Protest gegen Tagebau Garzweiler

Polizei riegelt Lützerath ab: Zugang bald nur noch zu Fuß

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Polizeieinsatz im Tagebau-Dorf Lützerath. Aktivisten besetzen dort Häuser, um gegen den Abriss des Weilers und den Braunkohleabbau durch RWE zu demonstrieren.
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Im Januar soll Lützerath geräumt werden: Doch der Widerstand ist groß, und allmählich werden Erinnerungen an den Hambacher Forst wach.

Erkelenz – Lützerath lebt. Noch. Das besetzte Dorf am Tagebau Garzweiler soll zum Jahresstart 2023 geräumt und abgerissen werden, damit der Energiekonzern RWE die Braunkohle darunter abbaggern kann. Allmählich verdichten sich die Zeichen, wann genau die Räumung starten soll – und dafür, dass sie sehr lange dauern wird.

Lützerath-Räumung: Infoveranstaltung in Erkelenz

Theoretisch könnte die zuständige Aachener Polizei gemäß der Räumungsverfügung vom Kreis Heinsberg schon am 10. Januar räumen. Doch an dem Tag soll es in Erkelenz noch eine Infoveranstaltung zur Lützerath-Räumung geben: Unter anderem der Heinsberger Landrat Stephan Pusch und Aachens Polizeichef Dirk Weinspach werden dabei sein. Vor dem 11. Januar wird also wohl nicht geräumt. Doch schon Anfang Januar wird es ein erhöhtes Polizeiaufgebot geben. Ab dem 2. Januar wird niemand mehr Lützerath mit dem Auto anfahren können – nur noch zu Fuß kommt man dann ins Dorf.

Die verlassenen Dörfer bei Lützerath – so sehen sie heute aus

Leerstehende Häuser in Dörfern bei Lützerath
Eine Gaststätte in Keyenberg. Weinranken haben die Fassade überwuchert, der Innenraum ist leer.  © Peter Sieben
Straße in Keyenberg
Leere Straßen und leere Häuser in Keyenberg. © Peter Sieben
Leerstand in Keyenberg
Auch dieser Metzgerladen steht leer. © Peter Sieben
Keyenberg bei Lützerath
In dem Tagebau-Dorf wohnen kaum noch Menschen.  © Peter Sieben
Fenster eines Hauses in Keyenberg
Einige Bewohner sind geblieben – in der Hoffnung, dass es eines Tages wieder lebendig wird in Keyenberg.  © Peter Sieben
Hausfassade in Keyenberg
Um viele Häuser kümmert sich niemand mehr. © Peter Sieben
Verlassene Häuser in Keyenberg
In einigen Dörfern wohnt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Einwohnerzahl © Peter Sieben
Leerstand in Kuckum
Ein leerstehendes Geschäft in Kuckum. Von den einst 500 Einwohnern sind noch etwa 40 übrig.  © Peter Sieben
Überwuchertes Ladenschild
Ein Laden in Unterwestrich bei Lützerath, den es schon lange nicht mehr gibt.  © Peter Sieben
Verlassener Hof in Unterwestrich
Auch dieser alte Hof in Unterwestrich bei Lützerath ist längst verlassen. © Peter Sieben
Leere Straßein Keyenberg
Die Rolläden sind an den meisten Häusern in Keyenberg heruntergelassen.  © Peter Sieben
Weihnachtsschmuck in Keyenberg
Obwohl nicht mehr viele Menschen hier leben, steht ein Weihnachtsbaum vor der Kirche in Keyenberg. © Peter Sieben
Schild gegen Diebe in einem Vorgarten
In den leerstehenden Häusern in Unterwestrich, Keyenberg oder Kuckum kommt es oft zu Einbrüchen. Die, die noch hier wohnen, wollen Diebe und Vandalen mit solchen Schildern fernhalten.  © Peter Sieben
Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Das gelbe Kreuz ist zum Symbol der Protestierenden geworden, die Dörfer wie Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Man findet es überall in den halbverlassenen Orten nahe dem Tagebau Garzweiler.  © Peter Sieben
Der Friedhof von Kuckum bei Lützerath
Der Friedhof von Kuckum: Regelmäßig werden Gräber werden immer noch umgebettet – obwohl der Ort erhalten bleibt.  © Peter Sieben
Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler.  © Peter Sieben
Camp Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath am 7. Dezember: RWE hat das Dorf an diesem Tag vom Strom getrennt. © Peter Sieben
Baumhaus im Camp von Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Baumhaus in Lützerath
Manche der Baumhäuser in Lützerath sind in großer Höhe erbaut. © Peter Sieben
Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Ein zerstörtes Auto im Camp von Lützerath
Direkt an der Grenze zum Camp in Lützerath liegt der Tagebau Garzweiler von RWE.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger
Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler von RWE stehen unmittelbar an der Kante zu Lützerath.  © Peter Sieben
Heimtrainer vor der Grube von Garzweiler
Ein Heimtrainer am Abgrund. Am Tagebau Garzweiler gibt es immer wieder Mahnwachen der Aktivisten aus Lützerath. © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben

