VonSabine Hamacherschließen
Die Soziologin Claudia Neu über den Zusammenhang von Einsamkeit und Extremismus, Menschen, die niemandem mehr vertrauen und Begegnungen im öffentlichen Raum.
Frau Neu, warum kann Einsamkeit der Demokratie gefährlich werden?
Es gibt Zusammenhänge zwischen lang anhaltender Einsamkeit und der Neigung zu rechtem Gedankengut, die wir statistisch nachweisen können – auch wenn hier noch viel geforscht werden muss. Bei chronisch einsamen Menschen kann sich der Blick auf die Welt verändern. Sie beginnen, die Umwelt als dunkler, düsterer und unsicherer wahrzunehmen. So verlieren sie nicht nur das Vertrauen in ihr unmittelbares Umfeld, sondern schließlich auch das Vertrauen in die Institutionen. Wenn ich meinem Nachbarn nicht mehr vertraue, warum sollte ich dann der Polizistin vertrauen? Der naheliegende Schritt: Wer den Institutionen nicht mehr vertraut, geht auch irgendwann nicht mehr wählen.
Die Betroffenen richten sich in ihrer Einsamkeit ein.
Das stimmt, aber es ist ja nicht so, dass sich chronisch einsame Menschen keinen Kontakt zu anderen wünschen – sie wünschen sich den sogar ganz stark. Es macht den Schmerz ihrer Einsamkeit aus, dass sie mehr Nähe zu anderen Menschen möchten, als sie haben. So ist es vorstellbar, dass chronisch Einsame in ihrer Verbitterung zu antidemokratischen Haltungen neigen und sich schließlich rechten Parteien zuwenden.
Auf der Suche nach gemeinschaftsstiftenden Angeboten in diesem Spektrum?
Rechte Parteien inszenieren sich gezielt als starke Gemeinschaft, sie grenzen sich ab nach dem Motto: Wenn du zu uns kommst, bist du auch mehr wert als die anderen. Das ist für die eine oder den anderen sicher ein sehr verlockendes Angebot. Es muss gar nicht so konkret sein, die Anziehung kann auch über Verbitterung und Ressentiments gegenüber einer als feindlich empfundenen Umwelt laufen – Gefühle, die Personen entwickeln können, die immer wieder versuchen, mit anderen in Kontakt zu kommen, aber stets die Erfahrung machen, dass sie abgewiesen werden. Natürlich ist nicht jeder einsame Mensch ressentimentgeladen oder will nicht mehr wählen gehen.
Die Studie „Extrem einsam?“, an der Sie beteiligt waren, hat sich mit Jugendlichen beschäftigt. Wie sieht es bei den Älteren aus? Die fühlen sich sicher auch oft unverstanden und ausgeschlossen.
Im Rahmen der neuen „Mitte-Studie“ 2023 der Friedrich-Ebert-Stiftung, für die nicht das Wahlverhalten, sondern die Einstellungen der Menschen abgefragt werden, haben Beate Küpper und ich uns genau diese Frage gestellt. Und wir haben gesehen: Dass einsame Menschen zu antidemokratischen Haltungen neigen, trifft auf Erwachsene wie auch auf Jugendliche zu. Bei genauerem Hinschauen lässt sich erkennen, dass Jugendliche vor allem auf Verschwörungsmythen anspringen; sie neigen aber auch häufiger dazu, Gewalt zu billigen. Einsame Menschen halten politische Gewalt deutlich häufiger für ein legitimes Mittel als nicht einsame, auch das gilt für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.
Gibt es denn Unterschiede zwischen Männern und Frauen?
Dazu gibt es wenig Forschung. Metastudien zufolge kann davon ausgegangen werden, dass das mittlere Ausmaß der Einsamkeit über die gesamte Lebensspanne bei Männern und Frauen ähnlich ist. Wenn überhaupt, dann sind laut dieser Studie eher Männer einsam. In Deutschland scheinen jedoch Frauen ein erhöhtes Einsamkeitsrisiko zu haben.
Und speziell mit Blick auf die Anfälligkeit für extremistische Ideen?
Wenn wir uns die Einstellungen – nicht das Wahlverhalten – anschauen, haben laut „Mitte-Studie“ 2023 mehr Frauen ein gesichertes rechtsextremes Weltbild als Männer. Früher betraf das vor allem ältere Menschen, aber das hat sich geändert, offenbar hat die Aufarbeitung der NS-Zeit in den höheren Jahrgängen gefruchtet. Die nachwachsende Generation jedoch scheint sich rechtsextremistischen Ideen wieder verstärkt zuzuwenden, das zeigt sich ja auch bei Wahlen. Allerdings muss man hier deutlich trennen zwischen Wahlverhalten und Einstellungen. Es gibt weniger Menschen mit gesichertem rechtsextremistischem Weltbild, aber mehr Menschen, die sich der AfD zuwenden.
Zur Person
Claudia Neu ist Professorin für Soziologie an den Universitäten Göttingen und Kassel. Sie war beteiligt an der Anfang 2023 vorgestellten Studie „Extrem einsam?“, die den Zusammenhang zwischen Einsamkeit bei Jugendlichen und der Zustimmung zu Verschwörungstheorien, autoritären Haltungen und der Billigung von Gewalt nachzeichnet.
Der Studie zufolge schwindet das Vertrauen in Institutionen und Demokratie in Phasen längerer Einsamkeit – mit brisanten Folgen für die Gesellschaft.
Das Buch „Einsamkeit und Ressentiment“ , das Claudia Neu zusammen mit Jens Kersten und Berthold Vogel verfasst hat, ist im Mai im Verlag Hamburger Edition erschienen. sha
Wie sieht es in anderen Ländern aus, gibt es ähnliche Befunde?
