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Sportvereine mussten die Corona-Pandemie meistern. Nun befinden sie sich mitten in der Energiekrise. Was tun? Antworten gibt Reinhard Rawe vom LSB.
Hannover – Die Energiekrise mit steigenden Gas- und Strompreisen trifft nicht nur Unternehmen, Kommunen und private Haushalte. Eine weitere Gruppe, die stark betroffen ist, sind die Sportvereine. Neben Flutlichtanlagen und warmen Duschen sind energetisch alte Vereinsheime und marode Sporthallen Energiefresser in der Gas-und Energiekrise. Doch in der öffentlichen Debatte um Hilfspakte wie die Energiepauschale kommen ihre Energie-Probleme nicht vor.
Selbst die Vereine, die in den zurückliegenden Jahren investiert haben, und moderne Anlagen haben, stoßen an ihre Grenzen. Denn selbst eine Flutlichtanlage mit LED-Lampen benötigt immer noch Strom. kreiszeitung.de hat unter dem Titel „Energiesparen in Sportstätten“ bereits über die Probleme berichtet: So befindet sich Bruchhausen-Vilsen schon seit langer Zeit im Stromsparmodus. Die Gemeinden Weyhe und Stuhr rüsten um und appellieren an Vereine.
| Gründung Landessportbund | 1946 |
| Vereine | 9600 |
| Verbandssitz | Hannover |
| Mitglieder | ca. 2,7 Millionen |
Landessportbund: Steigenden Energiepreise eine große Bedrohung für Vereine
Die Probleme im Lokalen sind ein großes Thema beim Landessportbund. Dessen Vorsitzender Reinhard Rawe sagt sehr deutlich, dass die steigenden Energiepreise eine große Bedrohung für die Sportvereine in Niedersachsen sind. In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur (dpa) spricht Reinhard Rawe über Kosten, Maßnahmen und den Stellenwert des Sports.
Die steigenden Energiekosten sind eine große Belastung für die Sportvereine. Sind die Auswirkungen der Energiekrise für den Sport sogar größer als die der Corona-Pandemie?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Energiekrise für die Vereine eine größere Bedrohung darstellt als die Coronakrise. Wir haben vor wenigen Wochen eine Videoschalte mit knapp 30 Großvereinen gehabt. Und jeder dieser Vereine nannte sechsstellige Beträge, die er an zusätzlichen Kosten durch die Energiepreis-Steigerungen zu schultern hat. Wenn man die Zahlen zusammenrechnet, ist man schon bei diesen wenigen Vereinen bei Millionen-Beträgen.
Was heißt das im Vergleich zur Coronakrise?
Während der Coronazeit hatten wir durch ein Sonderprogramm des Landes insgesamt sieben Millionen Euro zur Verfügung. Da ging es darum, Vereine vor der Insolvenz zu retten, wenn sie etwa durch Austritte von Mitgliedern Einnahmeverluste zu erleiden hatten. Dieses Programm läuft noch bis zum Jahresende. Und auch wenn wir damit über drei Kalenderjahre knapp 1000 Vereinen helfen konnten, haben wir das Geld bislang nicht komplett ausgegeben. Aktuell stehen wir etwa bei 6,6 Millionen, die wir eingesetzt haben.
Das sieht in der Energiekrise ganz anders aus. Weil einzelne Vereine jetzt Kostensteigerungen haben, die nicht mal zwei, sondern teilweise mal drei, mal vier, mal fünf, mal sieben sind. Und wenn man das bei etwa 9500 Vereinen in unserem Landesverband zusammenrechnet, ist der Gesamtfinanzbedarf nun deutlich höher.
Inwieweit verstärkt es die Probleme der Vereine noch, dass beide Krisen so dicht aufeinanderfolgen?
Wir haben zwei Problemlagen. Die erste ist die Mitgliederstruktur. Der Sport in Niedersachsen hat nach unserer Statistik im ersten Coronajahr etwa 100.000 Mitglieder verloren. Auf diesem niedrigen Niveau haben wir uns im Folgejahr ungefähr stabilisiert. Wir haben zwar die Hoffnung, dass wir einen Großteil dieses Verlustes am Ende dieses Jahres wieder zurückgeholt haben, weil 2021 und noch mehr 2022 unterschiedliche Unterstützungsprogramme gerade für Kinder und Jugendliche eine starke Wirkung hatten. Aber jetzt schlägt natürlich die Energieproblematik voll ins Kontor, weil die Vereine ihre Anlagen teilweise gar nicht aufmachen können.
Und das zweite Problem?
