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Von der Bürgerinitiative zur Kandidatur: Lucie Kleinstäuber fand erst spät zur Politik. Ihr Engagement begann mit dem Widerstand gegen die Umgehungsstraße L821n. Jetzt will sie grüne Bürgermeisterin werden.
Bergkamen – Wir sind verabredet mit Lucie Kleinstäuber bei ihr zu Hause in Oberaden. Nach dem Klingeln passiert erst mal nichts, dann reißt die Hausherrin mit Schwung die Haustür auf, eine Hand auf den Staubsaugergriff gestützt: „Oh, Sie sind schon da! Ich wollte noch schnell klar Schiff machen“, lacht sie entschuldigend und schüttelt ihre Locken. „Kommen Sie rein und setzen Sie sich, wo Sie mögen“, weist sie auf den Wohnraum. Ich bin gleich bei Ihnen, ich ziehe mir schnell was Passenderes an.“ Schließlich will der Fotograf ja gleich noch Fotos machen. Und weg ist sie.
Kein Schnickschnack
Während sie im ersten Stock was Passenderes überwirft, schweift der Blick durch den Wohn- und Essraum in die offene Küche und durch den Wintergarten in den Garten. Alles picobello oder klar Schiff, kein Krimskrams, nichts, was rumliegt, nichts Überflüssiges, sondern klare Strukturen ohne Deko-Schnörkel. Weniger ist mehr. Auch ihre Kleidung entspricht dem, als sie zurückkommt: einfach, klar, unkompliziert, Leinen. Sagt das was über die Frau aus, die für die Grünen als Bürgermeisterkandidatin in Bergkamen antritt? Möglicherweise.
Während sie Kaffee macht, wird der Blick immer wieder von einem großen Gemälde an der Wand über dem Sofa angezogen – das Einzige im Raum. Sind das Strandvögel? „Das ist dem Betrachter überlassen, was er darin sieht“, kommt die prompte Antwort. Warum hat sie gerade dieses Bild ausgesucht? „Ich habe es gemalt.“
Ich war eine von denen, die vor dem Bagger saßen.
Bürgermeisterkandidatin – das ist eine Premiere für Lucie Kleinstäuber. „Das war eine kurzfristige Entscheidung Anfang des Jahres. Die Grünen wollten einen Kandidaten aufstellen, da habe ich gesagt, ich kandidiere.“ Aber sie hat auch schon gemerkt, es ist alles ganz schön anstrengend. Etwa ein Video über sich zu erstellen für den WDR. „Das mache ich auch nicht jeden Tag. Und viel Zeit hatte ich auch nicht. Ich hab‘s dann hingekriegt und abgeschickt. Am Ende wurde die Frist dann doch verlängert, weil andere Kandidaten mehr Zeit brauchten“, erzählt sie achselzuckend. Das sei ein grundsätzliches Problem, findet sie, dass man sich an Vereinbarungen nicht hält, weil es dann am Ende doch wieder andere Regelungen gibt.
Weniger Fleisch ist mehr
Wir machen das Entweder-oder-Spiel, das spontane Entscheidungen verlangt: Tofu oder Schnitzel? Schnitzel, antwortet sie und muss dann später nochmal auf das Thema zurückkommen: „Ja, man darf auch als Grüner Schnitzel essen. Das ist in unserer Fraktion schon ein Thema gewesen“, sagt sie. „Es heißt immer, die Grünen wollen Fleisch verbieten. Das ist Quatsch. Die WHO sagt, 250 bis 300 Gramm Fleisch in der Woche, mehr sollte ein Mensch nicht essen. Lieber weniger und qualitativ gutes Fleisch aus guter Haltung, das ist mir noch wichtiger als der gesundheitliche Aspekt.“
Hausbesuche
In unserer Serie besuchen wir die Bürgermeisterkandidaten für Bergkamen in ihrem Zuhause oder an einem Ort, der sich wie ihr Zuhause anfühlt. Ziel ist es, die Bewerber als Menschen zu ergründen. Wer steckt hinter den Namen, die zur Kommunalwahl am 14. September auf den Wahlzetteln stehen?
„Ganz schön alt“, kommentiert sie, dass sie 59 ist und meint das nicht als Koketterie: „Ich würde es schön finden, wenn wir viel mehr jüngere Menschen in der Politik hätten.“ Und ärgert sich, dass gerade junge Politiker wie Kevin Kühnert oder Ricarda Lang so verrissen worden sind, weil sie angeblich keine Erfahrung und noch nie gearbeitet hätten. „Ja, manche Dinge muss man lernen im Leben. Ich bin zum Beispiel nicht Mutter, ich weiß nicht, wie das ist mit einem Kind in der Kita oder in der Schule.“ Dennoch könne man sich ja schlaumachen.
