VonKathrin Reikowskischließen
Klimaexperten drängen darauf, dass die Politik die Gefahren eines potenziellen AMOC-Zusammenbruchs ernster nimmt: Für Landwirtschaft, Fischerei, erhöhte Meeresspiegel, Extremwetter.
Reykjavik – Verändert sich die Wasserzirkulation im Ozean durch den sich verstärkenden Klimawandel, wären die Auswirkungen eines solchen Strömungskollapses verheerend und unumkehrbar, darin sind sich Forscherinnen und Forscher einig.
Nun fordern mehr als 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unter anderem Deutschland, den USA, Norwegen, China und Australien, das Risiko eines solchen Kollapses ernst zu nehmen. Ihr offener Brief geht an Politikerinnen und Politiker des Nordischen Ministerrats, deren Länder wohl unmittelbar und am stärksten betroffen wären – aber nicht alleine. „Die Auswirkungen, insbesondere auf die nordischen Länder, wären wahrscheinlich katastrophal, einschließlich einer starken Abkühlung in der Region, während sich die umliegenden Regionen erwärmen“, schreiben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.
„Katastrophale Auswirkungen“ durch Atlantik-Kollaps: Düstere Brief-Warnung von Fachleuten
„Dies würde [...] wahrscheinlich zu noch nie dagewesenen Wetterextremen führen“, weil sich der „Kälteklotz“ über dem subpolaren Atlantik vergrößern würde, heißt es weiter. Möglicherweise sei die „Lebensfähigkeit der Landwirtschaft in Nordwesteuropa“ bedroht, weitere Auswirkungen auf Wettermuster, Ökosysteme und menschliches Leben müssten noch erforscht werden.
In anderen Weltregionen könnten sich folgende Auswirkungen eines AMOC-Abbruchs bemerkbar machen:
- Die Ozeane würden weniger CO2 aufnehmen und den CO2-Gehalt der Luft erhöhen.
- Der Meeresspiegel könnte auf erhebliche Weise zusätzlich ansteigen.
- Maritime Ökosysteme würden umgewälzt werden, was die Fischerei gefährden würde.
Was ist der Hintergrund der Warnung vor dem AMOC-Zusammenbruch?
Vor einem Abbrechen der atlantischen meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC ) warnen Forscherinnen und Forscher schon seit einem knappen Jahrzehnt, in Studien. Diese Untersuchungen zum AMOC werden unter Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern immer wieder kontrovers diskutiert, etwa weil ein Zukunftsszenario von Kälte oder gar Eiszeit den eher etablierten Szenarien von der allgemeinen Erderwärmung widerspricht, wie Klimareporter.de schon im Jahr 2018 feststellte.
Oder aber, weil einige die Daten so auslegen, dass ein Abbruch frühestens zum Ende des Jahrhunderts passieren könnte, andere aber von einem viel früheren Abbruch ausgehen. Das deutsche Klimakonsortium sieht die Gefahr eines abrupten Abbruchs nicht – dies sei aber kein Grund zur Entwarnung.
Die Forschenden sagen nun, sie wollten mit ihrem Brief:
Aufmerksamkeit auf die Tatsache (...) lenken, dass nur ein „mittleres Vertrauen“ in das Nicht-Zusammenbrechen der AMOC nicht beruhigend ist und eindeutig die Möglichkeit eines Zusammenbruchs der AMOC in diesem Jahrhundert offen lässt. Es ist sogar wahrscheinlicher, dass ein Zusammenbruch in diesem Jahrhundert ausgelöst wird, sich aber erst im nächsten Jahrhundert voll entfaltet.
Arktische Region ein Ground Zero? – Forschung zu Kipppunkten
Die Wissenschaft bestätige zunehmend, dass „die arktische Region ein ‚Ground Zero‘ für Kipppunktrisiken und die Klimaregulierung auf dem gesamten Planeten ist“. Die folgende Liste zeigt, welche Elemente „anfällig für größere, miteinander verbundene nichtlineare Veränderungen“ (also bis hin zu unumkehrbaren Kipppunkten) sind:
- Grönlandeisschild
- Barentssee-Meereis
- boreale Permafrostsysteme
- subpolare Tiefwasserwirbelbilung
- Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC)
Derzeit befindet sich die Atmosphäre demnach auf dem Weg, sich um die 2,5 Grad zu erwärmen. Kipppunkte treten schon bei einer Erwärmung zwischen 1,5 und 2,0 Grad ein. Ende November trifft sich die Welt zum Klimagipfel in Baku, der bereits seine Schatten vorauswirft: Die Öllobby des Landes Aserbaidschan ist stark.
Faszinierende Fotos: „Jahrhundert-Komet“ zieht über den Nachthimmel




Kipppunkte gibt es auch in einem anderen Sinn: Forscher sprechen davon, dass jede und jeder sich dafür einsetzen kann, dass positive Kipppunkte eintreten, um die verheerendsten Auswirkungen des Klimawandels abzuwenden und neue Umgangsweisen zu etablieren. (kat)
Rubriklistenbild: © dpa

