Vitaliy Berestyan voller Schmerz

Krieg in Ukraine: Gebrochenes Herz in den Flammen von Kiew

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Verlorene Kindheit in den Trümmern des Kriegs: Kiew steht in Flammen, und Hamm kann es sehen. Vitaliy Berestyan will möglichst bald wieder hin und helfen.

Hamm/Kiew – Es brennt in Kiew. Eine russische Rakete ist in einem Wohnblock eingeschlagen. Mehrere der oberen Etagen stehen auch am helllichten Tag noch in Flammen, immer wieder erschüttern Explosionen das Gebäude. Dieser brennende Wohnblock, vor wenigen Tagen aufgenommen von einem Amateurfilmer, hat eine besondere Geschichte. „In dem Haus bin ich aufgewachsen“, sagt Vitaliy Berestyan und schluckt. „Wir hatten unsere Wohnung in der zweiten Etage. Das tut schon besonders weh.“

Seit vielen Jahren lebt Berestyan im Hammer Norden und ist während des bald zwei Jahre dauernden Angriffskriegs auf sein Heimatland zu einer Art Botschafter der Menschen aus der Ukraine geworden. Der 40-Jährige sammelt ehrenamtlich alles, was seinen vom Krieg gebeutelten Landsleuten helfen kann und hier nicht mehr benötigt wird: ausrangierte Verbandskästen, Inventar aus Kliniken und Altenheimen, Computer (-Zubehör) aus Schulen. Mehrfach ist er selbst in Kiew gewesen, um die Hilfsgüter persönlich an den Mann zu bringen. „Und ich hoffe, dass ich im März wieder fahren kann“, sagt Vitaliy Berestyan.

Die Möbelhauskette Poco unterstützt ihn bundesweit bei der Sammlung von hier abgelaufenen und damit nutzlos gewordenen Verbandskästen. In der Ukraine werden die Inhalte der Erste-Hilfe-Sets von Feuerwehren, Kliniken und dem Militär weiter verwendet. „Wir haben inzwischen gut 40.000 Verbandskästen in die Ukraine gebracht. Aber es sind zu wenige“, sagt Vitaliy Berestyan.

Von einer Rakete getroffen: In diesem Wohnblock in Kiew lebte der Hammer Vitaliy Berestyan als Kind.

Verbandskästen aus dem Creativrevier Heinrich Robert

Einmal die Woche kommt ein Transporter der Organisation „Angelia“, dem neuen Partner der heimischen Ukraine-Helfer, und holt die Kästen am Creativrevier Heinrich Robert ab. „Die gehen in der Ukraine ganz schnell weg. Sobald sie da sind, werden sie verteilt“, sagt Berestyan.

In Hamm und in der umliegenden Region habe sich die Aktion gut herumgesprochen. In anderen Teilen der Republik fehle es an entsprechender Reklame und medialer Unterstützung.

Aber es geht nicht nur um Verbandskästen. Ein Generator, den Berestyan kürzlich von der Familie Metz aus Bockum-Hövel bekommen hat, versorgt nun ukrainische Frontsoldaten mit Strom. Auch hiervon gibt’s ein Video: Drei Soldaten stehen in voller Kampfmontur vor dem Apparat aus Hamm und bedanken sich bei den Spendern.

„Die könnten aber noch viel mehr gebrauchen“, sagt Berestyan über die Frontkämpfer und fügt eine lange Liste an: Kettensägen, Kompressoren, Tablets, Notebooks, Generatoren, Akku-Speicher (Ecoflow) und so weiter.

Ein Generator aus Hamm kommt an der Front zum Einsatz.

Berestyan: „Die Lage in der Ukraine ist dramatisch“

Die Lage in der Ukraine bezeichnet der Mann aus dem Hammer Norden als dramatisch. „Die Russen sind besser bewaffnet, haben mehr Waffen und vor allem viel mehr Menschen, die sie in den Tod schicken können.“ Das ukrainische Volk und seine Armee werde zusehends kleiner. „Und die Russen sind ja auch nicht dumm“, sagt Berestyan. Wenn nun aber auch keine neuen Waffen aus den USA mehr kämen, sei das eine Katastrophe und ein böses Ende nahezu unausweichlich.

Mit seinen Angehörigen in Kiew und anderen Landesteilen könne er zwar telefonieren, aber die dürften am Telefon nichts zum Krieg und dessen Folgen sagen. Humanitäre Hilfe, so weiß er trotzdem, sei bitternötig, aber schwieriger geworden. Ehrenamtliche Helfer und deren Hilfsgüter würden nur noch dann ins Land gelassen, wenn sie eine von der ukrainischen Regierung anerkannte Organisation als Zieladresse vorweisen könnten. Das sei in einem neuen Gesetz so festgelegt worden, um Korruption und gewinnbringenden Handel mit Sachspenden zu unterbinden.

„Dieses Gesetz ist nicht gut. Aber unser Verein erfüllt die Voraussetzungen“, sagt Berestyan. Wer etwas spenden möchte, erreicht ihn unter der Telefonnummer 0151- 2841 4400.

Vor gut zwei Wochen erlebte ein alter Pritschenwagen aus Rhynern in der Ukraine ein tragisches Ende in der Ukraine. Er wurde von einer Rakete getroffen und komplett zerstört.

Rubriklistenbild: © Berestyan

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