VonMick Oberbuschschließen
Der 11.11. in Köln zog am Samstag unzählige Menschen in die Kölner Innenstadt. Wie haben Anwohner den Tag rund um die Zülpicher Straße erlebt?
Köln – Es war ein Riesen-Ansturm erwartet worden – und die Tausenden von Menschen ließen sich am 11.11. in Köln nicht zweimal bitten: Zu zehntausenden stürmten die Feiernden in die Innenstadt, vor allem ins „Kwartier Latäng“ rund um die Zülpicher Straße, um den Auftakt in die neue Session des Kölner Karneval 2023/2024 zu feiern. Auch deshalb hat der 11.11. Spuren hinterlassen. Zu sehen war das zum Beispiel nach dem 11.11. im Grüngürtel, wo sich am Sonntag das Ausmaß der Feierlichkeiten zeigte.
So haben Gastronomen im Zülpicher Viertel den 11.11. erlebt
Markus Vogt, Besitzer der Kneipen „Soylent Green“ und „Kwartier“ im Zülpicher Viertel, wollte sich das Geschehen am 11.11. morgens gegen 8 Uhr anschauen – gegen 9 Uhr war er schon wieder aus dem Veedel verschwunden. „Wenn Sie das schon ein paarmal erlebt haben, wissen Sie, wie es über den Tag weitergeht“, sagte er am Samstag im Gespräch mit 24RHEIN. Und auch wenn die ganz große Katastrophe nach Einschätzung von Stadt, Ordnungshütern und Co. ausblieb, äußern dennoch Gastronomen große Kritik an der Situation am 11.11.
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„Es geht nicht darum zu sagen, es ist zu voll oder zuviel Müll, sondern darum, zu sagen: Es muss Konzepte geben, damit so Feierlichkeiten wie am 11.11. nicht mehr nur unter dem Stichwort Gefahrenabwehr stattfinden“, sagt Claudia Wecker, Chefin von „Das Ding“ im Zülpicher Viertel. „Die Stadt feiert sich jetzt wieder für ihr Sicherheitskonzept, weil es keine Katastrophe gegeben hat. Doch Verantwortung für die Zustände möchte niemand übernehmen“, so Wecker weiter.
Es läge nun an der Verwaltung, Flächen anzubieten, für die man Alternativkonzepte erarbeiten könne. Denn: „Niemand hier im Viertel ist bereit, das noch länger hinzunehmen“, so die Gastronomin. Hoffnung, dass dies bis zum Straßenkarneval im Februar gelingen könne, habe sie allerdings nicht. „Dafür dürfte die Zeit zu kurz sein“, so Wecker.
Zehntausende feierten rund um die Zülpicher Straße – so haben Anwohner den Tag erlebt
Anwohner Michael Neumann, der in der Lindenstraße lebt, bewertet die Situation am 11.11. in Köln mit zwei Tagen Abstand zweigeteilt. Auf der Zülpicher Straße selbst sei es laut seiner Einschätzung „relativ friedlich“ gewesen – „was jedoch gar nicht geht, ist die gesamte Situation im Grüngürtel, vor allem zwischen Bachemer Straße und Aachener Weiher“, so Neumann. „Obwohl alle wussten, dass nochmal mehr Menschen kommen, gab es nicht mehr Toiletten oder Mülleimer. Es gab ein paar Dixies, aber natürlich vor allem tausende Wildpinkler“, so der Anwohner, der vor allem von den Zuständen am Aachener Weiher schockiert war.
„Die Forderung kann nur lauten: Der Grüngürtel muss abgesperrt werden“, erklärt er im 24RHEIN-Gespräch. Auch das Problem der Feiernden, die ihre Notdurft teilweise in Hauseingängen verrichteten, sei nicht verbessert worden. „Ich habe mit einem Anwohner gesprochen, der erzählte, er habe beim Verlassen seiner Wohnung auf den nackten Hintern einer Dame geblickt, die dort gerade ihr Geschäft verrichtete“, so Neumann. Gegen 15 Uhr habe er auf der Zülpicher Straße bereits ein wahres „Müllmeer“ erblickt. „Das ist ja unglaublich, dass Menschen noch bereit sind, sich in diesen Zuständen überhaupt noch aufzuhalten“, so Neumann.
Teils chaotische Zustände am 11.11. in Köln: Innenstadt-Bürgermeister zieht Bilanz
Andreas Hupke, Bezirksbürgermeister Innenstadt, machte sich bereits am 11.11. selbst ein Bild von den Zuständen rund um das Zülpicher Viertel – und zog bereits wenige Stunden nach Eröffnung der neuen Karnevalssession eine harte Bilanz. „Ich kann nur sagen, dass das Sicherheitskonzept nochmal wie ein ganz starker Magnet gewirkt hat. Es wurden einige Menschen mehr angezogen als im Vorjahr“, erklärte er bereits am Nachmittag des 11.11.
„Das ganze Ausmaß der Naturzerstörung wurde erst am Sonntag (12. November) sichtbar“, erklärt er am Montag im 24RHEIN-Gespräch – und macht sich Sorgen, dass die Feierlichkeiten in der Stadt bleibende Schäden hinterlassen könnten. „Der Hiroshima-Nagasaki-Park, in dessen Nähe unter anderem das Museum für ostasiatische Kunst steht, war völlig zugemüllt. Was hier an Werten verschleudert wird, ist unfassbar“, so Hupke.
