VonMarkus Hannekenschließen
In Hamm wird ein Innenstadt-Gastronom durch die Attacke eines Junkies schwer verletzt. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die sich ausbreitende Drogenszene. Die Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe.
Hamm – Ein Aufregerstück in mehreren Akten spielte sich in den vergangenen Tagen in der Innenstadt von Hamm ab. Alles begann mit der blutigen Attacke eines polizeibekannten Junkies auf einen bekannten Gastronomen. Wiederholt fiel der Angreifer in den Folgetagen unangenehm auf. Die Geschädigten ergriffen selbst die Initiative, auch weil ihnen die Arbeit der Polizei nicht akribisch genug erschien. Die Polizei widerspricht dem nachdrücklich. (In Hamm hatte sich kürzlich erst eine Lenkungsgruppe aus zahlreichen Institutionen versammelt, um die Sicherheit in der Stadt zu erhöhen.)
Unstrittig ist, dass der 60-jährige Innenstadt-Gastronom (Name der Redaktion bekannt) am Montag, 2. Oktober, in der Notaufnahme eines Hammer Krankenhauses großflächig am Kopf genäht werden musste. Er hatte gegen 21.30 Uhr im Lager seines Lokals einen Eindringling stellen wollen. Dieser warf ihm erst ein Glas und dann eine Soßenflasche an den Kopf, die den Schilderungen zufolge an der Schläfe zerbrach. Der Täter – ein 33-Jähriger aus Hamm, wie die Polizei später vermeldete – konnte fliehen.
Noch am selben Abend begann ein Katz-und-Maus-Spiel aller Beteiligten. Weil die Polizei nicht unmittelbar eine breite Fahndung ausgelöst habe, obwohl ihr den Angaben zufolge auch ein Foto aus einer Überwachungskamera vorgelegt worden sei, ergriffen Angestellte des Lokals die Eigeninitiative, fanden den Angreifer im Umfeld des Autohauses Franken, verfolgten, stellten und fixierten ihn in der Feidikstraße. Hinzugekommene Polizisten hätten ihn aber kurz darauf wieder laufen lassen.
Gastronom äußert Unmut über Arbeit der Ermittler
Mehrfach hatten Polizei und Gastronom in den Folgetagen persönlich und telefonisch Kontakt. Unter anderem äußerte der 60-Jährige im Präsidium seinen Unmut über die Arbeit der Ermittler. An seiner Seite: Frederick Müller (36), Vorsitzender des unlängst gegründeten „ersten Gastronomie-Vereins Hamm“. Zwischenzeitlich machte die Polizei den ersten Vorfall schriftlich öffentlich, „Strafanzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung und Hausfriedensbruch“ seien gefertigt worden.
Am Freitagnachmittag soll sich die Situation vor dem Lokal zugespitzt haben. Müller zufolge erschien der 33-Jährige mit Drohungen („Wenn du die Anzeige nicht zurückziehst, mach ich dich platt und steche dich ab“) und einer Flasche in der Hand; in die folgende handfeste und laute Auseinandersetzung seien auch Mitarbeiter und Gäste involviert worden. Die Polizei wurde gerufen. Nach kurzer Abwesenheit sei der Angreifer mit zwei Begleitern „aus der Drogenszene“ zurückgekommen und mischte den Außenbereich erneut auf. Die wenige Minuten später eintreffenden Beamten hätten von dem Trio nur noch einen Mann antreffen können.
Frederick Müller: harsche Worte zur Polizeiarbeit
Weil ihnen das Vorgehen der Polizei wieder nicht energisch und nachhaltig genug erschien, wurden Müller und der Gastronom noch am selben Tag erneut im Präsidium vorstellig. Auf dem Rückweg sahen sie den Haupttäter ihren Worten zufolge im Nordringpark. Mit einem Polizisten „live“ am Telefon verfolgten sie ihn bis zum Edeka am Marktplatz: Dort wurde er von Beamten mit Handschellen in Empfang genommen.
Festgesetzt wurde der 33-Jährige aber nicht. In der Nacht auf Samstag wurde auf dem Parkplatz des Lokals die Autoscheibe einer Reinigungskraft eingeschlagen; ihre Tasche wurde gestohlen. Die Polizei nahm den Vorfall vor Ort auf. Am Sonntag wollen die Geschädigten erfahren haben, dass der 33-Jährige mit Bargeld und einer Tasche im Nordringpark war. Diese und weitere Erkenntnisse hätten sie am Montag der Polizei mitgeteilt.
