Ein Rundgang durchs Viertel

„Ich bin einer von euch“: Der Polizist, dem der Soester Süden vertraut

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Polizist Ingo Stangenberg im Fenster-Gespräch mit Anwohnerin Conny.
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Ingo Stangenberg ist Bezirksbeamter im Soester Süden. Für die Bewohner des Südens ist er mehr als nur irgendein Uniformierter.

Soest – Wenn Ingo Stangenberg durch den Soester Süden streift, sehen viele Menschen in ihm nicht nur irgendeinen uniformierten Polizeibeamten. Sie erkennen in ihm unmittelbar eine Person, der sie tief vertrauen. Nicht nur das: Sie sehen in ihm einen von ihnen.

Ingo Stangenberg bezeichnet sich selbst als „Kind des Soester Südens“. Sein Opa baute ein Haus am Herzog-Adolf-Weg. „Ich bin in den Süden hineingeboren worden“, sagt er. Dass der Polizeihauptkommissar nun seit rund vier Jahren der Bezirksbeamte in „seinem“ Heimatviertel ist, kann durchaus als Fügung des Schicksals betrachtet werden. Dabei liegt hinter dem „Kind aus der Englischen“ eine Polizei-Karriere, die so gar nicht mit der sonst so üblichen Laufbahn vieler Polizisten übereinstimmt.

Von der Grenzschutz-Zugriffseinheit zur Landespolizei - ein Plan schlägt fehl

1989 fing er bei der Bundespolizei, die damals noch Bundesgrenzschutz hieß, in Hessen an. Dort gehörte er unter anderem einer Zugriffseinheit an, begleitete Abschiebungen nach Afrika. „Ich bin jahrelang durch die Gegend gereist.“ Weil er seiner Heimat in Soest stets treu geblieben ist, um nah bei Frau und den drei Kindern zu sein, saß er Jahr für Jahr 70.000 Kilometer für die Arbeit im Auto. „Das war eine schwierige Zeit“, erinnert er sich.

Ingo Stangenberg ist Bezirksbeamter im Soester Süden.

Irgendwann reichte es. Er wollte vom Bundes- zum Landesbeamten werden. Kündigte. Doch der Plan schlug fehl. Ausgerechnet in dieser Zeit gab es einen plötzlichen Einstellungsstopp beim Land. „Dann habe ich erst einmal eine Zeit auf dem Bau bei meinem Vater gearbeitet.“ Später nahm er eine Stelle bei der hessischen Landespolizei an. Sein Einsatzgebiet: Frankfurt, Innenstadt, 1. Revier. „In Frankfurt war ich ein Nichts, ich musste mir einen Namen machen.“ Denkt er – der Soester Bezirksbeamte – heute an seine Zeit in Frankfurts Problembezirk Nummer 1 zurück, sagt er: „Vielleicht war Frankfurt genau das, was mir diese Arbeit heute ermöglicht hat. Die Zeit in Frankfurt war mega krass. Was ich da erlebt habe – ich habe mit schlimmen Menschen zu tun gehabt. Vielleicht habe ich deshalb heute keinerlei Berührungsängste. Ich habe vor nichts Angst, habe Vertrauen zu Menschen.“ Es folgte eine weitere Station am 6. Revier in Baunatal, ehe er im Jahr 2000 nach Soest kam. Dort fuhr er hauptsächlich Streife, war sechs Jahre im Einsatztrupp, ehe er schließlich in den Bezirksdienst und damit in seinen Soester Süden wechselte.

