Experte spricht von Teufelskreis

Atmosphäre durch Klimaerwärmung aus dem Takt: „Ergebnis sind Chaos-Wetterlagen“

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Gestern noch frühlingshaft warm, heute stürmisch und morgen Schnee. Die Atmosphäre hat laut Experten ihre Stabilität verloren. Wir spüren die Konsequenzen.

Frankfurt – Katastrophale Wetterereignisse, wie die verheerenden Unwetter in Spanien und Italien vor wenigen Wochen, gibt es nicht erst seit Kurzem. Und doch lässt sich laut Helmholtz-Klima-Initiative in den vergangenen Jahren eine Zunahme extremer Wetterereignisse wie rekordverdächtiger Hitze, sintflutartiger Regenfälle und verheerender Stürme feststellen. Das hat laut Wetter-Experte Dominik Jung einen Grund.

Die von Menschen verursachte Klimaerwärmung hat Auswirkungen auf die Atmosphäre. (Symbolbild)

Extreme Wetterereignisse treten vermehrt auf – Atmosphäre gerät „in Schieflage“

Dass Unwetter häufiger und extremer werden, sei kein Zufall, betont Diplom-Meteorologe Jung von wetter.net: „Die Atmosphäre reagiert immer empfindlicher auf die steigenden Temperaturen. Sie speichert mehr Energie, und das führt zu häufigeren und heftigeren Wetterextremen.“

Die Hauptursache für diese Entwicklung ist der Mensch, der durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe und die Freisetzung von Treibhausgasen die Erde weiter erwärmt. „Doch das Problem ist komplexer: Die Atmosphäre ist ein fein ausbalanciertes System, das durch kleinste Veränderungen in Schieflage geraten kann“, erklärt Jung. Genau das geschieht derzeit, mit dramatischen Konsequenzen. „Das Klimasystem hat begonnen zu ‚zappeln‘“, konstatierten erst jüngst Klimaforscher in Österreich.

„Als hätte die Atmosphäre ihre Stabilität verloren“ – Klimawandel bringt Atmosphäre aus dem Gleichgewicht

Die Atmosphäre sei mehr als nur die Luft, die wir atmen. Sie ist ein hochsensibles Netzwerk, das das Wetter auf der Erde kontrolliere, so der Meteorologe. Doch der Klimawandel bringt die Luftschichten aus dem Gleichgewicht. Die wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, was zu stärkeren Niederschlägen führt. Gleichzeitig verschieben sich globale Luftströmungen wie der Jetstream, die eigentlich für stabile Wetterbedingungen sorgen sollten.

„Das Ergebnis sind Chaos-Wetterlagen: Heute Sonne, morgen Sturm und übermorgen Schnee. Es ist, als hätte die Atmosphäre ihre Stabilität verloren“, sagt Jung. Ein aktuelles Beispiel dafür ist eine Woche voller Frost und Schnee, gefolgt von einem milden Sonntag mit Temperaturen im zweistelligen Bereich Ende November.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Ein besonderes Problem ist, dass die Atmosphäre immer mehr Energie speichert. Dies verstärkt nicht nur Stürme, sondern verlängert auch Hitzewellen, da die Wärme nicht mehr so schnell abgeführt wird. Dieser Effekt verstärkt sich mit jeder weiteren Erwärmung – laut Jung ein Teufelskreis. Erreicht das sensible System bestimmte Kipppunkte, sind viele Folgen nicht mehr oder nur noch schwer umkehrbar.

„Atmosphäre ist aus dem Takt“: Die Folgen sind bereits deutlich spürbar und die Zukunft ist ungewiss

Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind bereits deutlich zu spüren. Überflutete Städte, zerstörte Ernten und verheerende Waldbrände, wie der im Sommer auf dem Brocken, sind laut Jung nur der Anfang. Experten warnen für die Zukunft vor noch extremeren Szenarien. Regionen, die bisher von mildem Wetter geprägt waren, könnten plötzlich von Stürmen oder Dürreperioden heimgesucht werden. „Wer glaubt, in unseren Breitengraden sicher zu sein, irrt sich“, warnt Jung. „Auch Europa ist längst Teil dieses Dramas. Die Atmosphäre ist aus dem Takt, und wir alle spüren die Konsequenzen.“

Die sich verändernden Verhältnisse haben auch Folgen für die menschliche Gesundheit. „Kein Mensch und keine Volkswirtschaft auf diesem Planeten ist immun gegen die gesundheitlichen Gefahren des Klimawandels“, hatte Marina Romanello vom Institute for Global Health im Vorfeld der UN-Klimakonferenz in Baku gewarnt. (jm)

Rubriklistenbild: © Engler-Gora BERLIN/Imago

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