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Für Frank und Sven Vahrenholt geht die Lebensgrundlage gerade auf Tauchstation. Dreiviertel ihrer Flächen sind aktuell vom Hochwasser massiv betroffen.
Diepholz – Am Mittwochmorgen ist der Weg zu den Feldern und Wiesen noch befahrbar. Weil er höher gebaut und gut befestigt ist. Frank und Sven Vahrenholt, Vater und Sohn, können deshalb das Auto nehmen, um das Ausmaß der Überschwemmungen in der Graftlage nahe Diepholz wenigstens im Ansatz zeigen zu können. Zwischen Dümmer und Diepholz ist in den vergangenen Tagen eine beeindruckende Seenlandschaft entstanden. Beeindruckend aber nur für jene, die dort nicht ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Für die Vahrenholts ist das Wasser eher beängstigend. Etwa Dreiviertel der von ihnen bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen stünden derzeit unter Wasser, klagt Vater Frank. Welche Folgen das für seinen unmittelbar an der aktuellen Wasserkante gelegenen Milchviehbetrieb haben wird, „lässt sich noch gar nicht abschätzen“, sagt der 50-Jährige. Aber so viel ist klar: Etwas Gutes bringt ihm das Hochwasser nicht.
Land unter im Diepholzer Süden - die Bilder




„Wissen nicht, wie groß der Schaden am Ende sein wird“ – Landwirte geraten wegen Überflutungen unter Druck
Während Vater Frank das Auto lenkt, erklärt Sven Vahrenholt, was sie meinen, wenn sie von einer „Katastrophe“ sprechen. „Da links“, sagt Sven, „ist Grünland von uns“. Da rechts sei Ackerfläche. Ebenfalls geflutet. Und so geht es immer weiter. Wasser, Wasser, Wasser. „Bis hin zum Dümmer reicht das“, sagt Sven. Nur auf einem Feld am Rande der Seenplatte zeigt sich noch ein bisschen Boden. Es soll im vergangenen Herbst ausgesäter Weizen darauf wachsen. „Das ist der kümmerliche Rest“, meint Frank Vahrenholt, „der Winterweizen ist eigentlich schon jetzt ein Totalausfall.“ Dass er noch sprießen wird, wenn das Wasser weg ist, kann nahezu ausgeschlossen werden. Das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium hat das Problem in einer Pressemitteilung zum Hochwasser so beschrieben: „Aufgrund der Staunässe und des damit verbundenen Sauerstoffmangels im Boden können die Pflanzen weniger Nährstoffe aufnehmen. Eine länger anhaltende Überstauung kann erhebliche Ertragseffekte haben.“
Die Vahrenholts sind nach eigener Aussage die letzten Diepholzer Landwirte, die auf den Feldern in der Graftlage aktiv sind. Sie haben 120 Stück Milchvieh, dazu eine kleine Bullenmast. Und die Tiere brauchen im kommenden Winter Futter. Das soll im Frühjahr und Sommer auf jenen Flächen wachsen, die jetzt unter Wasser stehen. Die Situation macht Vater und Sohn große Sorgen. „Wir sind auf das Futter angewiesen. Und wir haben keine Erfahrung mit dieser Situation, wissen nicht, wie groß der Schaden am Ende sein wird“, sagt der Senior. Zu befürchten ist, dass auch das Gras im Frühjahr nicht so wachsen wird wie erhofft. Dass möglicherweise die erste von fünf Mahden ausfällt. Dass nachgesät werden muss für eine gute Qualität.
Das alles wären Einbußen, die wehtun würden. Ob sie davon irgendetwas ersetzt bekommen? Frank Vahrenholt winkt desillusioniert ab: „Da springt keine Versicherung ein. Das ist das Berufsrisiko.“
„Ohnmachtsgefühl“ – Unklar, wie es nach dem Hochwasser weitergeht
Als das Wasser kam, habe er „ein Ohnmachtsgefühl“ gespürt, sagt der Landwirt. Weil: Er konnte ja nichts dagegen unternehmen. Das Territorium, das er bewirtschaftet, ist nun mal Überschwemmungsgebiet. Und wenn der Dümmer zu voll und der Druck auf den Deich dort zu groß zu werden droht, dann weiß er, dass das Wasser abgelassen wird und zu ihm kommt. Besser dorthin als in bewohnte Gebiete, sagen die zuständigen Institutionen.
Frank und Sven Vahrenholt müssen nun irgendwie mit der besonderen Situation klarkommen. Wann sie die Felder und Wiesen überhaupt wieder befahren können, ist völlig unklar. Die Saat für das Sommergetreide muss im März, spätestens im April in die Erde. Ob das klappt? Mais könnte auch noch im Mai ausgesät werden, doch wegen diverser Verordnungen dürfen die Vahrenholts längst nicht auf all ihren Flächen Mais anbauen. Vorgeschriebener Fruchtwechsel ist hier das Stichwort. Vater Frank hofft diesbezüglich auf eine Ausnahmegenehmigung der Behörden. Doch um die zu bekommen, wird er noch kämpfen und warten müssen. Das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium geht auf dieses Thema in seiner Pressemitteilung jedenfalls nicht ein.
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