Eine Begegnung am Britischen Weg: „Hallo, Onkel Ingo!“

Dass die besondere Verbindung zwischen den Menschen aus dem Soester Süden und Ingo Stangenberg tatsächlich besteht und nicht auf irgendwelchen romantisierten Darstellungen beruht, wird klar, als der Polizist den Britischen Weg entlang geht. Ein kleiner Junge ruft schon aus der Ferne: „Hallo, Onkel Ingo!“ Stangenberg grinst, winkt und ruft zurück. Er kennt den kleinen Mann. „Hier soll niemand ‚Herr Stangenberg’ zu mir sagen“, betont er und erklärt: „Es ist wichtig, dass ich als Polizist jetzt schon Kontakt zu den Kurzen aufnehme. In ein paar Jahren sind sie Jugendliche, fallen vielleicht mal auf. Dann habe ich sofort einen Draht zu ihnen. Das ist dann was ganz anderes, als wenn ein Streifenwagen und zwei Unbekannte in Uniform vor ihnen stehen.“ Polizeihauptkommissar Marco Baffa-Scinelli, Sprecher der Soester Polizei, ergänzt: „Das Vertrauen, das der Ingo schafft, wirkt sich auch für alle anderen Kollegen positiv aus.“

„Ich bin der Ingo, ich bin einer von euch.“

Ingo Stangenberg

Das sei gerade im so multikulturell geprägten Soester Süden mit seinen bis zu hundert verschiedenen Nationen elementar. Stangenberg weiß aus Erfahrung: „Aus falsch verstandenem Respekt haben viele hier Angst vor der Polizei. Viele drehen sich weg, wenn sie Polizisten sehen. Ich sage ihnen: Pass auf, ich bin der Ingo. Ich trage zwar eine Uniform, aber ich bin einer von euch. Ein Mensch wie ihr auch. Ich bin hier groß geworden.“

Das kann Brigitte Sehmi nur unterschreiben. Die Leiterin des Stadtteilbüros im Soester Süden, das übrigens nicht mit dem Stadtteilhaus verwechselt werden darf, betont: „Die Nähe zu den Menschen, gerade hier in der Siedlung, ist total wichtig. Jeder muss wissen und lernen, dass die Polizei nicht nur da ist, um zu verhaften oder draufzukloppen.“ Den Beweis liefert Nora. Die Afrikanerin ist gerade im Stadtteilbüro zu Besuch, als Ingo Stangenberg hereinkommt. Verwundert fragt sie Brigitte Sehmi, warum die Polizei da ist. Sehmi erklärt ihr: „Wir unterhalten uns nur und tauschen uns aus.“ Nora fragt: „Und wenn ich mal was sehe, dann kann ich ihn anrufen?“ Sehmi nickt: „Wenn dir etwas am Herzen liegt, kannst du ihn ansprechen.“ Die Büro-Leiterin erklärt später: „In ihrer Heimat Nigeria würde sie niemals auf die Idee kommen, einen Polizisten auf der Straße anzusprechen.“

„Mittelsmänner“, die Dinge im Soester Süden auf dem kurzen Weg klären

Stangenberg betont, wie wichtig eine Einrichtung wie das Stadtteilbüro, in dem es unter anderem tägliche Sprachkurse für zugezogene Anwohner gibt, sei: „Das ist hier die oberste Institution in der englischen Siedlung. Wenn ich nicht weiter weiß, gehe ich zu Brigitte. Sie kennt jeden und jeder kennt sie. Sie ist eine der ersten Bewohnerinnen, die es in der Englischen überhaupt gab. Es ist total wertvoll, so jemanden zu kennen und als Anlaufadresse zu haben“, sagt Stangenberg. Die Büro-Leiterin und der Bezirksbeamte sehen sich als „Mittelsmänner“, die Dinge im Soester Süden „auf dem kurzen Weg klären“ können.

Als „Mittelsmänner“, die Dinge im Soester Süden klären, verstehen sich Polizist Ingo Stangenberg und Stadtteilbüro-Leiterin Brigitte Sehmi.

