch bei der Alttextilsammlung ist die Qualität der weggeworfenen Kleidung schon so schlecht geworden, dass sie kaum weiter verwendet werden können, sondern Putzlappen daraus gefertigt werden müssen.
Was ist Ihre persönliche Lieblingsstrategie, Abfall zu vermeiden?
Meine persönliche Strategie ist Konsumverzicht bzw. hinterfragter Konsum. Damit befinde ich mich am Anfang der Abfallentstehung und kann direkten Einfluss nehmen. Ich frage mich: „Was willst du und was kaufst du, damit es lange hält?“ Kleidung beziehe ich meist aus Online-Secondhand-Portalen oder gehe auf den Flohmarkt. Ich trage Kleidung lange und gebe sie an Bekannte weiter. Bei Produkten wie Möbeln oder E-Geräten bevorzuge ich langlebige Produkte, die idealerweise reparierbar sind. Ich bin auch nicht der Mensch, der ständig neue Dinge braucht. Tolle Möbel findet man auch in den Gebrauchtwarenzentren Eschwege und Witzenhausen. Mir gefällt es sehr, dass aktuell der sogenannte Vintage- oder Shabby-Chic-Look in ist. Dabei setzt man meist bewusst auf den Einsatz alter Möbel. Im Garten und im Haushalt setze ich ebenso auf Abfallvermeidung und Umweltschutz, so gibt es bei mir auch keine Gartengifte oder scharfe Reiniger im Haushalt. Lebensmittel kaufe ich idealerweise in der richtigen Menge. Wird mal zu viel gekocht, wird eingefroren oder der Hund darf mal etwas „Menschenfutter“ knabbern.
Wie sieht es mit der Konsequenz der Menschen im WMK aus: Trennen sie ihren Müll sorgfältig?
Die Einstellung zum Trennen ist leider sehr unterschiedlich. Manche Menschen trennen sehr genau. Das sind eher die Älteren. Andere interessieren sich nicht für das Thema und glauben wahrscheinlich, die Abfalltrennung sei freiwillig.
Welche Auswirkungen hat das?
Manchmal geht es in den Tonnen drunter und drüber. Der wesentliche Nachteil bei unzureichender Abfalltrennung ist die Verschwendung. Wenn Wertstoffe im Restmüll landen, besteht das Recycling aus der Erzeugung von Sekundärbrennstoff, dieser wird zwar in Energie umgewandelt, aber für Wertstoffe gibt es natürlich hochwertigere Verwertungsmöglichkeiten. Die hochwertige Verwertung von Bioabfall zu Energie und Kompost, die Wiederverwendung der Edelmetalle aus E-Geräten sowie die Herstellung von Frischfasern aus Altpapier sind nur einige Beispiele von sehr hochwertigem Recycling. Je mehr die Wertstoffe verschmutzt sind, desto höher die Gefahr, dass ein Recycling nicht mehr möglich ist.
Der WMK beschäftigt mit Ihnen eine eigene Abfallberaterin. Warum ist das so wichtig?
Die Beschäftigung von Abfallberaterinnen und Abfallberatern auf Landkreisebene ist seit Jahrzehnten gesetzliche Vorgabe. Sie sind zur Beratung über Möglichkeiten der Vermeidung, Verwertung und Beseitigung von Abfällen verpflichtet. Wichtig ist die Aufgabe in jedem Fall, ob aus ökologischer oder ökonomischer Sicht.
Glauben Sie, dass Ihre Arbeit Früchte trägt?
Ja, wenn das individuelle Interesse da ist. Jeder kann so umfassende Informationen zu dem Thema finden und mit mir in direkten Kontakt treten. Dann trägt es immer Früchte. Als es die Sortieranlage für „Gelbe Säcke“ auf der Deponie in Weidenhausen noch gab, habe ich rund 1.000 Menschen pro Jahr auf der Deponie zu Führungen begrüßen können. Führungen sind heute noch möglich, meist kommen Schulklassen. Ich hoffe, einige Schülerinnen und Schüler für das Thema begeistert zu haben. Ich habe den Eindruck, dass das Thema Abfall und Wertstoffe in der heutigen Zeit immer noch nicht „in“ ist. Aber vielleicht ändert sich das bald, wenn die Rohstoffe knapp werden und Recycling weiter in den Vordergrund tritt.
Die Pro-Kopf-Produktion an Müll liegt schon unter dem Landesdurchschnitt. In welchen Bereichen können die Menschen im Werra-Meißner-Kreis noch besser werden?
