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Sind Instagram, Tiktok und Co. schuld an einsamen Jugendlichen? Die Forschung zeigt: Es kommt auf die Nutzung an.
Die Handys sind schuld. Genauer gesagt, die Sozialen Medien. Sie sorgen dafür, dass gerade junge Menschen sich immer mehr isolieren und einsam werden, früher war das schließlich alles anders. Oder? Die Angst vor Medien, vor allem vor denen, die neu sind, ist selbst alles andere als neu. Springen wir ins späte 18. Jahrhundert. Die Belletristik erlebt gerade einen Boom, Autorinnen und Autoren werden zu regelrechten Stars.
Dazu gehört Johann Wolfgang von Goethe. Er löste mit der Veröffentlichung seines Briefromans „Die Leiden des jungen Werther“ einen solchen Hype aus, dass Leser den Protagonisten nachahmten – mindestens in Kleidung und Benehmen. Der Werther-Effekt soll so weit gegangen sein, dass einige junge Menschen, die das Werk gelesen hatten, sich mit der tragischen Hauptfigur so sehr identifizierten, dass sie deren Suizid nachahmten. Inwiefern diese Erzählung wirklich stimmt, ist mittlerweile umstritten. Unumstritten ist allerdings die Debatte, die zu dieser Zeit wütete.
Aus heutiger Perspektive ist es kaum zu glauben, aber das, was Sie gerade tun, liebe Leser und Leserinnen, galt damals als besorgniserregend. Unter dem Schlagwort „Lesewut“ wurde der Beunruhigung über die medizinischen Folgen des Lesens Ausdruck verliehen: Das exzessive Lesen könne negative Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden haben. Wer zu viel lese, warnten damals einige, wende sich von der Realität ab und riskiere, sich sozial zu isolieren.
Ein paar Jahrzehnte später folgte das Radio, mitsamt dergleichen Debatte. Dann das Fernsehen. Und nun – mittlerweile seit mehr als zehn Jahren – sind es das Internet und mit ihm die Sozialen Medien.
Eindeutig uneindeutig: Studien rund um Einsamkeit und Soziale Medien
Die Angst rund um Medienkonsum und Einsamkeit beschäftigt uns also seit mindestens zwei Jahrhunderten. Für unser Unterfangen bedeutet das: Gelassenheit ist geboten, nicht vorschnell Verurteilen. Es will doch niemand in kulturpessimistische Vergangenheitsschmeichelei verfallen.
Und trotzdem: Nur weil die Sorgen alt sind, können wir trotzdem fragen, ob Soziale Medien uns einsam machen.
Eine Analyse des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), einer großangelegten Langzeitstudie verschiedener Forschungsinstitute gefördert durch Bund und Länder, hat gezeigt, dass die subjektive Einsamkeit in Deutschland seit den 2000er-Jahren zugenommen hat. Nicht sehr stark, aber immerhin um ein paar Prozentpunkte. Doch in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen hat die Einsamkeitsbelastung den Ergebnissen zufolge stärker zugenommen als in anderen Altersgruppen. Also genau bei denen, die Soziale Medien (mit Ausnahme von Facebook) häufiger nutzen als andere Altersgruppen. Das ist eine auffällige Gleichzeitigkeit, aus der allein sich aber noch kein Zusammenhang herstellen lässt.
Die Ergebnisse einer ersten Suchanfrage sind, nun ja, eindeutig uneindeutig. Die beiden Treffer an siebter und achter Stelle fassen es vielleicht ganz gut zusammen.
„Studie belegt: Soziale Medien machen ihre Nutzer einsam“, titelt der „Stern“ am 6. März 2017.
„Social Media macht nicht immer einsam“, titelt „Deutschlandfunk Nova“ am 11. Februar 2020.
Na gut, dass eine Google-Suche diese Frage nicht auf Anhieb beantworten wird, ist nicht weiter überraschend, aber auch wenn man versucht, eine Antwort auf diese Frage in wissenschaftlichen Studien zu finden, fällt auf, wie widersprüchlich die Ergebnisse sind.
