VonChristoph Manusschließen
Die Arbeitslosigkeit in Frankfurt steigt an. Arbeitsagentur und Jobcenter sehen großen Unterstützungsbedarf.
Die Zahl der Beschäftigten in Frankfurt steigt seit Jahren auf neue Rekordwerte. Trotz Krisen haben es viele Unternehmen in der Stadt schwer, frei werdende Stellen zu besetzen, schon weil die zahlenmäßig riesige Generation der Babyboomer in den Ruhestand geht. Gleichzeitig wächst die Zahl der Arbeitslosen in Frankfurt seit langem, die Quote stieg im Februar erstmals seit April 2021 wieder auf sieben Prozent. Und eine rasche Trendumkehr ist nicht zu erwarten.
Fachkräfte gesucht
Ein Grund für die disparate Entwicklung ist, dass Unternehmen in Frankfurt zu einem immer höheren Anteil Fachkräfte und Expert:innen suchen, viele Arbeitslose in der Stadt aber diesen Anforderungen nicht entsprechen. Die nach Beschäftigtenzahl mit Abstand größten Branchen waren nach einer Auswertung der städtischen Wirtschaftsförderung Ende Juni 2024 die Bereiche Consulting, Logistik und Finanzdienstleistungen mit jeweils mehr als 85.000 sozialversicherungspflichtigen Angestellten. Zumindest bei Unternehmensberatungen oder Banken gibt es aber so gut wie keine Tätigkeiten für formal Geringqualifizierte.
Branchen, in denen das anders war und zumindest zum Teil noch ist, wie der Handel, das verarbeitende Gewerbe und das Baugewerbe haben auch in Frankfurt Probleme und bauen tendenziell Beschäftigung ab.
Definition
Mit „Geringqualifizierte“ sind in der Regel Menschen ohne formalen Bildungsabschluss sowie An- und Ungelernte gemeint.
Menschen gelten auch als „geringqualifiziert“, wenn:
- sie einen formalen Berufsabschluss haben, aber keine entsprechende Beschäftigung,
- ihre ausländischen Abschlüsse nicht anerkannt werden,
- sie für die in ihrer beruflichen Tätigkeit erworbenen Kompetenzen keinen Nachweis haben,
- oder ihr Erwerb durch häufige Arbeitslosigkeit unterbrochen wurde. kbi
Die Entwicklung in Frankfurt stehe exemplarisch für den Arbeitsmarkt im Wandel, sagt Björn Krienke, Leiter der Agentur für Arbeit in Frankfurt. „Trotz Rekordzahlen in der Beschäftigung zeigt sich, dass Digitalisierung und Strukturveränderungen auch neue soziale Risiken mit sich bringen.“ Frankfurt habe eine besondere Wirtschaftsstruktur, mit einem hohen Anteil an Dienstleistungen, einem großen Anteil an qualifizierten Beschäftigten und vielen Menschen, die zur Arbeit einpendeln. Für Menschen aus dem Stadtgebiet, die keine ausreichende berufliche Bildung besitzen, sieht er die Gefahr, dass sie den Anschluss verlieren, wenn sie nicht individuell unterstützt werden. Nötig seien gezielte Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote.
Beratung intensivieren
Nach Zahlen des Frankfurter Jobcenters haben mehr als 70 Prozent der Menschen, die dort auf der Suche nach Arbeit vorsprechen, keinen Berufsabschluss. Nur ein geringer Teil der Stellenangebote beziehe sich aber auf Tätigkeiten, für die keine berufsspezifischen Kenntnisse gesucht würden, sagt Jobcenter-Geschäftsführer Ulli Dvorák. Dieser Anteil werde in den kommenden Jahren noch weiter sinken. „Viele Menschen haben das aber noch nicht verinnerlicht. Das müssen wir durch intensive Beratung und Unterstützungsangebote ändern.“
Arbeitsagentur-Geschäftsführer Krienke setzt auch bei den Unternehmen an. Diesen rät er, auf langfristige Personalstrategien zu setzen, die Qualifizierung der Beschäftigten voranzutreiben und starre Anforderungsprofile zu hinterfragen.