Bei Lucie Kleinstäuber lief die Entwicklung genau andersherum. Sie kam erst spät zur Politik. Nach der Fachoberschulreife machte sie eine Ausbildung zur Textilkauffrau. 1996 ist sie nochmal zur Schule gegangen, um Steuerfachangestellte zu werden. 2003 zog die Lünenerin nach Bergkamen. Aktuell arbeitet sie in der Buchhaltung einer medizinischen Firma.
Zu den Grünen kam sie über ihr Engagement in der Bürgerinitiative gegen die Umgehungsstraße L821n, die in der Nähe ihres Hauses verläuft, erzählt sie. „Ich war eine von denen, die vor dem Bagger saßen. Die Straße trennt die beiden Stadtteile, das ist schon ein Problem. Die Grünen haben uns damals unterstützt. Bis dahin hatte ich mich nicht so viel für Lokalpolitik interessiert“, erzählt sie frei von der Leber weg. „Da dachte ich, dann trittst du eben in die Partei ein, um etwas zu bewirken.“
Wahlkampf ist arbeitsintensiv
Tatsächlich hätten die Grünen in Bergkamen damals großen Zulauf gehabt. „Das war die Zeit, wo wir uns im Rat von vier auf acht Sitze verdoppelt haben.“ So zog auch Lucie Kleinstäuber 2020 in den Rat ein und musste erstmal lernen, wie Lokalpolitik überhaupt funktioniert – und dass die Arbeit im Rat und im Ortsverein durchaus zeitintensiv ist. Aktuell lernt sie, wie arbeitsintensiv Wahlkampf ist. Und dass einem da auch mal irgendwelche Journalisten ins Haus schneien, die eine Homestory machen. Bei alldem bleibt Lucy Kleinstäuber aber gelassen und gutgelaunt.
Kurz geantwortet
Entweder-oder-Fragen an Lucie Kleinstäuber:
Hund oder Katze? Hund
Sommer oder Winter? Winter
Strand oder Berge? Berge
Süß oder salzig? Süß
Bier oder Wein? Bier
Zum Konzert oder ins Stadion? Konzert
Buch oder Film? Film
Tofu oder Schnitzel? Schnitzel
Bestellen oder vor Ort kaufen? Vor Ort
Auto oder Fahrrad? Fahrrad
Verbrenner oder E-Auto? Verbrenner
Ein Tag als Millionär oder ein Tag als Präsident? Präsident
Freiheit oder Sicherheit? Freiheit
Zeit oder Geld? Zeit
„Ich bin wahrscheinlich als Teenager politischer gewesen als später als Erwachsene“, blickt sie zurück. „Politik ist auch manchmal sehr langwierig, bis Sachen dann tatsächlich umgesetzt werden. Da sind junge Menschen oft schon wieder weg, bis etwas passiert“, so ihre Erfahrung. „Auch bei den Grünen sind überwiegend ältere Mitglieder, es fehlen die Jungen.“ Was sie richtig nervt, sagt sie, sei, dass immer von Wirtschaftswachstum die Rede sei. „Es kann nicht immer nur nach vorne gehen, auf Kosten dieses Planeten.“ Gerade die Politiker, die vor Ort mit den Menschen zu tun haben, müssten das vermitteln.
Erste Amtshandlung
Wenn sie am 14. September zur Bürgermeisterin von Bergkamen gewählt wird – was wäre das Erste, was sie in Angriff nehmen würde? „Alles, was mit Bauen, Straßenplanung und Versiegelung zu tun hat, da würde ich sehr akribisch drauf achten. Wenn ich jetzt sehe, was aus dem Museumsvorplatz geworden ist, dann denke ich immer: Wo haben wir nicht aufgepasst – das wurde doch im Rat beschlossen? Das ist nicht sehr schön, und alles versiegelt. Da habe ich mir mehr Bäume vorgestellt. Das heizt sich im Sommer richtig auf.“ Wichtig ist ihr Ehrlichkeit, betont sie. „Dass man einen Fehler macht, kann jedem passieren. Aber dann sollte man auch dazu stehen und Klartext reden.“
Eine grüne Oase und ein Rückzugsort ist ihr Garten. Der darf aber auch ein bisschen ungebändigt sein, keine abgezirkelten Beete. Während sie draußen an den Blättern von Topfpflanzen zupft, deutet sie auf einen Fachwerkanbau am Ende des Gartens. Hier hat sie bis vor einiger Zeit Hühner gehalten. Weil sie Hühner mag und die Eier, die sie legen. Aber das sei schon arbeitsintensiv, deshalb ist der Schuppen derzeit verwaist, denn aktuell hat sie genug um die Ohren.
Kommunalwahl 2025 in Bergkamen: Diese Kandidaten möchten Bürgermeister werden
Insgesamt sechs Kandidaten gibt es für das Bürgermeisteramt von Bergkamen:
Sie alle können bei der Kommunalwahl am 14. September gewählt werden. Sollte es im Kreis Unna zur Stichwahl kommen, ist diese am 28. September.

