Windkraft-Ausbau: 1,1 Milliarden Euro für den Landkreis

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Die Energiewende ist das große Thema in Deutschland und natürlich auch in der Region. Windräder müssen gebaut werden, die Netze entsprechend auch.
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Niedersachsens Landesregierung will den Ausbau der Windkraft beschleunigen. Die Landkreise sollen dafür hohe Vorgaben erfüllen. Die Windbranche meint: Für die Kommunen wird sich das auszahlen. 1,1 Milliarden Euro könnten nach einer am Mittwoch in Hannover vorgestellten Studie beim Ausbauziel von vier Prozent Fläche allein im Landkreis Rotenburg bleiben.

Rotenburg – Der Ausbau der Windkraftziele des Landes im Landkreis Rotenburg ist eine „Herkulesaufgabe“. Die Herausforderung ist seit einem Jahr bekannt, wurde noch einmal leicht revidiert, aber es bleiben vier Prozent der Kreisfläche, die künftig Vorranggebiet für raumbedeutsame Windkraftanlagen, also besonders große, sein sollen. Nur Uelzen und Lüneburg haben einen gleich hohen Anteil. Das ist eine Belastung – aber auch eine finanzielle Chance. Das ist am Mittwochvormittag in Hannover deutlich geworden. Dort hat Rotenburgs Landrat Marco Prietz (CDU) mit dem Beratungsunternehmen Deutsche Windguard und dem Landesverband Erneuerbare Energien die Studie „Kommunale Wertschöpfung durch Windenergieprojekte im Landkreis Rotenburg“ vorgestellt. Das zentrale Ergebnis: Bis 2040 könnten Unternehmen, Bürger und Kommunen im Landkreis mit bis zu 1,1 Milliarden Euro rechnen.

Kreis zahlt 10.000 Euro

10. 000 Euro hatte die Kreisverwaltung mit Genehmigung der Kreispolitik für die Studie bereitgestellt. Es ist das erste Mal, dass die kommunalen wirtschaftlichen Potenziale bei den ehrgeizigen Windkraftplänen der Energiewende für eine einzelne Region untersucht worden sind. Klar ist: Auch wenn das allermeiste Geld beim lukrativen Windkraft-Geschäft bei Betreibern und Anlagenbauern verbleibt, lässt sich auch vor Ort profitieren. Auf welchen Wegen das insgesamt möglich ist, muss noch detaillierter ausgearbeitet und im jeweiligen Windpark neu konzipiert werden, wohl aber ist laut Prietz klar: „Es gibt eine relevante Wertschöpfung vor Ort.“ Bürgerbeteiligungen waren zum Beispiel kein Bestandteil der Studie.

Partner müssen nicht vor Ort sein

Nach dieser könnten allein durch die Erstbebauung der auszuweisenden Flächen bis 2040 725 Millionen Euro der regionalen Wirtschaft zugutekommen, die kommunale Wertschöpfung wird auf 370 Millionen Euro geschätzt. So profitiere die Wirtschaft unter anderem von regionalen Auftragsvergaben während der Planungs-, Bau- und Betriebsphase zum Beispiel für die Verlegung von Kabeln und Fundamentarbeiten, später von der Repowering- und Rückbauphase. Der Landkreis profitiere von der kommunalen Wertschöpfung, etwa durch Genehmigungsgebühren, Ersatzzahlungen aus der Kompensation von Natur, Gewerbesteuern und die finanzielle Beteiligung der Kommunen, der sogenannten Akzeptanzabgabe. Diese sieht vor, dass Anlagenbetreiber künftig pro erzeugter Kilowattstunde Strom 0,2 Cent an die Gemeinde zahlen müssen. Der Studie liegt ein Flächenbedarf von 5,3 Hektar pro Megawatt Leistung zugrunde. Allerdings sind die Betreiber natürlich frei in der Wahl ihrer Partner, mit denen sie ihre Baumaßnahmen vornehmen – die müssen nicht vor Ort ansässig sein.

Künftig 80 Windparks

10 .000 Euro für solch eine Studie, wenn später allein für Genehmigungsgebühren Millionen Euro fällig werden, seien gut angelegtes Geld, so Prietz. Transparenz wie wirtschaftliche Teilhabe führten zu Akzeptanz. Denn das Szenario der Ausbaupläne im Landkreis Rotenburg sei „sportlich“: Vier Prozent Vorrangfläche bedeuteten eine Vervierfachung des bisherigen Bestands auf mehr als 8 200 Hektar. Statt derzeit 15 Windparks mit rund 200 Anlagen werde es künftig 80 mit bis zu 800 geben. Es gebe kein Projekt, dass die Landschaft so verändern wird. Prietz: „Man wird von jedem Punkt im Landkreis Rotenburg aus ein Windrad sehen.“ Dafür gebe es nicht nur Applaus. Umso erforderlicher sei es, dass die Region selbst profitiere.

Gesetz lässt auf sich warten

Energieminister Christian Meyer (Grüne) sagte zur Studie, gerade der ländliche Raum werde von der Energiewende profitieren. „Das macht uns sturmfest, klimaneutral und wirtschaftlich stark, darüber bin ich sehr froh.“ Die energiepolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Marie Kollenrott, reagiert ähnlich: „Wenn die Menschen bemerken, dass beispielsweise Freibad und Sportstätten im Ort unterhalten werden können, weil es Erlöse aus dem Wind- oder Solarpark nebenan gibt, dann wächst der Zuspruch für den Ausbau der erneuerbaren Energien.“ Etwas kritischer bleibt der Präsident des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes (NSGB), Marco Trips. Er betonte, es müsse sichergestellt werden, dass die Potenziale der Wertschöpfung auch tatsächlich realisiert werden. Das sei bisher nicht flächendeckend der Fall. Die noch nicht beschlossenen Pflichtzahlungen an die Gemeinden etwa seien dringend erforderlich. Auch Landrat Marco Prietz kritisiert seit Monaten, dass der Landkreis zwar mit Änderungen am Regionalen Raumordnungsprogramm (RROP) die Ausweisung der Vorrangflächen intensiv vorbereite, das entsprechende Landesgesetz aber weiter auf sich warten lasse. Das verzögere den Prozess. Niedersachsens rot-grüne Landesregierung will Niedersachsen bis 2040 klimaneutral machen. Dafür sind erneuerbare Energien entscheidend. Sowohl die Solarenergie als auch die Windkraft sollen deutlich ausgebaut werden. Für die Windkraft an Land strebt die Regierung eine Verdopplung der Fläche an, woran sich jeder Landkreis beteiligen soll. Um die prozentuale Verteilung gab es im vergangenen Jahr allerdings großen Streit – „Spitzenreiter“ Rotenburg vorne weg.

Neue Anlagen frühestens 2026

Die Studie soll nun im Umweltausschuss des Kreistags am Dienstag vorgestellt werden. Im Sommer soll das neue RROP mit den neuen Vorrangflächen verabschiedet werden. Prietz erwartet mehrere hundert Stellungnahmen dazu während der öffentlichen Auslegung. Die zögen erfahrungsgemäß Änderungen nach sich. Frühestens 2026, so seine Prognose, würden die neuen Windparks dann im Landkreis entstehen können.

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