Ein endgültiges Ergebnis zeichnet sich nicht ab. Sowohl die These „Soziale Medien befördern Einsamkeit“ als auch „Soziale Medien wirken Einsamkeit entgegen“ werden durch diverse Untersuchungen gestützt. Diese Uneindeutigkeit bedeutet nicht zwingend, dass die Untersuchungen schlecht oder fehlerhaft sind. Vielmehr, dass die Begriffe „Einsamkeit“ und „Soziale Medien“ so ungenau sind, dass sie unterschiedlich ausgelegt werden können. Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl. Soziale Medien sind ein Sammelbegriff für sich ständig verändernde Plattformen. Vielleicht muss man sich der Frage anders nähern.
Einsamkeit
Einsamkeit ist für immer mehr Menschen in allen Altersgruppen und Schichten ein Thema, Tendenz steigend. Die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt.
Wie eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) ergeben hat, fühlt sich gut jede dritte Person zwischen 18 und 53 Jahren zumindest teilweise einsam.
Das ist auch für die Gesellschaft ein riesiges Problem: Wer sich häufig einsam, unverbunden und unverstanden fühlt, neigt mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Verschwörungserzählungen und billigt politische Gewalt und autoritäre Haltungen.
Was hilft gegen Einsamkeit, wer ist besonders betroffen und was kann die Politik tun? Die FR geht in einer losen Reihe diesen und weiteren Fragen nach.
Alle Folgen finden Sie hier: FR.de/einsamkeit
Wie aktiv ist die Nutzung von Sozialen Medien?
Anruf bei Dr. Matthias Reinhard. Er beschäftigt sich am Klinikum für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU München mit der Entstehung von Einsamkeit – und stellt zunächst klar, dass es natürlich unterschiedliche Einsamkeitserfahrungen gibt.
Sein Thema ist die klinische Einsamkeit. „Einsamkeit ist dabei nicht das Alleinsein an sich, sondern immer das Gefühl, dass das Alleinsein unangenehm wird, verbunden mit einem Leidensdruck.“ Ihm geht es im Klinik-Alltag bei der Arbeit mit vorwiegend jungen Erwachsenen nicht darum, Einsamkeit zu messen oder zu quantifizieren. Vielmehr versucht er in der Therapie die Gründe für den Leidensdruck zu finden. „Wenn dabei Menschen das Gefühl vermitteln, dass jemand fehlt, spreche ich von Einsamkeit, obwohl es natürlich keine Diagnose ist.“
Auch Reinhard schätzt die Forschungsergebnisse rund um Soziale Medien und Einsamkeit als uneindeutig ein. Soziale Medien könnten eben in einigen Fällen dabei helfen, Einsamkeit zu minimieren, und in anderen Fällen Einsamkeit sogar verstärken.Das Entscheidende sei das Nutzungsverhalten. Hier decken sie die Studienergebnisse mit seinen Erfahrungen. Reinhard unterscheidet dabei grundlegend zwischen aktiver und passiver Nutzung von Sozialen Medien. „Aktiv bedeutet, man postet Inhalte, reagiert auf Beiträge anderer und tauscht direkte Nachrichten aus. Passiv bedeutet der reine Konsum von Inhalten, ohne auf den Plattformen zu agieren oder über diese Inhalte mit Freunden zu interagieren.“
In seiner therapeutischen Arbeit, erzählt Reinhard, habe er häufig die Erfahrung gemacht, dass Soziale Medien vor allem bei denen, die passiv konsumieren, soziale Vergleiche in Gang setzen können. „Wenn sich also eine Person bereits einsam fühlt, und der soziale Vergleichspunkt die auf den Sozialen Medien häufig geschönt dargestellte Welt anderer Menschen ist und diese zur Norm erklärt wird, können diese Plattformen Einsamkeit also verstärken.“
Allerdings, betont Reinhard, lassen sich Soziale Medien eben auch anders nutzen. „Wir fordern gewisse Personen in der Therapie sogar dazu auf, Soziale Medien zu nutzen.“ Denn auf Sozialen Medien verläuft die Kontaktaufnahme niedrigschwellig und schnell. „Wir schlagen Leuten also vor, alte Kontakte über diese Plattformen wieder zu reaktivieren oder auch – dafür gibt es mittlerweile auch zahlreiche digitale Möglichkeiten – über gemeinsame Interessen neue Menschen kennenzulernen.“ Das helfe vielen, wieder mit anderen in Verbindung zu treten.