Vor allem störe auch ihn die Wahrnehmung der eigentlich zur Gefahrenabwehr an Karneval genutzten Flächen rund um die Uniwiese und den Grüngürtel. „Von den Jugendlichen, die ich hier am Samstag erlebt habe, hat keiner gesagt: Wir wollen zur Ausweichfläche. Die haben alle gesagt: Wir wollen aufs Festivalgelände“, so Hupke, der sich sicher ist: „Die immer drastischer werdende Zerstörung muss aufhören. Das Erbe von Adenauer im Grüngürtel wird hier mit Füßen getreten“, so der Bürgermeister.
Feier-Exzesse am 11.11.: Jecke wichen auf Grünflächen aus – das sagen Naturschützer
Der BUND Köln setzt sich für den Schutz der Pflanzen und Tiere in Köln ein – und beobachtet die Zustände am vollgemüllten Aachener Weiher mit Sorge. „Wir müssen und werden jetzt alles daran setzen, dass diese exzessiven Karnevalsaktivitäten am 11.11. und um Weiberkarneval im „Kwartier Latäng“ ein Ende finden. Private maximale Selbstverwirklichung in Form eines Massenevents darf nicht länger zu Lasten von Gemeinwohlinteressen gehen“, sagt Dr. Helmut Röscheisen, Vorstandsmitglied der BUND Kreisgruppe Köln.
Und auch für Menschen seien die Zustände gefährlich – nicht nur für die Natur. „Die Auswirkungen auf das Gebiet um den Aachener Weiher durch Müll, Glasscherben, menschliche Ausscheidungen, Zerstörungen von Vegetation und Boden sind gravierend und können kurzfristig kaum beseitigt werden. Der Aachener Weiher ist durch zahlreiche beschädigte Glasflaschen massiv beeinträchtigt. Mögliche Straftaten sind zu prüfen. Die jetzige Lage um den Aachener Weiher stellt eine öffentliche Gefahr dar, vor allem für Kinder!“, sagt er.
Insgesamt 100 Tonnen Müll mussten die Abfallwirtschaftsbetriebe Köln (AWB) am 11.11.2022 insgesamt entsorgen – in diesem Jahr dürften es allein aufgrund der Menschenmassen noch einmal deutlich mehr gewesen sein. Doch nicht nur auf den Grünflächen sammelte sich ohne Ende Müll: Bereits am Morgen „entsorgten“ Jecken ihre Glasflaschen, die sie ja nicht mit auf die Zülpicher Straße nehmen durften, direkt an Ort und Stelle – und warfen den Müll einfach vor den Eingängen auf den Boden. Auf der Straße selbst und auch in Parallelstraßen wie der Luxemburger Straße das gleiche Bild – man fand kaum eine Ecke, die nicht schon vollständig zugemüllt war.
11.11. in Köln im Zülpicher Viertel: Polizei zieht am Einsatzabend erste Bilanz
Aufgrund häufig erst Tage später erstatteten Anzeigen veröffentlicht die Polizei erst am 17. November die finale Einsatzbilanz zum 11.11.2023. Am Einsatzabend selbst jedoch gab die Behörde bereits eine erste Einschätzung zum Start des Kölner Karneval 2023 ab. „Über den Tag feierte nach bisherigem Stand der überwiegende Teil der Menschen friedlich und hielt sich an die Regeln. Ab den Nachmittagsstunden waren die Einsatzkräfte jedoch vermehrt gefordert. Hier spielte zu allermeist die Auswirkung des starken Alkoholkonsums eine Rolle“, teilt die Polizei Köln am Abend des 11.11. mit.
Auswirkungen der feiernden Massen gab es dennoch zur Genüge. Am Bahnhof Süd hielten von 13 bis 15 Uhr keine Züge, um den Zustrom der Feiernden etwas abzuschwächen. Für Aufsehen gesorgt hatten auch Personen, die auf der Zülpicher Straße gegen 12 Uhr den Hitlergruß gezeigt haben sollen. Hier hat der politische Staatsschutz die Ermittlungen aufgenommen. Zudem gab es am Samstag bis 21 Uhr 63 Platzverweise und 96 Strafanzeigen, die meisten wegen Körperverletzung, Diebstahl oder Sexualstraftaten.
Jecke feiern in Scharen den 11.11. in Köln – Stadt mit Sicherheitskonzept insgesamt zufrieden
Im Gegensatz zu Naturschützern, Politikern und Anwohnern zog die Stadt Köln bereits früh ein positives Fazit zum 11.11. in Köln. „Der Koordinierungsstab ist mit dem bisherigen Verlauf des 11.11. zufrieden“, hieß es von der Verwaltung bereits am Samstagnachmittag – als die Zülpicher Straße längst überfüllt und auch die Ausweichflächen mehr als ordentlich ausgelastet waren. Insgesamt seien laut einer Schätzung vom Sonntag (12. November) über 100.000 Feiernde in der Stadt unterwegs gewesen.
Die Sicherheitskonzepte von Stadt und @polizei_nrw_k sind gestern aufgegangen. Ich danke allen, die das möglich gemacht haben. Ich möchte mich insbesondere bei den Kolleginnen und Kollegen der @awbkoeln_info bedanken, die heute zeigen, wie herausragend leistungsstark sie sind. pic.twitter.com/x6tNt8Eyoh
— Henriette Reker (@HenrietteReker) November 12, 2023
Anpassungen für den kommenden Februar dürften dennoch vorgenommen werden. „Wir werden in den kommenden Tagen alle Einsatzbilanzen zusammentragen und auf Basis dieses Gesamtbildes beraten, ob und was wir für den Straßenkarneval gegebenenfalls anpassen können“, so Stadtdirektorin Andrea Blome am Sonntag (12. November). (mo) Fair und unabhängig informiert, was in Köln, Düsseldorf und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.
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