VonKatharina Bellgardtschließen
Werner Engelhardt möchte für BergAUF Bürgermeister von Bergkamen werden. Im Fokus steht für ihn der Strukturwandel in der ehemaligen Bergbau-Stadt.
Bergkamen - 1775 – das ist das Baujahr von Werner Engelhardts Wohnhaus. 1775 ist auch das Jahr, in dem vermutlich die Eichen gepflanzt wurden, die auf Engelhardts Grundstück stehen. Zwei der fünf Bäume stehen unter Naturdenkmalschutz, die drei anderen – kleiner, jedoch ebenfalls imposant und sichtbar alt – muss er selbst pflegen.
Um das anfallende Totholz zu bewältigen, greift er zur Motorsäge. Handwerken gehört zu seinen Hobbys und zu seinen Mechanismen mit den Herausforderungen der Kommunalpolitik umzugehen. „Ich kann vieles recht ordentlich“, erklärt er. „Mauern, Schweißen, Bodenlegen, Holz- und Malerarbeiten. In so einem alten Haus ist immer etwas zu tun.“
Engelhardt geht davon aus, dass er in einem der ältesten Häuser von Bergkamen wohnt. Die Eichen sind mindestens ebenso alt wie sein Haus, denn es wurde von einer Hugenottenfamilie erbaut. „Bei den Hugenotten war es wohl Brauch, vor dem Bau eine Eiche zu pflanzen“, sagt er. Zur Anfahrt schickte er uns – Fotograf Robert Szkudlarek und Redakteurin Katharina Bellgardt-Karis – eine detaillierte Anreisebeschreibung mit Tipps je nach Anfahrtsrichtung und Koordinatenpunkt, da Navis sein Haus nicht finden.
Aus „Ba-Wü“ nach Bergkamen: Werner Engelhardt (BergAUF) will Bürgermeister werden
Als die Engelhardts das alte Bauernhaus kauften, war nur das Erdgeschoss bewohnbar. Die oberen Kammern hatten weder Strom noch Wasser. 1986 zogen sie von Süddeutschland in den Ruhrpott. „Ich liebe den Menschenschlag hier“, sagt Engelhardt. „Die Menschen sind im Allgemeinen offen und geradeheraus.“ In Baden-Württemberg habe es Wochen gedauert, bis er erste Kontakte in der Fabrik knüpfen konnte, in der er damals arbeitete. In Bergkamen hingegen habe er schon am dritten Tag alle gekannt und gewusst, wie ihre Kinder heißen. „Für mich ist die Stadt noch stark vom Bergbau geprägt, es gibt viele, meist negative Hinterlassenschaften. Deshalb müssen wir uns ja dagegen wehren, dass uns die RAG „verbrannte Erde“ hinterlassen will. Positiv ist auf jeden Fall die Solidarität. Ich war ein paar Mal unter Tage, da unten muss man sich zu 100 Prozent auf den anderen verlassen können. Das hat die Menschen geprägt.“
In Engelhardts Garten wachsen viele verschiedene Arten von Tomaten, ein Olivenbaum steht im Kübel. Alles ist wohlüberlegt angepflanzt und gleichzeitig etwas wild. Wir gehen vorbei an Kicker, Pool, einem gemauerten Grill und einer Tischtennisplatte. Alles sieht gut gepflegt und genutzt aus. Der Bürgermeisterkandidat von BergAUF erzählt, dass seine Frau jetzt ein Leitergolf-Set gekauft hat. Die Engelhardts spielen mit ihren Kindern und Enkeln. „Für die Kleinen zählen wir manchmal anders“, sagt Werner Engelhardt.
Sport und Wettkampf scheinen wichtig in der Familie zu sein. Bis die Wassertemperatur auf 14 Grad fällt, schwimmt Engelhardt jeden Morgen um halb 8. Außerdem spielt er Volleyball, gerne mit ehemaligen Kollegen aus seiner Zeit als Lehrer. Die typische Statur hat der recht zierliche und kleine Engelhardt eher nicht. „Aber ich spiele sehr gerne und bin ein guter Stellspieler“, sagt er lachend.
Kurz geantwortet
Entweder-oder-Fragen an Werner Engelhardt:
Kaffee oder Tee? Kaffee
Hund oder Katze? Katze
Sommer oder Winter?