Vor allem ältere Menschen seien sich dieses positiven Potenzials sozialer Medien selten bewusst. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen hingegen bemerkt Reinhard dass sie häufiger von den negativen Konsequenzen betroffen seien. Er vermutet einen Zusammenhang mit deren Nutzungsverhalten, gibt aber selbst zu dafür kein Experte zu sein
Einer, der damit mehr Erfahrungen gesammelt hat, ist Thomas Hillers. Er ist Lehrer an der Waldschule Hatten, und führt dort eine Sprechstunde für Kinder und Jugendliche , die sich den Gefahren und Phänomenen von sozialen Medien widmet. Ein Pionierprojekt.
Seit viereinhalb Jahren bietet er diesen geschützten Raum an – aus einem Bedürfnis heraus, die Kinder zu unterstützen, wie er selbst sagt: „Meine Schulleitung erwähnte damals, dass wir oft nur am Rande davon mitbekommen, was Kinder und Jugendliche im Netz erleben. Da kam mir die Idee, eine Plattform zu schaffen, die unterstützt, zuhört und vermittelt.“
Der Austausch von Betroffen kann auch online stattfinden
Einsamkeit spielt in seiner Sprechstunde keine direkte, sondern eine indirekte Rolle. Denn ein Großteil der Probleme, die thematisiert werden, sei mit Scham behaftet. Kinder und Jugendliche trauten sich oft nicht, mit Eltern oder anderen Erwachsenen über das zu sprechen, was sie online erleben. Besonders dann nicht, wenn sie „in etwas hineingeraten“ seien. Beispiele, von denen die Kinder immer wieder erzählen in der Sprechstunde: digitales Mobbing und brutale, verstörende Videos.
Die Kinder, sagt Hillers, hätten dann oft das Gefühl, sie seien schuld an dem, was ihnen widerfahren ist. Daraus folgt dann häufig, dass sie nicht darüber sprechen würden und sich alleingelassen – oder eben einsam fühlten. Hier sieht Hillers seine Hauptaufgabe: Er versucht, den Schüler:innen zu zeigen, dass sie mit diesen Erfahrungen eben nicht allein sind.
Der Lehrer sieht eine ambivalente Rolle der Sozialen Medien insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Belastungen. Einerseits könnten sie in Online-Communities Halt finden und sich mit anderen Betroffenen austauschen. Andererseits bestehe die Gefahr, dass diese Plattformen destruktives Verhalten fördern. Inhalte wie Anleitungen zum Selbstverletzen gebe es dort eben auch: „In manchen Fällen kann sich die Problematik dadurch verschärfen.“
Reinhards und Hillers Erfahrungen bestätigen, dass die Auswirkungen der Sozialen Medien auf die Einsamkeit letztendlich vom Nutzungsverhalten abhängig sind. Das deckt sich mit dem Fazit einer Zusammenfassung der Studienlage zum Zusammenhang zwischen sozialer Angst, Einsamkeit und der Nutzung Sozialer Medien von Emily B. O’Day und Richard G. Heimberg aus dem Jahr 2021 Auch sie stellen die entscheidende Rolle des Nutzungsverhaltens heraus.
Die Forschenden werfen ihrer Analyse auch ein Schlaglicht darauf, dass sozial ängstliche und einsame Menschen häufiger dazu neigen, Soziale Medien intensiver und problematischer zu nutzen –als Kompensation für begrenzte persönliche Kontakte. So gesehen wäre eher eine bestehende Einsamkeit der Risikofaktor für problematische und exzessive Nutzung von Sozialen Medien. Zur These, dass Soziale Medien per se Einsamkeit verursachen, gäbe es hingegen keine hinreichenden Untersuchungen. Sind also vielleicht doch nicht die Sozialen Medien, das Fernsehen, das Radio oder gar die Lesewut Schuld an der Einsamkeit? Vielleicht werden wir es bei der nächsten Debatte erörtern. Die um KI-generierte Liebschaften tobt ja bereits.