50 Prozent der Vereine in Niedersachsen haben eigene Anlagen. Und 50 Prozent nutzen kommunale Anlagen. Angesichts der steigenden Zahlen der Flüchtlinge aus der Ukraine und weiterer Schutzsuchender, die Niedersachsen nach Aussagen des Innenministeriums bereits aufgenommen hat und weiterhin aufnehmen muss, öffnen viele Kommunen mangels Alternativen auch die Sporthallen für diese Menschen.
Zur Person: Wer ist Reinhard Rawe?
Reinhard Rawe (64) ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des Landessportbunds Niedersachsen. Zum LSB kam er bereits 1983. Seitdem arbeitete er unter anderem schon als Abteilungsleiter Sport und Lehrarbeit, Geschäftsführer und Leiter der Geschäftsstelle.
Unser Versuch geht dahin, dass wir die Belegung von Hallen als Ultima Ratio bezeichnen. Man muss vor Ort prüfen, ob auch alternative Liegenschaften in der Verfügung sind. Denn Sporthallen sind für eine menschenwürdige Unterbringung aus unserer Einschätzung nur bedingt bis gar nicht geeignet.
Wir machen wirklich nicht die Augen zu vor den Herausforderungen, die es gerade gibt. Aber unsere herzliche Bitte, fast schon unser Hilferuf ist: Wenn wir die Sportvereine jetzt zum dritten Mal in eine Schließsituation bringen, dann ist der gesellschaftspolitische Schaden, gerade was Kinder und Jugendliche angeht, unermesslich. Das muss so weit es geht verhindert werden. Der Sport geht gerade der schwierigsten Phase entgegen, die ich hier in meinem gesamten Berufsleben seit 1983 erlebt habe.
Wie sehr würde den Vereinen wenigstens die geplante Deckelung der Energiepreise helfen?
Ein Energiepreisdeckel würde die Sportvereine in die günstigere Situation bringen, dass sie zumindest planen könnten. Das wird aber das Problem nicht lösen. Denn auch der Deckel würde die Kostensteigerungen nicht komplett abfangen können. Es wird in Einzelfällen auch so die großen Probleme geben und deshalb sagen wir: Neben dem Deckel muss es weitere Unterstützungsleistungen im Einzelfall geben. Etwa einen Härtefallfonds wie bei den Corona-Nothilfemaßnahmen.
Wir dürfen uns nicht arm rechnen.
Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius verwies bereits im September bei einem Energiegipfel des niedersächsischen Sports auf ein geplantes Entlastungspaket des Ministerpräsidenten Stephan Weil, in dem auch rund 100 Millionen Euro für Sport- und Kultureinrichtungen vorgesehen sind. Er sagte aber auch: Der Sport muss auch selbst sparen.
Wir dürfen uns nicht arm rechnen. Sportvereinsmitglieder zahlen in Vereinen deutlich weniger, als sie bereit sind, in Fitnessstudios an Beiträgen zu bezahlen. Deshalb müssen wir uns auch unsere eigenen Beiträge anschauen und dieses Thema offensiv angehen. Das und weitere Energiesparmaßnahmen sind wichtige Themen für uns. Das macht deutlich, dass wir nicht nur fordern, sondern die eigenen Möglichkeiten nach Kräften ausschöpfen wollen. Wir rufen nicht nur nach dem Staat.
Welche konkreten Sparmöglichkeiten gibt es für Vereine?
Es gibt nicht DEN Verein. Es gibt bei uns 9500 unterschiedliche Vereine mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Deshalb bieten wir auf der Internetseite des LSB viele verschiedene Energiespartipps und alle zwei Wochen auch Online-Veranstaltungen zu Energie- und Kosteneinsparungen an.
Energiespartipps des LSB:
Abschalten aller verzichtbaren Kühlschränke
Abschalten aller verzichtbaren elektrischer Handtrockner
Flutlichtanlage bedarfsgerecht einstellen (z.B. halbes Feld nur beleuchten)
Umrüstung auf LED
Was uns jetzt hilft, ist: Die Vereine, die eigene Sportanlagen besitzen, haben sich bereits stark um Sanierungen bemüht, die die Kosten deutlich herunterfahren. Wir haben 2017 eine Bestandserhebung bei allen Vereinen gemacht: Wie groß ist der Sanierungsbedarf bei den Vereinssportstätten? Dabei kam ein Gesamtbedarf von etwa 550 Millionen Euro heraus, den wir der Politik 2018 mitgeteilt haben.
Das Ergebnis war ein Sonderprogramm für die Jahre 2019, 2020, 2021 und 2022. Dadurch und durch das Geld, was wir ohnehin für den Sportstättenbau hatten, wurde in etwa 2500 Sportvereinen schon sehr viel gemacht. Das müssen wir jetzt fortsetzen. Eine unserer Forderungen an die Politik ist, dass dieses 2022 auslaufende Sportstätten-Programm verlängert wird. Dazu werden wir im Rahmen der LSB-Bestandserhebung unsere Mitgliedsvereine 2023 erneut befragen, um dem Land gegenüber mit aktuellen Zahlen argumentieren zu können.
