Plädoyers für Schwarz-Rot aus dem Rotenburger Wahlkreis

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In den Berufsbildenden Schulen in Rotenburg zählen Mitarbeiter der Kreisverwaltung die Briefwahl aus.
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Lars Klingbeil prägt das Ergebnis im Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“. Er siegt - aber die Gewinner sind vor allem andere.

Während in Berlin die „Elefantenrunden“ tagen und die letzten Wahlbezirke in der Region ausgezählt werden, schmieden die Spitzen der Kreisparteien schon Koalitionspläne. Die Ampel ist abgewählt, jetzt muss zusammengearbeitet werden in der „Mitte“, um eine „stabile Politik“ auf die Beine stellen zu können. Das sagt die SPD-Unterbezirksvorsitzende Ina Helwig aus Rotenburg. Von Marco Mohrmann, dem Vorsitzenden der CDU im Landkreis Rotenburg, sind am Wahlabend ähnliche Aussagen zu hören. Reicht es für ein Zweierbündnis, müsse man etwas „Gutes zusammen mit der SPD“ schaffen.

Der Bundestrend spiegelt sich auch im Wahlkreis wider: Die CDU marschiert parallel zu den deutschlandweiten Prognosen mit 28,18 Prozent der Stimmen zum Wahlsieg, die AfD springt im Wahlkreis von 8 auf 19,76 Prozent (Stand 23 Uhr, 282 von 285 Ergebnisse aus dem Wahlkreis). Die SPD verliert zwar auch bei den 168 109 Wählern im Bereich „Rotenburg I - Heidekreis“, aber längst nicht so stark wie auf Bundesebene: 24,76 Prozent. Lars Klingbeil zieht noch. Der Parteichef der Genossen aus Munster hat dann doch ein bisschen Grund zum Feiern, feiert an diesem Sonntag nicht nur seinen 47. Geburtstag, sondern liegt bei den Erststimmen mit 42,01 zu 27,41 Prozent deutlich vor CDU-Herausforderin Vivian Tauschwitz aus Bispingen. „Sie hat sich tapfer geschlagen“, attestiert Mohrmann trotzdem, wohl wissend, dass Klingbeil „eine gewisse Übermacht“ darstelle. Er holt damit zum dritten Mal in Folge das Mandat direkt, sitzt seit 2009 im Bundestag. Im Nordkreis indes, der zusammen mit Teilen Stades einen Wahlkreis bildet, setzt sich die CDU-Kandidatin Vanessa Zobel deutlich durch. Die CDU schneidet zudem noch einmal deutlich besser ab – auch das ist dort schon fast Tradition.

AfD die Wahlgewinnerin

Sven Kielau bringt es als Sprecher der Kreisgrünen auf den Punkt, wenn er sagt: „Ein guter Abend ist es für keine demokratische Partei.“ Denn Wahlsieger auch im Wahlkreis ist vor allem die AfD. Marie-Thérèse Kaiser aus Sottrum erreicht mit über 18 Prozent der Stimmen im Wahlkreis „Stade I - Rotenburg II“ zwar kein ganz so gutes Ergebnis wie ihr Kollege Omid Najafi in Rotenburg, wird sich aber dennoch nicht ärgern. Am Wahlabend steht sie als Mitarbeiterin von Alice Weidel in Berlin im Blitzlichtgewitter, als Kreisvorsitzende sagt sie: „Wir sind durchaus zufrieden, hätten uns aber noch ein bis zwei Punkt mehr erwünscht.“

Sie freue sich auf die nächsten Jahre, die die AfD inhaltlich durch ihre starke Fraktion mitprägen werde. Dass Friedrich Merz die AfD nicht in Koalitionsverhandlungen einbinden will, sieht sie als „Fehlentscheidung“. Ob mit SPD oder gar mit Grünen, die „sicherlich keine bessere Alternative sind“, werde Merz viele Versprechen aus dem Wahlkampf nicht halten können. Dann müsse man abwarten, wie lange eine solche Regierungskoalition halte. Der Wählerwille sei ja klar: „Schwarz-Blau.“

Die Region hat gewählt.