Mit harschen Worten zur Anti-Drogenpolitik der Stadt und zur Polizeiarbeit wandte sich Müller an den WA, sagte unter anderem wörtlich: „Wir sind erschrocken von der mangelhaften Polizeiarbeit. Es erfolgte keine aktive Fahndung, keine erkennungsdienstliche Behandlung und keine Konsultation der Staatsanwaltschaft, um einen gefährlichen Straftäter von den Straßen unserer Stadt zu bekommen. (…) Ob der Hauptbahnhof in den Abendstunden, der Nordringpark oder das Areal um die Feidikstraße: Die Politik und Ordnungsbehörden sind hier gefordert, endlich zu handeln.“
Hilwig: CDU fordert umfassende Aufklärung
Ratsherr Arnd Hilwig meldete sich zu den Ereignissen („Der Vorfall bestätigt leider die von Gastronomen und Bürgern beschriebene Lage“) ebenfalls in der Redaktion. Seine CDU erwarte „jetzt vom Ordnungsdienst und der Polizei Sofortmaßnahmen für die Sicherheit der Bürger“. Eine „gewaltbereite und gewalttätige Szene“ sei „nicht zu dulden und muss zurückgedrängt werden“.
Hilwig erinnerte an einen entsprechenden Antrag seiner Fraktion vom September, der unter anderem eine Null-Toleranz-Strategie und einen anhaltend hohen Kontrolldruck in der Innenstadt forderte. Hilwig: „Im nächsten Polizeirat und den Fachausschüssen erwarten wir umfassende Aufklärung und dann auch im Stadtrat klare Schlussfolgerungen.“
Polizeisprecher: Beamte haben richtig gehandelt
Die Polizei weist alle Versäumnis-Vorwürfe nüchtern, aber nachdrücklich zurück. „Nach jetzigem Kenntnisstand stellen wir fest, dass die mit den Sachverhalten betrauten Beamten richtig gehandelt haben“, so Behördensprecher Hendrik Heine mit Blick auf die Serie der Vorkommnisse. Er „betone in diesem Zusammenhang: Wir schöpfen alle uns zum entscheidungserheblichen Zeitpunkt vorhandenen rechtlichen Möglichkeiten aus.“
Unter anderem wies Heine die Behauptung zurück, es habe nach der Eskalation am Freitagnachmittag keine Fahndungsaktivitäten gegeben. Tatsächlich „fahndeten mehrere Streifenwagenbesatzungen zeitgleich nach den Tatverdächtigen – ein übliches Vorgehen der Polizei“. Heine bestätigte, dass am späten Abend des 2. Oktober ein Foto nachgereicht worden sei – darauf sei „die Person von hinten“ zu sehen. Zuvor hätten zivile Fahnder im Innenstadtbereich bereits eine Fahndung eingeleitet.
Eigenmächtige Festsetzung prinzipiell in Ordnung
Nach der Festnahme am Freitagabend sei der 33-Jährige am Folgetag (nach Rücksprache der Staatsanwaltschaft mit den Ermittlern) entlassen worden. Zuvor sei bei dem Tatverdächtigen eine „Gefährderansprache durchgeführt“ worden. Damit sollten „polizei- und strafrechtliche Konsequenzen bei erneuten Tathandlungen“ deutlich gemacht werden.
Der Polizeisprecher ergänzte, dass die Mitarbeiter mit der eigenmächtigen Verfolgung und „vorläufigen Festsetzung“ prinzipiell korrekt gehandelt hätten. Das gehe aus dem Paragrafen 127 der StPO (Strafprozessordnung) hervor.
Die Betroffenen hätten bei der Polizei mündlich Beschwerde eingelegt, so Heine. Daraus sei ein schriftliches Verfahren im Rahmen des Beschwerdemanagements hervorgegangen.
Die Ermittlungen der Polizei im beschriebenen Fall laufen derweil weiter.
Von Hamm aus haben sich mehrere Streifenwagen der Polizei mit einer Gruppe Jugendlicher eine Verfolgungsfahrt nach Dortmund geliefert. Es gab Verletzte.
