Israel war in letzter Zeit international isoliert, und nun stehen wieder eine ganze Reihe von Staaten auf der Seite Israels. War sich der Iran dieses Effekts bewusst?
Der Iran glaubt, dass der Westen einen bösen Willen hat und immer auf der Seite Israels stehen wird. Daher nimmt man keine Rücksicht auf die internationale Meinung. Jedes Mal, wenn Israel angegriffen wird, gibt es eine westliche Koalition, die es unterstützt, und jedes Mal, wenn Israel in die Offensive geht, spaltet sich diese Koalition oder zieht den Kopf ein, aber am Ende versucht sie nie wirklich, Israel zu stoppen.
Befindet sich Israels Premierminister Netanjahu jetzt in einer besseren Position als zuvor?
Netanjahu befindet sich keineswegs in einer besseren Position. Erstens, weil der Angriff auf das iranische Konsulat im Westen keinen Beifall fand, zweitens, weil er keine kohärente politische Perspektive präsentiert, und drittens, weil ein direkter Angriff auf den Iran das iranische Atomprogramm nicht bremsen kann, es sei denn, die USA beteiligen sich direkt an dem Angriff, was nicht geschehen wird. Das Problem von Netanjahu ist nicht die Unterstützung oder der Mangel an Unterstützung durch den Westen, sondern seine eigene Perspektivlosigkeit.
Viele Menschen denken, dass der Iran über seine Verbündeten Druck auf Israel ausübt und es angreift, ist das richtig?
Es ist das erste Mal, dass der Iran Israel direkt angreift, also kann sich die Antwort Israels nicht nur gegen die Verbündeten des Iran richten. Damit sind wir wieder bei der offenen Frage: Wird Israel den Iran auf seinem Boden angreifen?
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Welche Auswirkungen hat der Konflikt mit dem Iran auf das Vorgehen Israels im Gaza-Streifen? Wird Netanjahu jetzt auf jeden Fall Rafah angreifen, das international als Katastrophe angesehen wird?
Es gibt keinen direkten Zusammenhang. Israel kann einen Krieg an zwei Fronten führen, im Libanon und in Gaza. Ein Angriff gegen den Iran setzt nicht das Eingreifen der Armee voraus, sondern nur der Luftwaffe, die in Gaza keine zentrale Rolle spielt. Wenn Israel beschließt, sein Vorgehen in Gaza zu mäßigen, dann nur, um den internationalen Druck zu beschwichtigen. Das Problem ist, dass Israel keine langfristige politische Strategie für den Gazastreifen entwickelt hat. Die einzige erklärte klare Strategie ist die der extremen Rechten: die Palästinenser zu vertreiben.
Zur Person
Olivier Roy, geboren 1949, ist ein französischer Politikwissenschaftler und Islamwissenschaftler sowie Experte für den Mittleren Osten. Er lehrt am Institut d’études politiques und ist Professor am Robert Schuman Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz.
Er ist am Nationalen Forschungszentrum in Paris Forschungsdirektor.
Zum Islam und über Zentralasien, Iran und Afghanistan, hat Roy zahlreiche Bücher veröffentlicht.
Welche Lehren können aus den Raketen- und Drohnenangriffen des Iran gezogen werden? Schließlich handelt es sich um einen noch nie dagewesenen Fall.
Er zeigt, dass das Konzept einer Verteidigungskuppel gegen Drohnen und Raketen funktioniert. Der Krieg in der Ukraine hat das Gegenteil gezeigt. Die Frage ist also, ob Israel über eine wirksamere Schutzkuppel verfügt oder ob der Iran seine eigene Fähigkeit, ein bestimmtes Gebiet anzugreifen, aktiv eingeschränkt hat.
„Iran wird Armee nicht außerhalb des Landes einsetzen“
Droht jetzt ein großer Krieg im Nahen Osten – unter Beteiligung Russlands und Chinas? Wie stark ist der Iran überhaupt militärisch?
Der Iran ist durch seine Stellvertreter und durch die Revolutionswächter militärisch stark. Aber er wird die Armee nicht außerhalb des Irans einsetzen, weil das einen starken Protest in der Bevölkerung auslösen würde. Der Iran kann sich also selbst verteidigen, aber nicht, wenn er in einen echten Territorialkrieg im Nahen Osten verwickelt wird. Russland und China werden vielleicht etwas Unterstützung leisten, aber nicht mehr als das. Und das Wichtigste: Die arabischen Staaten werden sich nicht auf einen Krieg einlassen, weder gegen Israel noch gegen den Iran. Es wird also keinen Flächenbrand im Nahen Osten geben.
Wie sieht die Rolle der USA aus? Sind die USA eher schwach, da weder Netanjahu auf Biden hört noch Teheran durch Bidens Warnung, Israel nicht anzugreifen, abgeschreckt wurde?
Die USA werden die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel nicht einsetzen, um Netanjahu davon abzuhalten, das zu tun, was er will. Die einzige Grenze sind die anderen israelischen militärischen und politischen Akteure, die mehr darauf bedacht sind, die Beziehungen zu den USA aufrechtzuerhalten.
In Expertenkreisen wird inzwischen bezweifelt, dass das Atomabkommen mit dem Iran sinnvoll war. Einige sehen darin eine Beschwichtigungspolitik wie beim Minsker Abkommen mit Russland. Was ist davon zu halten?
Es ist Trump, der das Atomabkommen gekündigt hat. Daher ist es schwierig zu erraten, wie Teheran mit den Regeln und Kontrollen umgegangen wäre, wenn das Abkommen noch in Kraft gewesen wäre. Die einzige Möglichkeit, die Verhandlungen wieder aufzunehmen, wäre im Rahmen eines globalen regionalen Abkommens zur Stabilisierung und Sicherheit, was nicht geschehen wird, solange die derzeitigen Machthaber sowohl im Iran als auch in Israel das Sagen haben.