VonMaximilian Gangschließen
Die rassistische Umdichtung von „L‘amour toujours“ ist kein Sylt-Problem. In Deutschland kam es flächendeckend zu ähnlichen Vorfällen – auch in NRW.
Hamm – „Sylt-Parolen“, „Sylt-Schnösel“, „Sylter Skandal-Ohrwurm“. Viele Schlagzeilen zur rassistischen Umdichtung des Party-Hits „L‘amour Toujours“ von Gigi D‘Agostino schlagen in die gleiche Kerbe. Die Nordseeinsel ist durch den berüchtigten 12-Sekunden-Clip zu zweifelhaftem Ruhm gekommen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen“-Rufe sind kein Sylt-Problem. In Diskotheken, auf Schützenfesten oder Karnevalssitzungen im gesamten Land skandierten Menschen zuletzt die rassistischen Parolen. Auch in NRW sind bereits mehrere Fälle aktenkundig.
Rassistische Parolen auf „L‘amour Toujours“: Mehrere Fälle in NRW
„Im Zeitraum November 2023 bis Mai 2024 sind der Polizei Nordrhein-Westfalen bislang valide zehn Fälle bekannt geworden“, erklärt ein Sprecher des NRW-Innenministeriums auf Nachfrage von wa.de. Am Pfingstwochenende seien gleich mehrfach rassistische Parolen auf die Melodie des Party-Hits von Gigi D‘Agostino gebrüllt worden. Auch der Videoclip aus dem Sylter Pony-Club stammt laut der Deutschen-Presseagentur (dpa) von einer Pfingstparty. Weitere Details könne das Innenministerium nicht bekannt geben, da es sich um laufende Verfahren handele. In vielen Fällen ermittelt der Staatsschutz.
Immer mehr Vorfälle werden den Polizeibehörden in NRW bekannt
Inwiefern es bereits vor November 2023 zu ähnlichen Vorfällen kam, ist unklar. Die Zahlen des Innenministeriums basieren auf den Meldungen der einzelnen Polizeibehörden in NRW. Eine automatisierte Auswertung sei aufgrund der fehlenden Parameter für diesen konkreten Fall nicht möglich. Um nachzuvollziehen, in „wie vielen gemeldeten Vorfällen in Nordrhein-Westfalen zu den Klängen von Gigi D‘Agostinos Lied ‚L‘amour Toujours‘ verfassungsfeindliche und rassistische Äußerungen geäußert wurden“, wäre eine Analyse von tausenden Einzelfällen nötig.
Ebenso unklar bleibt deshalb, ob es in den vergangenen Jahren in NRW eine Zunahme der Vorfälle gab, wie der Sprecher des Landesinnenministeriums schildert. „Auf Grundlage der sich mehrenden medialen Berichterstattungen über die hier in Rede stehenden Vorfälle scheinen derartige Sachverhalte in jüngster Vergangenheit vermehrt bekannt zu werden.“ Besonders nach dem Pfingstwochenende – und damit nach dem Sylt-Vorfall – habe die Polizei häufiger Fälle dieser Art verzeichnet. Doch die Häufung könne auch darauf basieren, dass das Phänomen durch die mediale Berichterstattung stärker im Fokus stand.
In Niedersachsen sind bisher 28 Fälle bekanntgeworden, in denen der Text des Party-Hits „L‘amour toujours“ rassistisch umgedichtet worden ist, berichtet kreiszeitung.de. Das Phänomen „ausländerfeindlicher Gesänge beziehungsweise inhaltlicher Umdichtungen des Originaltexts“ sei im November 2023 bekanntgeworden, sagte eine LKA-Sprecherin.
„Ausländer raus“-Parolen reichen bis in die 1980er-Jahre zurück
Auch das Strafmaß hängt stark vom jeweiligen Einzelfall ab. Verfassungsfeindliche und rassistische Äußerungen werden regelmäßig als Volksverhetzung (§130 StGB) gewertet, so der Sprecher. „Zu denen in Rede stehenden Sachverhalten werden Strafverfahren wegen § 86a StGB (Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger oder terroristischer Organisationen) eingeleitet.“ Beim Sylt-Fall könnte das beispielsweise auf den gestreckten Arm und das angedeutete Hitlerbärtchen zutreffen, wie der Rechtsanwalt Umut Yilidirim gegenüber Kreiszeitung.de von Ippen.Media erklärte.
Klar ist aber: Der fragliche „Trend“, die Melodie von „L‘amour Toujours“ für fremdenfeindliches Gegröle zweckzuentfremden, startete nicht auf Sylt. Bereits im November 2023 berichtete das Magazin Katapult, dass Gäste auf einem Fest im mecklenburg-vorpommerischen Bergholz die rechtsextreme Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ sangen. Der Schlachtruf selbst reicht noch weiter zurück: Laut einem Sprecher der Initiative Exit-Deutschland nutzen Neo-Nazis die Parole seit den 1980er-Jahren. Doch heute – und das ist für viele das größte Problem – sind es wohl nicht mehr nur Neo-Nazis. (maga)
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