Als Beispiel nennen sie die Zeit, als die LEG-Häuser zur Sanierung eingerüstet wurden. Plötzlich turnte mancher auf den Gerüsten herum, starrte in Wohnungen, verärgerte Anwohner. „Ich hörte davon, habe Ingo Bescheid gesagt, er hat mit den entsprechenden Personen ein klares Wort gesprochen. Das funktioniert viel besser, als mit riesigem Tamtam“, erklärt Sehmi. Stangenberg schildert: „Ich fahre zu den Leuten hin, klingle. Mir wird geöffnet, ich werde hier sehr respektvoll behandelt. Ich komme herein, spreche mit den Leuten. Das kommt an. Und das kommt viel mehr an, als wenn auf einmal ein Streifenwagen vor der Tür steht. Dann machen viele Leute gar nicht erst die Tür auf. Ich sehe es als meine Hauptaufgabe, Dinge auf dem kurzen und unkomplizierten Weg zu klären. In der Regel wird ein Konsens gefunden. Da geht es auch um kleine Delikte. Wir suchen eine Lösung, wie wir im Kleinen damit umgehen, ohne die Gerichte unnötig zu belasten.“

Entwicklung in der ZUE: „Die Gesichter haben sich wieder aufgehellt“

Eine schwere Zeit für alle sei die Phase der überfüllten ZUE gewesen: „Als die Belegung so hoch war, war das Klima hier nicht so toll. Ich habe in viele verbitterte und traurige Gesichter geguckt. Seit sich die Situation entspannt hat, haben sich die Gesichter wieder aufgehellt, die Leute winken wieder.“ Seit die Ermittlungskommission „Prio“ sich der ZUE angenommen hat und die Bewohnerzahl der Einrichtung vom Land drastisch reduziert wurde, ist es deutlich ruhiger geworden.

„Jetzt ist es hier so, wie es sein sollte“, freut sich der Bezirksbeamte. Trotzdem ist Stangenberg nahezu täglicher Besucher in der ZUE: „Ich bin zum einen manchmal noch ein Vermittler zwischen ZUE und EK Prio. Außerdem komme ich auch, wenn es andere Probleme gibt, für die man nicht unbedingt einen Streifenwagen braucht, kann mir für manche Dinge mehr Zeit nehmen, als die Kollegen im Streifendienst.“

Wenn es drauf ankommt, bin ich kein Streichel-Cop.

Ingo Stangenberg

Er lobt die enge Zusammenarbeit zwischen Polizei, dem Sicherheitsdienst, den Maltesern und der Einrichtungsleitung um Sabine Heynen. Die Zusammenarbeit ist so eng, dass Heynen und Stangenberg von einem „distanziert freundschaftlichen Verhältnis“ zueinander sprechen. „Ich glaube nicht, dass es hier jemanden gibt, der ihn nicht kennt“, ist Heynen sicher. Trotzdem – und das unterstreicht Stangenberg: „Wir versuchen immer, alle gleich und fair zu behandeln. Mit Vorurteilen zu arbeiten, geht gar nicht. Doch wenn sich einer wirklich nicht benimmt, bekommt er das Gesetz zu spüren.“ Er verdeutlicht: „Wenn es drauf ankommt, bin ich kein Streichel-Cop.“

Zurück im Stadtteilbüro: Brigitte Sehmi möchte den Bezirksbeamten aus dem Süden nicht mehr missen: „Es war schon lange überfällig, dass so ein Polizist wie Ingo hier im Stadtteil tätig ist. So was hätte es viel eher geben müssen.“ Als Stangenberg das Stadtteilbüro nach einer Tasse Kaffee und einem intensiven Gespräch verlässt, zieht er weiter seine Runde durch den Süden seiner Stadt. Nach einem Besuch bei Kira Budde, Managerin des Stadtteilhauses, trifft er am Britischen Weg an einem offenen Erdgeschossfenster eines Mehrfamilienhauses auf Conny. Die Anwohnerin lehnt sich sofort zu ihm heraus. Schon entsteht das nächste Gespräch über das, was gerade im Soester Süden für Ingo Stangenberg wichtig sein könnte.

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