Clan-Gewalt

Nach Gewalt-Eskalation in NRW-Städten: Innenminister nennt neue Details

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In Castrop-Rauxel und Essen kam es zu Massenschlägereien zwischen zwei Groß-Familien. Thema war das jetzt in einer Sondersitzung des Innenausschusses im NRW-Landtag.

Düsseldorf – Hunderte teils bewaffnete Männer, die am vergangenen Freitag (16. Juni) auf offener Straße aufeinander einprügeln – mitten auf dem Salzmarkt, einem belebten Platz im Herzen der Innenstadt von Essen. Nur einen Tag zuvor: eine blutige Massenschlägerei in Castrop-Rauxel. Etliche Menschen wurden verletzt, ein Mann schwebte in Lebensgefahr. Die Stimmung im Ruhrgebiet und ganz NRW ist auch Tage später noch angespannt. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat jetzt neue Details zur Gewalteskalation genannt. Demnach gibt es Verbindungen zum Clan-Milieu.

Massenschlägereien in NRW-Städten: Innenminister Herbert Reul sieht Verbindungen ins Clan-Milieu

Aktuell sind viele Fragen zu den Ursachen der Clan-Gewalt noch unbeantwortet. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) aus NRW sprach kurz nach der Massenschlägerei in Essen von einem Kampf um die „Vorherrschaft in ganzen Stadtvierteln“, der mitursächlich für die Ausschreitungen sein soll. Auf Bundesebene befürchtete die GdP einen gefährlichen „Kipp-Punkt“, der nun im Clan-Milieu erreicht worden sei.

Gerade die Städte im Ruhrgebiet, wie beispielsweise Essen, haben schon länger mit Clan-Kriminalität zu kämpfen. Der dortige Polizeipräsident Andreas Stüve hatte noch im April im Interview mit wa.de gesagt, die Tumultlagen im Kontext Clan-Kriminalität seien zurückgegangen. Ähnliches war zuletzt auch aus Duisburg zu hören, wo kriminelle Clans ebenfalls aktiv sind. Das gilt jetzt offenbar nicht mehr.

NRW-Innenminister Herbert Reul sagte am Mittwoch (21. Juni) in einer Sondersitzung des Innenausschusses im Landtag in Düsseldorf, er sehe Zusammenhänge zwischen den Massenschlägereien in Essen und Castrop-Rauxel sowie Bezüge zum Clan-Milieu: „Die Kriminalität, die aus Familienstrukturen heraus begangen wird, findet nicht immer nur als organisierte Kriminalität im Hinterzimmer statt“, so der CDU-Politiker. Laut Reul gehören auch spontane Gewaltausbrüche auf der Straße zum Phänomen der Clan-Kriminalität.

NRW-Innenminister Herbert Reul.

Konträre Aussagen von NRW-Innenministerium und Staatsanwaltschaft

Der NRW-Innenminister stützte seine Vermutung auf Hinweise, die es in den sozialen Medien gegeben habe. Nach dem Vorfall in Castrop-Rauxel seien die Clans dazu aufgerufen worden, nach Gelsenkirchen oder Essen zu kommen: „Das sieht für mich nicht unbedingt nach einem Zufall aus – zumal im Netz ja durchaus mit Parolen nach dem Motto ‚Kommt nach Essen‘ dafür mobilisiert wurde und es die Verfolgung mehrerer Personen von Castrop-Rauxel bis nach Essen gab“.

Unterdessen hatte der zuständige Oberstaatsanwalt aus Dortmund, Carsten Dombert, sich kurz zuvor noch gegenteilig geäußert: Er sehe keine Hinweise auf einen Clan-Hintergrund, wie beispielsweise Verteilungskämpfe zwischen den Großfamilien. Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen den Eskalationen in den Ruhrgebietsstädten gebe es auch eher nicht. Demnach soll eine Lappalie, ein Streit zwischen Kindern, zu den blutigen Szenen geführt haben.

Clan-Kriminalität in NRW

► Wenn die Rede von kriminellen Clans ist, sind meist bestimmte Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.0000 Menschen zu solchen Großfamilien. Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Einige wenige aber haben sich zu Gruppierungen zusammengeschlossen, die Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität begehen.

► Viele gehören den Mhallami an, einer arabischstämmigen Volksgruppe. Ihre Vorfahren wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben, kamen dann in den Libanon. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland.

► Als Geflüchtete wurden sie in verschiedenen Bundesländer untergebracht, vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Berlin. Als Staatenlose erhielten sie den Duldungsstatus. Menschen mit Duldungsstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer nur auf Antrag möglich. Experten sehen in der Perspektivlosigkeit einen Grund dafür, dass kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.

► Die kriminellen Clan-Mitglieder begehen schwere Straftaten, wie Menschenhandel, Betrug, Erpressung und Raub.

Nach Clan-Eskalation in NRW: Polizei verstärkt Präsenz – und findet Maschinenpistole

Nach den Gewalteskalationen zwischen den Clan-Familien hatte die Polizei die Präsenz in den beiden Stadtteilen erhöht. Sie fanden mehrmals größere Gruppen von Mitgliedern einer der beiden Streitparteien vor und kontrollierten sie – und die Polizistinnen und Polizisten fanden einige Hinweise darauf, dass weitere Ausschreitungen zu befürchten sind: Immer wieder wurden Waffen gefunden und sichergestellt, teilweise waren sie im Gebüsch versteckt. In einem Auto fanden die Einsatzkräfte unter anderem eine Machete und eine Maschinenpistole. (mg mit dpa)

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