VonMichael Krügerschließen
Durch die vorgezogene Bundestagswahl geraten einige politische Kalender durcheinander. Statt über den Sommer an Infoständen um Sympathie zu buhlen, bleiben nun noch drei Monate Zeit, um sich als Kandidatin oder Kandidat im Wahlkreis zwischen Glühweinbuden und Neujahrsempfängen in Position zu bringen. „Sprint statt Marathon“, sagt CDU-Herausforderin Vivian Tauschwitz.
Rotenburg – Der Plan war ein anderer. Sieben Monate mehr Zeit wären Vivian Tauschwitz geblieben, um sich als CDU-Kandidatin in Position zu bringen, wäre die Berliner Ampel nicht vorzeitig geplatzt. Nun aber wird wohl am 23. Februar schon ein neuer Bundestag gewählt. Tauschwitz dürfte die größte Herausforderin für Mandatsinhaber Lars Klingbeil im Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“ sein. Doch während der SPD-Parteichef auf ein großes, erfahrenes Wahlkampf-Räderwerk in Berlin und der Heimat setzen kann, betritt Tauschwitz als politische Neueinsteigerin viel Neuland. Die 30-Jährige ist dennoch optimistisch: „Natürlich sehe ich eine Chance. Sonst würde ich es nicht machen.“
Passen die Prioritäten?
88 Kilometer täglich im Twingo, von Bispingen nach Lüneburg und zurück: Vivian Tauschwitz arbeitet dort als Zeitsoldatin im Stab Militärische Sicherheit. Ab den Sommerferien wollte sie Überstunden abbauen, sich gegebenenfalls beurlauben lassen für einen Vollzeit-Wahlkampf. Der beginnt nun für sie noch vor Weihnachten. Der Arbeitgeber spielt mit: Ab dem 14. Dezember richtet sich Tauschwitz’ Fokus komplett auf die Bundestagswahl. „Wir haben uns eigentlich auf einen Marathon vorbereitet, nun wird es eben ein Sprint.“ Ob die vorgezogene Wahl für sie als Herausforderin gut oder schlecht sei? „Ich sehe stets die positive Seite. Wir sind gut vorbereitet.“ Ein kurzer Wahlkampf fordere „volle Power“, ihr Team, zu dem unter anderem die Rotenburger Mirco Klee und Ilka Holsten-Poppe gehören, sei darauf eingestellt. Vielleicht sei es für sie sogar ein Vorteil mit Blick auf den großen Konkurrenten, nicht in doppelter Verantwortung zu stehen. „Er ist Parteivorsitzender. Ich möchte die Zeit nutzen, mich bekannt zu machen, während er noch woanders den Fokus hat.“ Diese „Lücke“ wolle sie nutzen. „Es gibt immer Prioritäten. Man kann nur eine Sache zu 100 Prozent machen.“
Bislang fünf Bewerber für das Direktmandat bekannt
Vivian Tauschwitz war die erste: Bereits im September ist die Bispingerin von der CDU als Kandidatin für das Direktmandat im Bundestagswahlkreis 35 „Rotenburg I - Heidekreis“ nominiert worden. Sie dürfte erfahrungsgemäß als Christdemokratin die größte Herausforderin von Platzhirsch Lars Klingbeil aus Munster sein, für den sich die SPD-Kreisvorstände am Freitag einstimmig ausgesprochen haben. Beim Nominierungsparteitag am 13. Dezember in Krelingen wird der SPD-Bundestagskandidat dann offiziell gewählt. Die Grünen wählen an diesem Samstag, die 21-jährige Canina Ruzicka aus Scheeßel ist bislang die einzige Bewerberin. Die Freien Wähler haben sich vergangene Woche entschieden, Politik-Dauerbrenner und Vielfachkandidat Günther Scheunemann auf die Wahlzettel setzen zu lassen. Die Partei Volt schickt erstmals auch einen Kandidaten ins Rennen ums Direktmandat, das Klingbeil zuletzt zweimal gewonnen hat: Malte Büch aus Bad Fallingbostel. 2021 gab es sieben Direktkandidaten. Die Linke hat bereits angekündigt, auf eine Nominierung zu verzichten. Die AfD will wie die FDP noch eine Kandidatin oder einen Kandidaten präsentieren, auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) steigt womöglich ein.
Zuletzt hat die Rotenburger CDU genau so argumentiert: Klingbeil sei zu wenig vor Ort gewesen und habe andere Probleme in Berlin zu lösen. Der 46-Jährige, der für die SPD und den Wahlkreis seit 2009 im Bundestag sitzt, argumentiert dagegen und wird nicht müde aufzulisten wie zuletzt am Wochenende nach seiner Nominierung durch die SPD-Kreisvorstände, wie viele Fördergelder er in die Region geholt hat seit der letzten Wahl 2021.
Eine Frage des Geldes ist der Wahlkampf für Tauschwitz auch. Seit 2018 erst ist sie Mitglied in der CDU, hat 2021 den Sprung in den Bispinger Gemeinderat noch verpasst. Von ihrer Partei werde sie aber uneingeschränkt unterstützt, vieles laufe zudem über Spenden. Mit ihren Unterstützern habe sie zum Beispiel frühzeitig Fotos für den Wahlkampf anfertigen lassen, der jetzt vor Ort und online anläuft. Noch im Dezember sei eine „große Aktion“ geplant, was, will Tauschwitz noch nicht verraten. Die Zeit und viele Kilometer auf der Straße investiere sie aber aus eigener Tasche. „Die große Kampagne könnte ich selbst natürlich nicht tragen.“
Duell um die Erststimmen?
Sieben Wahlkreiskandidaten gab es vor drei Jahren bei der letzten Bundestagswahl, Klingbeil entschied das Rennen klar für sich – CDU-Herausforderer Carsten Büttinghaus verlor mit 26 zu 48 Prozent der Erststimmen. Kandidaten anderer Parteien spielten zuletzt weniger eine Rolle, erreichten nie zweistellige Prozentwerte. Auch wenn die Parteienlandschaft bunter geworden ist und sich für Februar auch mehr Kandidaten andeuten, dürfte es wohl vornehmlich auf ein Duell zwischen SPD und CDU bei den Erststimmen hinauslaufen. „Man darf auch die Parteien rechts und links nicht vergessen“, mahnt Tauschwitz. Aufgabe der Politik sei es, „überall hineinzuhören“, betont die Bispingerin, wohl wissend, dass die Stimmen derer, die der „Mitte“ verloren gehen könnten, entscheidend sein könnten. Inhaltlich gehe es darum, neben lokalen Themen wieder für eine Politik zu werben, die die Realität der Menschen aufgreift.
„Wir müssen miteinander sprechen und handeln“, sagt Tauschwitz. Mit Klingbeil habe sie sich ein paar Nachrichten geschrieben und einen fairen Wahlkampf gewünscht. Getroffen hätten sie sich aber noch nie. „Wir müssen uns klar sein, was wir wollen für Deutschland – da sind die Parteien der Mitte das kleinere Problem“, so ihr Blick auf extreme Ränder. Das verstehe sie aber nicht als Koalitionsaussage Richtung SPD: „Diese Frage ist für mich nicht entscheidend. Wir könnten es als CDU ja auch alleine.“