Große Demo am Tagebau Garzweiler geplant

Am 14. Januar ist derweil eine große Demo am Tagebau geplant. Tausende Menschen werden erwartet, manche von ihnen wollen sich vielleicht den Besetzerinnen und Besetzern im Camp von Lützerath anschließen. Denkbar, dass die Polizei vorher eingreift – und die tatsächliche Räumung irgendwann zwischen dem 11. und dem 14. Januar passiert.

Die Menschen, die sich jetzt noch in Lützerath aufhalten, handeln bereits illegal: Das hat der Kreis Heinsberg in einer Allgemeinverfügung vor wenigen Tagen deutlich gemacht. Noch immer sind zwischen 80 und 150 Menschen vor Ort – mal sind es mehr, mal weniger. Sie haben Widerstand angekündigt. „Wir werden Lützerath mit unseren Körpern verteidigen“, sagt Ronni Zepplin, Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt“.

Aktivisten kündigen Widerstand in Lützerath an

Drastischer klingen die Formulierungen des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“: „Wir werden um Lützerath kämpfen, wie wir den Hambacher Wald verteidigt haben. Wer Lützerath angreift, wird einen hohen Preis zahlen“, heißt es von dort. Und auf das Ortsausgangsschild von Lützerath hat jemand mit Filzstift den unmissverständlichen Satz geschrieben: „Bulle? Verpiss dich!“

Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.

Die Bewohner von Lützerath haben Baumhäuser errichtet, Gräben ausgehoben und Barrikaden aufgestellt. „Wir werden es der Polizei so schwer wie möglich machen, überhaupt ins Camp hineinzukommen. Wir werden Barrikaden errichten und möglichst hohe Hindernisse bauen, was es für die Polizei noch einmal besonders schwer macht“, sagt Aktivistin Mara Sauer.

Erinnerungen an den Hambacher Forst

Das weckt Erinnerungen an den Hambacher Forst, wo Aktivistinnen und Aktivisten mit ähnlichen Methoden über Monate Widerstand geleistet hatten. „Ja, es gibt definitiv Parallelen dazu“, so eine Sprecherin der Polizei Aachen auf Nachfrage.

Noch vor einigen Wochen hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) einen „Gesamteinsatz“ angekündigt, gewissermaßen in einem Aufwasch sollte das besetzte Tagebau-Dorf geräumt und abgerissen werden. Doch so schnell wird es wohl nicht gehen. „Wir rechnen damit, dass der Einsatz vier bis sechs Wochen dauert“, so die Polizeisprecherin.

Ganz Deutschland schaut auf Lützerath

Ganz Deutschland wird in dieser Zeit dann auf das kleine Dorf am Tagebau Garzweiler schauen. Eskalationen wie im Hambacher Forst will man vermeiden, es gebe auch Unterschiede: Die Gruppen in Lützerath seien „bürgerlicher geprägt“, hieß es zuletzt von der Polizei Aachen. Die Camp-Leute wiederum sagen: Aggressionen gingen von der Polizei aus und nicht von ihnen.

Wie viele Beamte bei der Räumung im Einsatz sein werden, das wollte die Sprecherin aus taktischen Gründen nicht sagen. Klar aber ist: Es werden nicht nur Kräfte aus Aachen, sondern auch aus umliegenden Städten wie etwa Köln vor Ort sein. (pen)

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