Die Sonderprogramme des Landes sind die eine Seite. Aber im jüngsten Entlastungspaket des Bundes in der Energiekrise fehlten Sportvereine zunächst komplett. Was sagt das über den Stellenwert des Sports in der Politik und in der Gesellschaft aus?
Auf Landesebene haben wir deshalb eine bessere Situation, weil wir durch ein eigenes Sportfördergesetz den Status eines Leistungsempfängers haben. Das heißt: Dieses Gesetz sichert dem Landessportbund einen bestimmten Betrag zu und das sind in diesem Jahr ungefähr 45 Millionen Euro. Dazu kommen noch die vorhin genannten Sonderprogramme. Der Sport hat also auf Landesebene eine erhebliche Finanzsumme zur Verfügung, die gesetzlich abgesichert ist.
Und auf der Bundes- sowie Kommunal-Ebene?
Auf der kommunalen Ebene sieht das völlig anders aus, denn da ist die Sportförderung eine freiwillige Leistung. Die Stadt in Emden oder der Landkreis in Göttingen entscheiden in den eigenen Gremien, wie man den Sport im Rahmen der eigenen Handlungs- und Wirkungskreise unterstützt. Deshalb fordern wir schon lange, Sport in den Status einer kommunalen Pflichtaufgabe zu bringen, um gleichrangig mit anderen Pflichtaufgaben behandelt zu werden.
Und solange das nicht der Fall ist, ist die Lobby des Sports nicht stark genug?
Wir als Landessportbund sind landespolitisch schon sehr stark unterwegs. Wir halten die Kontakte zur Politik, wir sind in Gesetzgebungsverfahren eingebunden. Das ist auf der kommunalen Ebene anders. Unsere Fachverbands- und Kreissportbund-Vertreter vor Ort sehen sich im Wesentlichen als Unterstützer und Ermöglicher von Sport. Das ist auch gut so. Aber gegenüber politischen Mandatsträgern die Rolle und Bedeutung von Sport immer wieder zu betonen: Diese politische Schlagkraft, die wir eigentlich haben könnten, nutzen wir zu wenig. Das müssen wir kritisch einräumen.
Gilt das auch in Berlin?
Auch die Lobbyarbeit des Deutschen Olympischen Sportbunds reicht mit Sicherheit nicht aus. Der DOSB hat ein Lobbybüro in Berlin, das nach meiner festen Überzeugung mit sehr guten Personen aber viel zu gering bestückt ist.
Die Lobbyarbeit des Deutschen Olympischen Sportbunds reicht mit Sicherheit nicht aus
Die Anforderungen in einer Bundeshauptstadt, wo man verschiedene Themenfelder in verschiedenen Häusern zu bearbeiten hat, sind mit den wenigen Personen, die in Berlin arbeiten, überhaupt nicht leistbar. Auch die räumliche Distanz zu unserer DOSB-Zentrale in Frankfurt ist schwierig. Deshalb müsste das Büro massiv verstärkt werden. Wir haben als Landessportbünde sogar schon eine zusätzliche Stelle geschaffen, die wir in dem Hauptstadtbüro des DOSB bezahlen.
Was glauben Sie – wie stark werden diese vielen parallelen Krisen aktuell den Sport verändern?
Ich glaube, dass diese Krise dazu führen wird, dass innerhalb des Sports das Thema Nachhaltigkeit ganz anders diskutiert werden wird. Bei uns im Landessportbund ist das Prinzip Nachhaltigkeit schon seit 15 Jahren ein Satzungsbestandteil. Wir machen auch nicht alles richtig, aber wir haben unser Internat zum Beispiel als Passivhaus mit Grasdach, Betonkernaktivierung und Fotovoltaikanlage gebaut. Und wir versuchen auch, unsere Vereine dorthin zu bringen oder sogar zu drängen, sich im Baubereich anders zu verhalten.
Der Individualverkehr zum Sport hin ist auch ein Riesenproblem. Es gibt Menschen, die fahren zwei Kilometer mit dem Auto, um dann Sport zu treiben. Ich glaube aber auch, dass der Kostendruck in dieser Situation dazu beitragen wird, dieses Verhalten zu verändern.
Das sind gesellschaftliche Probleme, bei denen die Krise auch eine Chance sein kann. Denn wir dürfen uns ja nichts in die Tasche lügen: Wir leben gerade auf Kosten nachfolgender Generationen. Wir verbrauchen zu viele Ressourcen, die die Generationen nach uns nicht mehr haben werden. Deshalb ist Nachhaltigkeit so wichtig.
Rubriklistenbild: © Moritz Frankenberg


