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Der Wolf – für die manche eine Bedrohung, für anderen gehört er zur Artenvielfalt. Nun versucht Niedersachsens Landesregierung beide Seiten an einen Tisch zu bekommen.
Hannover – Überall wo der Wolf auftaucht oder gesehen wird, gehen Bilder über die Social-Media-Kanäle in die Welt. Zuletzt wurde ein Wolf in Weyhe (Landkreis Diepholz) gesichtet. Niedersachsen ist nach Brandenburg das Bundesland mit der zweithöchsten Wolfsrudel-Zahl. Umweltschützer sind gegen den Abschuss, Weidetierhalter kämpfen für den Schutz ihrer Tiere und sind für eine Regulierung des Bestands.
Umweltminister Christian Meyer und Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (beide Grüne) wollen bei einem Dialogforum Lösungen für ein weniger „konfliktbelastetes Nebeneinander von Mensch und Tier“ diskutieren. Diese doch so gegensätzlichen Sichtweisen scheinen auf den ersten Blick so weit auseinander zu liegen, dass eine gemeinsame Linie nahezu ausgeschlossen werden kann. Ein Überblick über die unterschiedlichen Positionen.
Politik will Dialog „Weidetierhaltung und Wolf“ in Niedersachsen
Die Ausgangslage: Die Zahl der in Niedersachsen registrierten Wolfsrudel ist im Monitoring-Jahr 2021/22 ein wenig gesunken. Landesweit wurden 34 Rudel zwischen dem 1. Mai 2021 und dem 30. April 2022 gezählt. Im Jahr zuvor war es laut Bundesamt für Naturschutz ein Rudel mehr. Neben den Rudeln wurden zusätzlich zehn Wolfspaare und fünf sesshafte Einzelwölfe nachgewiesen. Nach Angaben der Landesjägerschaft gibt es inzwischen aber schon 44 Rudel und fünf Einzelwölfe in Niedersachsen. Das geht aus dem Bericht zum dritten Quartal 2022 hervor, der Beobachtungen bis zum 30. September erfasst.
Das sagt die Politik: In ihrem Koalitionsvertrag hat die Landesregierung in Niedersachsen einen Dialog „Weidetierhaltung und Wolf“ angekündigt. Der Wolf steht unter strengem Naturschutz, nur in Ausnahmen dürfen einzelne Tiere von den Behörden zum Abschuss freigegeben werden, etwa wenn sie mehrfach Rinder trotz wolfsabweisender Zäune gerissen haben. Gerichte hatten zuletzt mehrere Abschussgenehmigungen gekippt.
Während der ehemalige Umweltminister Olaf Lies (SPD) dagegen vorging, zog Nachfolger Meyer eine Beschwerde vor Gericht zurück. In der Opposition hatten die Grünen die Wolfspolitik von Lies kritisiert. Die alte Landesregierung favorisierte ein neues Gesetz für den Abschuss. Sie hielt das geltende Gesetz für nicht mehr zeitgemäß.
„Niedersachsen will an einem Konzept der Bundesregierung für ein europarechtskonformes und regional differenziertes Bestandsmanagement intensiv mitarbeiten“, hieß es zuletzt aus dem Umweltministerium. Bis zum Frühjahr wollen die Umweltminister der Länder eine Studie zur Wolfspopulation in Deutschland abwarten und dann weitere Schritte beraten. Die EU-Kommission kündigte an, dass der Schutzstatus des Wildtieres geprüft werden solle. Zuvor war ein Pony von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf einer Koppel gerissen worden.
Der Standpunkt der Landwirte: Niedersachsens Landwirte sehen das Wolfsmanagement des neuen Umweltministers kritisch. Meyer kündigte an, Ausnahmegenehmigungen zum Abschuss von sogenannten Problemwölfen eine Woche vor ihrem Erlass öffentlich im Internet einsehbar zu machen. Sie bezweifeln, dass die Jäger mitmachen. Das Landvolk befürchtet, dass damit die Sicherheit von Jägern und Weidetierhaltern vor „radikalen Wolfsfans“ gefährdet sein könnte – auch wenn die Genehmigungen zum Abschuss anonymisiert sein sollen.
Bisher war unklar, welche Wölfe mit welcher Begründung zum Abschuss freigegeben worden sind.
„Bisher war unklar, welche Wölfe mit welcher Begründung zum Abschuss freigegeben worden sind, und es konnte keine unabhängige Prüfung der Fälle erfolgen, was Zweifel an ihrer Rechtmäßigkeit schürte“, sagt Nabu-Landeschef Holger Buschmann. Er begrüßt den Erlass.
Gar nicht begeistert vom Kurs der Landesregierung ist Wendelin Schmücker, Vorsitzender des Fördervereins der Deutschen Schafhaltung: „Mit diesem Minister sehe ich schwarz für die Weidetierhaltung.“ Mit Herdenschutzhunden und Zäunen werde man die Sache nicht in den Griff bekommen. Trotz der Maßnahmen kam es bei ihm in Winsen/Luhe im April 2022 zu einem Wolfsriss – zwölf Schafe waren tot oder mussten eingeschläfert werden.
500 Wölfe leben in Niedersachsen
„Wir haben in Niedersachsen 500 Wölfe, der Bund ist hier gefragt, einen günstigen Erhaltungszustand zu definieren“, sagte Schmücker. Vorbild könne Skandinavien sein – in Schweden, Finnland und Norwegen gebe es klare Begrenzungen.
Die Ansicht der Naturschützer: Der Nabu setzt auf Herdenschutz – vor allem auf Elektrozäune. Die Statistik des niedersächsischen Umweltministeriums zeige, dass Übergriffe von Wölfen in erster Linie bei Schaf- und Ziegenhaltungen geschehen. Dabei spiele sich das Rissgeschehen nach wie vor zu über 80 Prozent auf gar nicht oder unzureichend geschützten Weiden ab.
Rubriklistenbild: © Ingo Wagner/dpa/Grafik

