Alarmierende Bilanz

„Massive Phase des Zerfalls“: Alpen-Phänomen dramatisch verstärkt

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Eine erschreckende Prognose für die Alpen wird im aktuellen Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins klar.

Innsbruck – Das Ende des „ewigen Eises“ in Österreich rückt näher. In den letzten Jahren wurden kontinuierlich Negativrekorde verzeichnet. Die aktuellen Messungen bestätigen: Nahezu alle Gletscher ziehen sich zurück. Das Tempo des Gletscherschwunds wäre vor einigen Jahren noch als unwahrscheinlich angesehen worden. „Wir befinden uns in einer massiven Phase des Zerfalls“, erklärt Dr. Gerhard Lieb vom Gletschermessdienst bei der Präsentation des aktuellen Gletscherberichts.

Der Klimawandel hat extreme Auswirkungen auf die Gletscher. Vor allem die Alpen sind stark betroffen, wie hier der Schlatenkees Gletscher.

Rekordschmelze in den Alpen: Wissenschaftler stellen alarmierendes Ergebnis vor

Die Ehrenamtlichen des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) haben im Gletscherhaushaltsjahr 2023/24 insgesamt 90 Gletscher untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierend: Im Durchschnitt zogen sich die Gletscher um 24,1 Meter zurück. Dieser Wert liegt knapp hinter den Rekordjahren 2021/22 mit 28,7 Metern und 2016/17 mit 25,2 Metern. Der Sexegertenferner in den Ötztaler Alpen verzeichnete mit einem Rückgang von 227,5 Metern den stärksten Verlust – ein nahezu beispielloser Wert.

Fünf größten GletscherrückgängeLängenverluste in Metern
Sexegertenferner (Ötztaler Alpen, Tirol)- 227,5
Taschachferner (Ötztaler Alpen, Tirol)- 176,0
Gepatschferner (Ötztaler Alpen, Tirol)- 104,0
Hallstätter Gletscher (Dachstein, Oberösterreich)- 73,3
Wildgerloskees (Zillertaler Alpen, Tirol)- 68,7

Auswirkungen des Klimawandels: Alpenverein fordert mehr Klimaschutz

Die warmen Sommermonate ohne längere Kältephasen, die die Abschmelzung hätten verlangsamen können, sind maßgeblich für diese Entwicklung verantwortlich. Der Alpenverein warnt, dass die dramatischen Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Hochgebirgslandschaften Österreichs deutlich sichtbar sind. Trotz anderer Herausforderungen müssen die vereinbarten Klimaziele im Fokus bleiben.

Der Mensch muss nicht das Klima schützen, sondern sich selbst, indem er etwas für das Klima tut, aus reinem Selbsterhaltungstrieb.

Dr. Nicole Slupetzky, Vizepräsidentin des Alpenvereins

Globales Problem – Internationale Gemeinschaft reagiert mit „Internationalen Jahr des Gletscherschutzes“

„Inzwischen gibt es kein Gebiet mehr der Erde, wo die Gletscher im größeren Stil positiv bilanzieren“, so Gerhard Lieb. Sie sind aber von maßgeblicher Bedeutung für die Regulierung des globalen Klimas und die Bereitstellung von Süßwasser für Milliarden von Menschen. Der weltweite Rückgang der Gletscher hat auch die internationale Gemeinschaft alarmiert. Die Vereinten Nationen und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) haben das Jahr 2025 zum „Internationalen Jahr des Gletscherschutzes“ erklärt. Ziel ist es, das Bewusstsein für die gravierenden Folgen der Gletscherschmelze zu schärfen und verstärkte Maßnahmen zu fördern.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Tauen des Permafrostes destabilisiert das Hochgebirge und lässt Wanderwege in den Alpen bröckeln

Dr. Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Institut für Geografie und Raumforschung der Universität Graz betont: „Wir sehen eine komplette Veränderung der Landschaft.“ Das Tauen des Permafrosts führt zu einer Zunahme von Gletscherspalten, was die Beschaffenheit von Wander- und Tourenwegen beeinträchtigt und die Vermessungen gefährlicher macht. „Das ganze Eissystem zerbricht“, fügt er hinzu. Felsstürze treten häufiger auf, und Messpunkte müssen neu angelegt werden.

Eiszerfall an der flach auslaufenden Gletscherstirn des Großen Gosaugletschers am Dachstein, im Hintergrund der Mitterspitz.

Bedrohliche Prognose: Gletscher in den Alpen kommen ihrem Ende näher

Die Wissenschaftler prognostizieren, dass das Schmelzen der Gletscher schnell voranschreiten wird: „In 40 bis 50 Jahren werden die meisten Gletscher in Österreich Geschichte sein“. Dann werden die Überreste, die einst als „ewiges Eis“ bekannt waren, kaum noch als „Gletscher“ bezeichnet werden können. (pk)

Rubriklistenbild: © ÖAV Gletschermessdienst/Sepp Nussbaumer

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