Dass das Thema Migration auch nach den Wahlen in Deutschland ein großes bleiben wird, ist allen Parteien klar. Für Sünje Loes, die sich an diesem Sonntag durch den Überraschungserfolg als Kreissprecherin der Linken auch als Wahlsiegerin fühlen darf, steht aber fest, dass nicht wie zuletzt darüber diskutiert werden dürfe: „Migration ist unter anderem angesichts des Fachkräftemangels Teil der Lösung, nicht das Problem.“

Seit Beginn des kurzen Winterwahlkampfs haben die Linken ihre Mitgliederzahl im Kreis von 40 auf rund 100 gesteigert, und bei den Zweitstimmen erreicht die Partei hier 7,04 Prozent – zuletzt waren es nur 2,85. Es brauche starke linke Stimmen, die verdeutlichten, dass es auch andere Themen gebe.

Trumpistan in Deutschland?

Renate Warren, Co-Sprecherin der Grünen im Kreis, bezeichnet das Wahlergebnis als Resultat eines „Angst machenden Wahlkampfs“. CDU und FDP hätten „moralische Tiefpunkte“ erreicht, die SPD sei „fantasie- und führungslos dahingesegelt“ und die AfD habe „Deutschland in Richtung politischen Abgrund“ verschoben. Künftige Regierungspolitik, auch wenn sie ohne die Grünen stattfinden wird, müsse sich kümmern, dass es bis zur nächsten nicht noch schlimmer kommt. Warren: „Trumpistan in Deutschland nie!“

Als größter Verlierer des Ampel-Bruchs geht die FDP aus dem Wahltag hervor. Ob es für den Einzug in den Bundestag reicht, steht lange auf der Kippe. Im Wahlkreis standen 2021 noch 10,09 Prozent bei der FDP, nun sind es 3,71. Im Wahlkreis liege man immer rund eineinhalb Punkte unter den Bundeszahlen, bleibt Kreisvorsitzender Jan-Christoph Oetjen aus Sottrum entspannt.

Er verfolgt mit Freunden bis in die Nacht hinein die Wahlberichterstattung und fiebert mit Parteifreunden in Berlin mit. Bei der Europawahl im vergangenen Jahr hatte er als Kandidat ähnliches durchleben müssen, auch da war die Hängepartie, ob er Abgeordneter bleibt, erst sehr spät für ihn entschieden.

Ein Kommentar von Michael Krüger

Das Ergebnis der AfD ist ein Desaster

Das Ergebnis für die AfD überall wie bei uns in der Region ist ein Desaster. Die Partei erreicht im Wahlkreis zwischen Rotenburg und Schwarmstedt auch die 20-Prozent-Marke, ohne dafür selbst irgendetwas getan zu haben, geschweige denn diese inhaltlich verdient zu haben. Natürlich zielt eine Bundestagswahl weniger auf die Region als aufs große Ganze, aber man muss doch festhalten: Hier vor Ort hat die AfD bislang rein gar nichts geleistet. Die wenigen Sitze in den kommunalen Räten bleiben oft verweist, an Abstimmungen oder Initiativen wird sich nicht beteiligt, gute Vorschläge gab es bislang: keine. Kein Amt bekleidet die AfD, kein Gremium wird von der Partei geführt. Auftritte der Partei im Wahlkampf wie zuletzt parallel zur Gegen-Rechts-Demo in Rotenburg sind erschreckend. Provokant und einschüchternd wird sich präsentiert, an einem vernünftigen Austausch mit Respekt und Toleranz ist niemand interessiert. An anderen Wahlständen wird dazu in schöner Regelmäßigkeit von Anhängern und Unterstützern gepöbelt und beleidigt. Und dennoch wird die AfD auch hier von vielen Menschen gewählt. Die Beweggründe kann man lange hinterfragen, aber es hilft nichts. Die Prozente sind da. Und wenn man aus diesem Ergebnis noch etwas Positives ziehen will, dann das: Nun wissen alle, woran sie sind. Und sie können gemeinsam daran arbeiten, dass es bei der nächsten Wahl noch weniger Gründe gibt, die AfD zu wählen.

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