Ein Impuls für unsere Forschung kam aus den USA. Der Journalist Michael C. Bender hat nach der ersten Trump-Wahl dessen Super-Fans auf der Campaigning-Tour begleitet und herausgefunden, dass die grauenvoll einsam sind. Sie geben ihr ganzes Geld dafür aus, da mitzufahren, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erleben. Andere Untersuchungen des American Enterprise Institutes haben ebenfalls gezeigt: Wer keine sozialen Kontakte hat, neigt mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit eher zu Trump. Auch wenn das mit der Situation in Deutschland nicht direkt vergleichbar ist, lohnt der Blick auf den Zusammenhang von Einsamkeit und Demokratie.
Wie kann gegengesteuert werden?
Einsamkeit ist ein wahnsinnig komplexes und schambesetztes Thema. Es setzt eine Urangst frei, die noch tief in uns steckt: Ich bin allein, ich kann allein nicht überleben, ich muss mich mit anderen zusammentun! Um auf der ganz großen Ebene anzufangen: Es muss darum gehen, Vertrauen zurückzugewinnen. Das ist die Aufgabe der Politik. Dazu gehört es zum Beispiel, eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, aber auch neue Methoden der Mitwirkung zu schaffen, die Menschen das Gefühl geben, Teil dieser Gesellschaft zu ein. Große Teile der Gesellschaft haben das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, nicht nur Einsame.
Und was ist im Kleineren möglich?
Wir müssen Gelegenheiten schaffen, dass sich die Gesellschaft begegnen kann. Menschen, die zu weit – also mehr als 20 Minuten zu Fuß – entfernt leben von Freizeitgelegenheiten, von Parks und Grünflächen, wo sie andere treffen können, haben ein erhöhtes Risiko, einsam zu sein. Es bringt aber nichts, zu sagen, komm doch mal vom Sofa hoch und mach was. Es braucht Möglichkeiten, vielleicht erstmal eher beiläufig wieder in Kontakt mit anderen zu kommen. Zum Beispiel beim Bäcker: Da gehe ich hin, kaufe ein, komme vielleicht ins Gespräch, bin jedenfalls mit anderen zusammen. Und selbst wenn ich nicht ins Gespräch komme, sollte der öffentliche Raum so attraktiv gestaltet sein, dass ich mich dort gern aufhalte und mich wieder als Teil einer Stadtgesellschaft fühlen kann. Das wäre die mittlere Ebene. Es gibt aber schließlich noch eine dritte Ebene: Für chronisch Kranke etwa – Einsamkeit geht ja häufig mit Depressionen und anderen Erkrankungen einher – braucht es eine aufsuchende psychologische Betreuung. Sie können es aus eigener Kraft kaum schaffen.
Und wenn es noch nicht so dramatisch ist?
Da gibt es andere Möglichkeiten: Für Jugendliche müssen Angebote geschaffen werden, die aber auf keinen Fall als Angebote für Einsame etikettiert werden dürfen. Wer würde da hingehen, wenn riesig „Einsamkeit“ drauf steht? Geschultes Personal kann dann konkret die einsamen Jugendlichen ansteuern, damit sie lernen, wie man Netzwerke knüpft, Freunde gewinnt, Vertrauen fasst. Das sollte aber immer im Rahmen eines gemeinsame Angebotes geschehen. Wenn das klappt, dass sie anderen Jugendlichen vertrauen, kommt hoffentlich auch das Vertrauen auf den anderen Ebenen wieder. Wir wissen aus der Forschung, dass einsame Jugendliche häufig zu einsamen Erwachsenen werden. Einsamkeit vererbt sich nicht nur, sie ist ansteckend: Wer mit einsamen Menschen zusammen ist, hat ein erhöhtes Risiko, selbst einsam zu werden. Deshalb muss dringend etwas getan werden. Wir dürfen diese Problematik nicht weiter mitschleppen.
Die Studie „Extrem einsam?“ ist schon Anfang 2023 veröffentlicht worden. Was ist seitdem passiert?
Die Bundesregierung hat ihre Einsamkeitsstrategie veröffentlicht, die ist aber vor allem etwas fürs Schaufenster. Es ist sicher ein Erfolg, dass es den Einsamkeitsmonitor des Kompetenznetzes Einsamkeit gibt, dass dort überhaupt regelmäßig Daten generiert werden. Aber mir fehlt es an tiefergehenden Antworten: Was hilft denn jetzt wirklich? Eine stärkere Evaluation von Hilfsangeboten ist nötig. Es ist sehr gut, dass der Blick inzwischen von den Senior:innen auch auf Jugendliche geschwenkt ist und Einsamkeit nicht mehr als Thema des Alters, sondern auch als Problem junger Menschen gesehen wird. Im Hinblick darauf, wie wir Jugendliche wirklich abfangen, wird aber meiner Meinung nach viel zu wenig gemacht. Die Jugend hat nur eine sehr kleine Lobby. Ich will keine einsame Seniorin diskreditieren – aber wenn ich es von der politischen Seite sehe, muss ich nach vorne gucken, nicht nach hinten.
Warum werden konkrete Vorschläge wie die, die sie genannt haben, nicht umgesetzt?
Das scheitert am politischen Willen. Wir brauchen neben Prävention und Interventionen auch Forschungsprojekte, die qualitative Daten sammeln, die Zusammenhänge aufdecken, damit klarer wird, was hilft und wie Prävention aussehen könnte. Da sehe ich bislang außer vielen guten Worten wenig.

