VonCarsten Sanderschließen
Das Ochsenmoor am Dümmer steht aktuell beinahe komplett unter Wasser. Das ist gut so, denn das Wasser, was dorthin fließen kann, richtet an anderer Stelle keinen Schaden mehr an. Aber was ist eigentlich mit den Tieren, die im Ochsenmoor ihren Lebensraum haben? Experten erklären, warum das Hochwasser für die Tierwelt teils Fluch, teils Segen ist.
Lemförde – Wenn er die Hochwasser-Nachrichten aus Niedersachsen und Bremen hört, liest oder sieht, ist Jens-Hermann Kleine klar: Im Vergleich zu anderen Regionen sei der Süden des Landkreises Diepholz bislang „noch gut weggekommen.“ Dieser Einschätzung des Ersten Kreisrats und Verbandsvorstehers des Hunte-Wasserverbandes ist kaum zu widersprechen. Denn weder sind durch das Hochwasser an Hunte, Große Aue und Dümmer Personen zu Schaden gekommen noch wurden gravierende Sachschäden gemeldet. Doch was ist eigentlich mit all den wild lebenden Tieren, für die die überfluteten Gebiete – speziell das Ochsenmoor zwischen Lemförde, Stemwede und Hunteburg – die Lebensräume sind? Das mehr als 1 000 Hektar große Schutzgebiet steht schließlich derzeit nahezu vollständig unter Wasser. Dr. Marcel Holy, Experte der Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer (NUVD), sowie Fachleute des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) versuchen die wichtigsten Fragen rund um das Hochwasser und dessen Folgen zu beantworten.
Wie kommen die Tiere im Ochsenmoor mit dem Hochwasser klar?
Vereinfacht gesagt gilt die Formel: Je größer das Tier, desto größer die Überlebenschance. Dr. Marcel Holy: „Tiere, die mobil sind, zum Beispiel Rehe oder Hasen, können sich vor dem Wasser retten. Alles, was fliegen kann, sowieso.“ Aber Kleintiere wie Mäuse oder Maulwürfe haben kaum eine Chance. Die Vogelwelt sei insgesamt wenig betroffen, so Holy. Grund: Die Zugvögel leben gerade in warmen Gefilden.
Der NLWKN weist darauf hin, dass die Menschen für die vor dem Wasser geflüchteten Tiere ein größeres Problem darstellen können als das Wasser selbst. In der schriftlichen Antwort auf die Fragen rät die Behörde, Reh, Fuchs und Fasan in den wenigen trockenen Zufluchtsbereichen des Moores nicht zu stören und damit möglicherweise wieder Richtung Wasser zu drängen. Diese Fleckchen sollten deshalb derzeit „nicht zur Naherholung oder touristisch besucht werden“.
Gibt es langfristige Auswirkungen auf die Tierwelt?
Kaum. Kurzfristige dagegen schon. Der NLWKN beschreibt sogar einen Nutzen des aktuellen Hochwassers für „Wiesenbrüter wie die stark bedrohte Uferschnepfe“. Ein hoher Winterwasserstand sorgt – „bei einer effektiven Speicherung des Wassers durch geregelten Gra-benanstau“ – für verbesserte Lebensbedingungen in den Folgemonaten. Grund: „Für den Erhalt der Brutbestände der Wiesenvögel sind hohe Wasserstände sowie Flachwasserbereiche zur Brut- und Setzzeit von hoher Bedeutung.“ Auch Amphibien und Libellen würden im Frühjahr/Sommer noch vom aktuellen Hochwasser profitieren.
Die Verlierer benennt indes Marcel Holy. Weil Kleintiere im Wasser verenden und damit aus der Nahrungskette verschwinden, finden Greifvögel oder Füchse später weniger Nahrung: „Da ist der Tisch im Frühjahr nicht mehr so reich gedeckt.“ Mögliche Folge: Die Tiere bedienen sich an den Gelegen – also Eiern und Küken – der Wiesenbrüter.
Dass Populationen durch das Hochwasser ernsthaft gefährdet sind, sieht Holy jedoch nicht: „Das wird sich nicht großartig bemerkbar machen. Das müssen Populationen einfach verkraften können.“
So sieht es auch das NLWKN: „Die natürlich vorkommende Tier- und Pflanzenwelt der Moore ist an zeitweise Überschwemmungen – insbesondere während des Winterhalbjahres – bestens angepasst, da diese natürlicherweise regelmäßig auftreten.“
Sind Konsequenzen für die im Frühjahr beginnende Beweidung der Moorflächen zu befürchten?
Kann sein, lautet die Antwort des NLWKN. Bliebe das Ochsenmoor länger extrem nass – gemeint sind Monate – sei ein verspäteter Vegetationsbeginn möglich. Da sich die Beweidung jedoch ohnehin an Naturschutzbelange wie der Brutzeit der Wiesenvögel orientieren müsse, ist der Auftrieb von Rindern und Schafen im Ochsenmoor eher spät an der Reihe. Aus Sicht des Naturschutzes wäre ein verspäteter Beweidungsbeginn „nicht zwangsläufig mit Nachteilen verbunden“, so der NLWKN. Ob es so kommen wird, „lässt sich aktuell noch nicht abschätzen“.
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