Zu zweit im Bundestag: Vivian Tauschwitz schafft es über die CDU-Landesliste nach Berlin

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Vivian Tauschwitz darf sich freuen: Als eine von sechs niedersächsischen CDU-Kandidaten zieht sie über die Landesliste doch noch in den neuen Bundestag ein.
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Die Nachricht erreicht Vivian Tauschwitz mitten in der Nacht: Sie hat es doch geschafft. Die 30-Jährige aus Bispingen hat den Wahlkreis zwar deutlich gegen Lars Klingbeil verloren, aber sie bekommt über die Landesliste der CDU einen Sitz im neuen Bundestag. Für die Soldatin beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Rotenburg/Bispingen - Während Lars Klingbeil am frühen Morgen die ersten Fernsehinterviews gibt, sitzt Vivian Tauschwitz im Auto und fährt von Bispingen nach Lüneburg. Der SPD-Chef aus Munster hatte an seinem 47. Geburtstag am Sonntag wenig zu feiern, seine Partei stürzt historisch tief ab. In langen Sitzungen bereitet er dennoch am Montag eine weitere Regierungsbeteiligung vor, die CDU braucht seine 16 Prozent. Und Klingbeil darf sich sogar etwas als Sieger fühlen: Er wird im politischen Berlin noch mehr Gewicht bekommen, wird neben dem Parteivorsitz auch den Fraktionsvorsitz übernehmen. Oder auch ein Ministeramt? Abwarten. Klingbeil kann auch feiern, weil er bundesweit das beste aller SPD-Kandidaten geholt hat. Im Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“ erringt er krachende 42,09 Prozent der Stimmen. Tauschwitz liegt als größte der sechs Gegenkandidaten mit 27,32 Prozent der Stimmen deutlich dahinter, aber auch die freut sich an diesem Montag. Sie ist trotzdem im neuen Bundestag dabei. Am Montagmorgen sitzt die Soldatin um 7 Uhr im Büro ihres Kommandeurs in Lüneburg und bespricht Details ihres Abschieds Richtung Berlin.

Mit FDP oder BSW hätte es nicht gereicht

Der Wahlkreis hat wieder zwei Abgeordnete im Bundestag – und mit Vanessa Zobel (CDU) aus Bremervörde sogar eine weitere Kreisvertreterin. 37.770 Wählerinnen und Wähler haben Tauschwitz bei der vorgezogenen Wahl am Sonntag ihre Erststimme gegeben. Am Wahlabend trifft sie sich mit Freunden und Unterstützern in Bispingen, lange Zeit ist unklar, ob es für sie reicht. Das neue Wahlrecht strengt die Rechenexperten der Parteien an, längst wieder zu Hause, wird aus der Hoffnung aber doch Gewissheit: Gegen 1.30 Uhr, berichtet Tauschwitz, sei klar gewesen: 21 Abgeordnete darf die niedersächsische CDU für ihre 28,1 Prozent Wählerstimmen in den neuen Bundestag schicken. 15 haben es direkt geschafft. Tauschwitz, auf Platz zehn der Landesliste, gehört zu den sechs CDU-Kandidaten, die es auch ohne direkten Wahlsieg schaffen. Wären FDP oder BSW noch über die Fünf-Prozent-Marke gesprungen, hätte es nicht gereicht. „Ist das echt?“, fragt sich die 30-Jährige am Morgen danach auf der Fahrt zur bisherigen Dienststelle, berichtet sie.

Für Tauschwitz beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Die Politik-Newcomerin hat bislang keine Mandate besetzt, war politisch nur für die CDU im Heidekreis unterwegs. Mit einem engagierten Wahlkampf und dem Bundestrend im Rücken hat sie sich allerdings auch gegen „Platzhirsch“ Klingbeil beachtlich geschlagen. Beide könnten künftig den Regierungsfraktionen angehören, Schwarz-Rot gilt als Favorit für die neue Berliner Koalition. Zwei Abgeordnete für den Wahlkreis mit dem Altkreis Rotenburg und den Heidekreis gab es zuletzt bis 2017, erst mit dem Duo Reinhard Grindel und Lars Klingbeil, nach dem Wechsel Grindels als Fußball-Funktionär an die DFB-Spitze mit Klingbeil und Nachrückerin Kathrin Rösel. Die verlor dann nicht nur gegen Klingbeil im direkten Wahlkreisduell, sondern bekam auf Platz 18 der Landesliste stehend auch über diese keinen neuen Platz im Hohen Haus. „Ein Bundestag ohne Rotenburger“, titelte daraufhin die Rotenburger Kreiszeitung. Sie habe Klingbeil am Wahlabend noch zum Geburtstag gratuliert mit einer persönlichen Nachricht, sagt Tauschwitz. Er habe ihr dann auch geschrieben. „Bald wird es die Gelegenheit geben, dass wir persönlich sprechen.“ An diesem Dienstag schon wird Tauschwitz zum ersten Kennenlernen der neuen Fraktion in Berlin sein.

Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit habe ich mich schon gefragt: Ist das jetzt echt?

Vivian Tauschwitz

Der neue Lebensabschnitt ist für Tauschwitz aber auch deshalb ein ganz besonderer, weil auf sie persönlich große Veränderungen anstehen: Tauschwitz hatte im Januar in der Bildzeitung ihre Schwangerschaft öffentlich gemacht. Fragen dazu, wie sie als junge Mutter die auch zeitlich hohe Belastung einer Bundestagsabgeordneten bewältigen will, beantwortet sie nicht im Detail. Das sei Privatsache. „Wir haben einen Plan“, sagt sie und meint ihren Mann, der auch Soldat ist. „Wie wir es machen, thematisieren wir nicht in der Öffentlichkeit.“ Es sei eine Familiensache.