Sommer
Strand oder Berge? (überlegt) Berge
Süß oder salzig? Süß
Bier oder Wein? Wein
Zum Konzert oder ins Stadion? Zum Konzert
Buch oder Film? Buch
Tofu oder Schnitzel? Schnitzel
Alt und Weise oder jung und dynamisch? Jung und
dynamisch
Bergkamen oder Oberaden? Oberaden
Bestellen oder vor Ort kaufen? Bestellen
Auto oder Fahrrad? Fahrrad
Verbrenner oder E-Auto? Verbrenner
Zur Miete oder gekauft?
Gekauft
Ein Tag als Millionär oder ein Tag als Präsident? Nichts
Freiheit oder Sicherheit? Freiheit
Pumpen oder steigen lassen? Pumpen
Zeit oder Geld? Zeit
Ehrenamt oder Hauptamt? Ehrenamt
Bis zum Ruhestand oder bis zum Ende? Bis zum schönen Ende
Eigentlich wollten wir das Gespräch auf der Terrasse des Kandidaten führen. Doch über uns braut sich eine dunkelgraue Wolke zusammen. Also Planwechsel: Wir gehen in die Wohnküche der Engelhardts. Es ist eine offene Küche, die in einen Wintergarten übergeht. Kücheninsel, viele Töpfe und Pfannen, eine Sitzbank und an den Wänden hängen Kinderzeichnungen. „Die Küche ist unser Hauptaufenthaltsraum“, sagt der 74-Jährige. „Man riet uns einst zu einem repräsentativen Wohnzimmer, aber uns waren schöne große Kinderzimmer wichtiger.“ Durch den Gebäudeschnitt gibt es davon viele: Bis zu zwölf Gäste können die Engelhardts unterbringen, wenn an Weihnachten die Kinder und Enkelkinder bei ihnen schlafen, hat jeder sein festes Bett.
In der Sitzecke steht ein kleines gelbes Sofa, dazu ein violetter und ein blauer Sessel. Auf dem Tisch steht ein Pfennigbaum, der mit aus Baden-Württemberg nach Bergkamen zog. „Die alten Sessel hatte unser Sohn auf dem Sperrmüll für seine erste Studentenbude gefunden.“ Jetzt ist er Familienvater und braucht die Sessel nicht mehr. Der Vater hat sie übernommen und von einer ehemaligen RAG-Mitarbeiterin neu polstern lassen.
RAG ist sein Lebensthema - der Bürgermeister-Kandidat von BergAUF für Bergkamen
So schließt sich ein Kreis: Die RAG ist Engelhardts Lebensthema und das Ziel vieler Attacken von BergAUF. Es geht ums Grubenwasser und um PCB. „Die RAG hat in Bergkamen viel Infrastruktur zerstört“, sagt Engelhardt und spricht sowohl die fehlende Bahnanbindung sowie die vergleichsweise hohen Abwasserkosten in der Stadt an. „Je intensiver der Bergbau war, umso höher sind die Kosten für das Kanalnetz und folglich die Abwassergebühren“, meint Engelhardt. Das habe er genau berechnet und im Rat eingebracht.
Sorgen bereitet Werner Engelhardt welche Spuren der Bergbau noch in Bergkamen hinterlassen wird
Was tief unter Bergkamen schlummert, macht ihm Sorgen. Vor einiger Zeit nahm er die Grubeneinsichtnahme beim Bergamt in Dortmund in Anspruch. „Neun Baufelder sind unter unserem Haus und 33 Höhenmeter Material wurden entnommen“, erklärt er.
2003 entstand BergAUF im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Hartz-IV-Reformen unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). „2004 kamen wir direkt in den Rat“, sagt Engelhardt. Er fügt hinzu: „Manchmal verstehe ich nicht, warum die Menschen sich so viel gefallen lassen.“ Er hat klare Meinungen zu vielen Themen, ob zur derzeitigen Aufrüstung und Bundeswehrwerbung an Schulen, zur Lage der SPD in Bergkamen, zu Social Media oder zu den allgemeinen Problemen der Stadt. „Ich möchte die Leute ermuntern, ihren eigenen Kopf zu gebrauchen“, sagt er. „Dann fällt man nicht so leicht auf irgendwelche Propaganda herein, wie zum Beispiel die der AfD.“
Kommunalwahl 2025 in Bergkamen: Diese Kandidaten möchten Bürgermeister werden
Insgesamt sechs Kandidaten gibt es für das Bürgermeisteramt von Bergkamen:
Sie alle können bei der Kommunalwahl am 14. September gewählt werden. Sollte es im Kreis Unna zur Stichwahl kommen, ist diese am 28. September.
Rubriklistenbild: © Robert Szkudlarek/Szkudlarek Robert