Ich denke, bei der Abfallvermeidung ist immer Luft nach oben. Gerade bei der Verpackungsflut – Weihnachten ist da ein Spitzenereignis – würde ich mir wünschen, dass mehr auf Mogelverpackungen mit wenig Inhalt, aufwendige Verpackungen und Mehrfachverpackungen verzichtet würde. Im Werra-Meißner-Kreis wurde die Biotonne erfunden. Daher würde ich mir persönlich wünschen, dass hier wieder eine so hohe Sortenreinheit wie zu Beginn in den 1980er-Jahren Einzug hält.
Welchen Anteil haben die Gebrauchtwarenzentren, Repair-Cafés oder Organisationen wie „Eschwege hilft“ an der Vermeidung von Abfall?
Diese Einrichtungen sind ein wertvoller Beitrag zur Abfallvermeidung. Jedes Teil, das nicht neu produziert werden muss, ist gelebte Abfallvermeidung. Es ist das Gebot der Stunde, Produkte, die auf dem Markt sind, möglichst lange zu nutzen. Dafür stehen die oben genannten Organisationen.
Man kann also seine Elektrogeräte, Möbel oder Kleidung vor dem Müll retten: Hat sich diese Methode schon in den Köpfen der Verbraucher verankert? Oder braucht es hier noch mehr Aufklärung?
Ich denke, da stehen wir noch am Anfang. Lebensmittel retten war bereits länger ein Thema in den Medien. Bei Elektrogeräten haben wir das Problem der ständigen technischen Weiterentwicklung. Die meisten Menschen, wollen Geräte, die immer mehr können. Das ist eine weitere Schwierigkeit in Bezug auf die Abfallvermeidung. Menschen müssen in diesen Fällen bewusst auf ein Stückchen „Fortschritt“ verzichten. Aber Möbel oder Kleidung retten, das hat gute Perspektiven.
Wo sehen sie noch Perspektiven?
Kürzlich war ich bei einer Veranstaltung, bei der es um die Weiterverwendung von Gebäudeteilen ging. Das fand ich auch einen ganz besonderen Ansatz, der uns bald im Gebäudeabrissbereich begegnen wird.
Abfallvermeidung ist ein großes Thema in der Kreisverwaltung: Wie belohnt der Kreis Umweltinitiativen?
Wir haben seit 1992 den Umweltpreis. Dabei werden jährlich alle Aktivitäten im Natur- und Umweltbereich gewürdigt. Im vergangenen Jahr wurde das Preisgeld auf insgesamt 5.000 Euro erhöht. Aber ich habe gemerkt, dass allein die Aufmerksamkeit und die Urkunden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Umweltpreises sehr glücklich machen. Die Umweltpreisverleihung ist mein Lieblingstermin.
Muss die Politik die Industrie schon zuvor anhalten, weniger Müll zu produzieren?
Schön, dass Sie die Politik ansprechen. Es müsste mehr Vorgaben für die Langlebigkeit und Reparierbarkeit von Produkten vonseiten der Politik geben. In Thüringen gibt es beispielsweise einen sogenannten Reparaturbonus. Der Bonus beträgt 50 Prozent des Betrages (brutto) der Reparaturrechnung. Jede Person kann maximal 100 Euro pro Kalenderjahr erhalten. Kunden erhalten den oben genannten Zuschuss, wenn ein Elektrogerät repariert wird. Beim hessischen Ministerium habe ich die Anregung auf Langlebigkeit und Reparierbarkeit von Produkten im Zusammenhang mit der Kommentierung des neuen Klimaplans angemerkt. Sie wurde meines Wissens nicht aufgegriffen. Hier hoffe ich auf eine Veränderung in der nächsten Zeit.
Wann wären Sie zufrieden mit dem Müllverhalten im Kreis?
Bewusste Kaufentscheidungen und eine sortenreine Abfalltrennung wären das i-Tüpfelchen. Aber trotzdem habe ich keine Angst in den nächsten Jahren „arbeitslos“ zu werden. (Tobias Stück)
Zur Person
Gabriele Maxisch wurde in Kassel geboren und hat dort auch ihr Abitur abgelegt. In Göttingen hat sie studiert und ist seit 1986 Dipl.-Geografin. „Das ist heute ein sehr gesuchter Abschluss im Klimaschutz“, sagt sie. In die Verwaltung ist sie 1994 quer eingestiegen. 2024 feiert sie ihr 30-Jähriges beim Werra-Meißner-Kreis. Gabriele Maxisch ist verheiratet, lebt in Großalmerode und verbringt in ihrer Freizeit viel Zeit mit Pferden und Hunden. (ts)