„Wir sind jetzt Feuer und Flamme, dass es losgeht“, sagt die 30-Jährige. Mit „Wir“ meint sie in diesem Fall ihr engstes Wahlkampfteam, zu dem auch der Borcheler Mirko Klee gehört hat. Engste Vertraute und Wahlkampfleiterin war die stellvertretende CDU-Heidekreisvorsitzende Steffy Bahr. Gemeinsam müsse nun ganz viel organisiert und natürlich auch ein Mitarbeiterteam zusammengestellt werden. „Die ersten Bewerbungen habe ich schon lange vor der Wahl bekommen“, so Tauschwitz. Natürlich werde sie sich jetzt zu diesen organisatorischen Dingen mit denen aus der Partei austauschen, die schon länger in Berlin dabei sind. Am Montag musste erstmal noch ein Hotel gebucht werden für die Hauptstadt – die Unterkunft für den Premierentag.

Auf dem Weg zur „großen“ Koalition

Tauschwitz betont, es brauche jetzt „eine stabile Regierung mit demokratischen Parteien“. Da sich auch ihre Hoffnung, dass es für die CDU alleine reiche, zerschlagen habe, braucht es Partner. „Die AfD ist ausgeschlossen“, betont sie die Parteilinie, und da eine Dreierkonstellation nicht notwendig sei, wäre diese Option für sie auch keine gute. Dabei, sagt sie, sei das Kräfteverhältnis zwischen CDU und SPD klar. Es gebe jetzt keine „Große Koalition“ mehr. Mit Klingbeil im Duo aus dem Wahlkreis sieht sie inhaltlich viele Überschneidungen, gerade bei Themen wie Mobilität, Bahn und digitaler Infrastruktur. „Natürlich haben wir auch unterschiedliche Ansichten, aber Konkurrenz belebt das Geschäft.“ Zwei Angeordnete aus einem Wahlkreis in Berlin zu haben, bezeichnet sie „in mancherlei Hinsicht als Vorteil“. Naheliegend für sie sei künftig eine Arbeit im Bereich Verteidigung, aber welche Ausschüsse sie besetzen kann, werde intern in der neuen Fraktion besprochen. „Ich nehme alle Aufgaben an“, sagt sie, und jede, die sie bekomme, sei dann „meine neue Lieblingsaufgabe“.

Zumindest einen Nachmittag nutzt Tauschwitz aber noch zum Durchatmen. Zunächst steht Labrador Anton beim Spaziergang im Mittelpunkt, die Schwester in Australien wartet auf einen Rückruf. Und von den Dutzenden Nachrichten auf ihrem Handy müsse sie noch viele beantworten. Für den Abend ist ein Gespräch mit Wahlkampfleiterin Bahr geplant. „Vielleicht“, sagt sie, finde sich ja auch etwas Ruhe, um den Wahlkampf im Sprint zur vorgezogenen Wahl und das Bangen um den Einzug „sacken zu lassen“. Die großen Aufgaben kommen noch.

Podcast

Deutschland hat gewählt – und wie! Das Ergebnis der Bundestagswahl hat für jede Menge Diskussionsstoff gesorgt. Auch im Verbreitungsgebiet der Mediengruppe Kreiszeitung. Deswegen haben wir eine Podcast-Folge „Die Bundestagswahl – Kreis&Quer spezial“ aufgenommen. Moderator Hagen Wolff spricht mit MK-Chefredakteur Björn Knips über die politische Situation in Deutschland, aber auch über die Ergebnisse in den Wahlkreisen des MK-Landes. Dort haben sich mit Lars Klingbeil (SPD/Rotenburg I – Heidekreis), Andreas Mattfeldt (CDU/ Verden - Osterholz), Axel Knoerig (CDU/ Diepholz – Nienburg I) und Bastian Ernst (CDU/Delmenhorst – Oldenburg Land – Wesermarsch) die Favoriten durchgesetzt. Auch Ulrike Hiller (SPD) hat ihren Bremer Wahlkreis gewonnen, zieht aber aufgrund des veränderten Wahlgesetzes nicht in den Bundestag ein. Eine ganz bittere Geschichte für das Aufsichtsratsmitglied des SV Werder Bremen.
Für die SPD lief es bei dieser Bundestagswahl einfach nicht. Kanzler Olaf Scholz hat das schlechteste Wahlergebnis der Sozialdemokraten auf Bundesebene zu verantworten. Deshalb wird er auch nicht an den Koalitionsverhandlungen mit der CDU vom designierten Kanzler Friedrich Merz teilnehmen. MK-Chefredakteur Björn Knips hält das für richtig und fordert nun von CDU und SPD: „Wenn die jetzt in dieses Klein-Klein verfallen und sich um jedes Ministerium streiten, dann ist das Ding von Anfang an verloren. Die müssen sich jetzt für eine Woche einschließen und dann mit klaren Ergebnissen rauskommen.“ Und der 52-Jährige macht zudem deutlich: „Da muss jeder bereit sein, auch mal eine Kröte zu schlucken. Die SPD sicherlich einige Kröten mehr. Denn das ist keine GroKo, also keine große Koalition, weil die SPD nicht mehr groß ist. Diese Rolle muss die SPD annehmen, sie muss sich aber auch nicht verzwergen.“ Ostern solle die neue Regierung stehen, so Knips, der zudem warnt: „Wenn CDU und SPD das in den nächsten vier Jahren nicht gemeinsam hinbekommen, wird die AfD noch stärker – und dann mache ich mir wirklich Sorgen um Deutschland.“ Die komplette Folge „Die Bundestagswahl – Kreis&Quer spezial“ gibt es ab sofort zu hören bei Spotify oder bei YoutTube.

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