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Streift ein Wolfsrudel durchs Ebbegebirge? Die Frage stellt sich nach der Aufnahme einer Wildtierkamera in Herscheid. Für das Landesumweltamt ist nicht sicher, dass es sich um Wölfe handelt.
Lüdenscheid/Halver – Wolfsgeheul überm Ebbegebirge und die Sequenz einer Wildtierkamera, die zwei Tiere zeigt: Dass der Wolf im Märkischen Kreis heimisch ist, ist keine neue Erkenntnis. Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass über die bislang nachgewiesene Fähe hinaus weitere Wölfe in den heimischen Wäldern und Wiesen leben. Sogar Welpen sollen schon gesichtet worden sein. Gibt es längst ein Wolfsrudel im Ebbegebirge?
Wolfsrudel im Ebbegebirge? Die Hinweise verdichten sich - Welpen-Verdacht
Bislang ist die Aktenlage beim Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz NRW (Lanuv) überschaubar. Alle bisherigen Wolfsnachweise im Südkreis können dem weiblichen Tier mit der Kennung GW2856f zugeordnet werden, andere Tiere wurden bislang nicht identifiziert. Die eingewanderte Wölfin, die ins Rudel Visselhövede (bei Bremen) geboren wurde, hinterließ erstmals am 15. September 2022 ihre blutigen Spuren in einer Schafsherde in Lüdenscheid. „Weitere genetische Nachweise desselben Individuums erfolgten anhand eines weiteren Schafsrisses am 3. November 2022 in Halver sowie Wildtierrissen am 17. November 2022 in Meinerzhagen und am 16. April 2023 in Halver“, teilte das Lanuv mit. Auf Grundlage dieses einen standorttreuen Tieres erkor das Lanuv den Märkischen Kreis mit Wirkung zum 20. September 2023 offiziell zum Wolfsgebiet („Förderkulisse Märkisches Sauerland“). Seitdem können Tierhalter ihre Investitionen zum Herdenschutz zu 100 Prozent fördern lassen, bekommen Entschädigungen für durch einen Wolf getötete Tiere aber nur noch, wenn Mindestschutzstandards erfüllt sind.
Jedes weitere nachgewiesene Tier würde am Status Wolfsgebiet nichts ändern – wohl aber für Spaziergänger und Hundebesitzer, für die sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, im Ebbegebirge einem Wolf zu begegnen. Das ist für das Lanuv allerdings keine Kategorie.
Lanuv noch nicht sicher: Spezialisten analysieren Fotos und Videos
Die Berichterstattung unserer Zeitung über den Nutztierriss in Herscheid-Höllmecke sowie die Bilder aus der Wildtierkamera vom 22. August 2024 sind für Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann noch kein Beleg für einen Anstieg der heimischen Wolfspopulation. „Ich kann auf den Bildern noch nicht sehen, dass es sicher ist, dass es sich bei den aufgenommenen Tieren um Wölfe handelt“, erklärt der Lanuv-Sprecher. Zur Identifizierung von Wölfen auf Fotos und Videosequenzen greife das Lanuv auf Spezialisten zurück, die anhand kleiner Details eine Wolfssichtung bestätigen könnten. Kotproben (Losung) und DNA-Spuren aus Nutz- und Wildtierrissen erlauben den genetischen Nachweis, ob es sich um einen Wolf handelt – und bei einem Treffer in der europäischen Wolfsdatenbank, auch um welches Individuum.
„Stand jetzt haben wir ein besetztes Territorium im Märkischen Kreis“, sagt Wilhelm Deitermann. Das Territorium „Ebbegebirge“ umfasst eine Fläche von etwa 200 Quadratkilometern auf dem Gebiet von Lüdenscheid, Halver und Herscheid. Darin ist ein standorttreues Tier nachgewiesen. Möglich ist auch, dass sich innerhalb eines Territoriums mehrere Tiere ansiedeln oder dort geboren wurden. Auf Halveraner Stadtgebiet sollen in diesem Jahr erstmals Wolfswelpen beobachtet worden sein. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht, ebenso wenig für weitere Sichtungen. Für das Lanuv zählt nur das, was im Rahmen des Wolfsmonitorings auch belegt ist. Und da wird es inzwischen dünn im Märkischen Kreis.
„Wir sind interessiert an allem, was passiert“
Auffallend ist die große Diskrepanz zwischen Berichten über Wolfssichtungen in der Region und tatsächlichen Wolfsnachweisen. So ist der letzte amtlich bestätigte Nachweis im Märkischen Kreis schon mehr als ein Jahr alt. Am 4. August 2023 gelang es, den Tod eines Rindes in Meinerzhagen per DNA-Abgleich der Wölfin GW2856f zuzuordnen. Seitdem herrscht Ebbe im Ebbe.
Wilhelm Deitermann appelliert an jeden, „der nur irgendetwas beobachtet“, sich ans Wolfsmonitoring zu wenden. „Wir sind interessiert an allem, was passiert“, sagt der Sprecher. „Aus den Informationen können wir eine wissenschaftliche Bewertung treffen, wie sich die Tiere verhalten, ob sich zum Beispiel die Territorien verschieben.“
Wolf gesehen? Das ist zu tun
Zeugen einer Wolfsbegegnung werden gebeten, sich so schnell wie möglich nach dem Vorfall per Mail an das Landesumweltamt (Lanuv) per E-Mail zu wenden: wolf_nrw@lanuv.nrw.de. Nutztierschäden sowie tote/verletzte Wölfe können werktags (9 bis 16 Uhr) unter Tel. 02361/305-3322 gemeldet werden, außerhalb der Geschäftszeiten, am Wochenende oder an Feiertagen unter Tel. 0201-714488.
Bei der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) des Märkischen Kreises will man den Untersuchungen des Lanuv im Fall des mutmaßlichen Wolfsrisses in Höllmecke nicht vorgreifen. „Allein wegen der gestiegenen Verbreitung von Wölfen in ganz Deutschland ist immer wieder damit zu rechnen, dass andere Wölfe das Kreisgebiet durchstreifen. Die Sichtung weiterer Wölfe ist damit durchaus möglich, lässt für sich genommen aber noch keine Rückschlüsse auf Verpaarungen etc. zu“, erklärt Kreissprecherin Ursula Erkens auf Anfrage. Weitere Hinweise in Form von Sichtbeobachtungen, Losungsfunden und Wildkamerabildern würden derzeit durch das Lanuv überprüft. Erst danach ließe sich einschätzen, ob sich die Wolfspopulation im Kreis verändert hat.
Selbst für diesen Fall plant der Kreis keine Warnhinweise für Erholungssuchende im Ebbegebirge: „Für die Bevölkerung gilt unverändert, dass der Wolf nach bisherigen Erkenntnissen keine unmittelbare Gefahr für Menschen darstellt“, sagt Erkens.

