Proteste in der Türkei

Nahost-Experte über Türkei und Erdogan: „Die Angst soll regieren“

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Der französische Nahost-Experte Olivier Roy über Erdogans Staatsstreich von oben und das neue Chaos in Nahost. Ein Interview von Michael Hesse

Kaum jemand kennt den Nahen Osten so gut wie der französische Politologe Olivier Roy, der die Länder oftmals bereist hat. Er sieht die Türkei auf dem Weg in die Autokratie.

Professor Roy, wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung in der Türkei ein? Wird Erdogan nun tatsächlich „putinähnlich“?
Ja, Erdogan wird mehr und mehr wie Putin. Es ist, so scheint mir, seine letzte Karte. Er verliert an Rückhalt in der Gesellschaft, verliert Wahlen, verliert an Kraft. Er altert – und er hat keinen Nachfolger aufgebaut. Das erzeugt bei Erdogan eine gewisse Panik, die Dinge zu klären. Ich glaube, es geht ihm nicht mehr um Zukunft, sondern nur noch um Vergangenheit. Er will sein Erbe sichern, koste es, was es wolle.

Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

Armut, Haft, absolute Macht: Der Sohn eines Küstenschiffers wird in einer politischen Karriere vom eifrigen Koranschüler zum absoluten Machthaber in der Türkei. Recep Tayyip Erdogans Weg kann getrost unüblich genannt werden. Aufgewachsen in einem religiösen, doch armen Vorort von Istanbul macht er als talentierter Fußballer auf sich aufmerksam. Der religiöse Vater verbietet den Traum vom Fußball und schickt ihn auf eine Religionsschule, auf welcher er ein neues Talent entdeckt. Die freie Rede ist damals eines der wichtigsten Fächer und der junge Recep macht schon damals mit seinem Redetalent auf sich aufmerksam und konnte aufgrund des ISKI-Skandals als Außenseiter Bürgermeister Istanbuls werden.
Armut, Haft, absolute Macht: Der Sohn eines Küstenschiffers wird in einer politischen Karriere vom eifrigen Koranschüler zum absoluten Machthaber in der Türkei. Recep Tayyip Erdogans Weg kann getrost unüblich genannt werden. Aufgewachsen in einem religiösen, doch armen Vorort von Istanbul macht er als talentierter Fußballer auf sich aufmerksam. Der religiöse Vater verbietet den Traum vom Fußball und schickt ihn auf eine Religionsschule, auf welcher er ein neues Talent entdeckt. Die freie Rede ist damals eines der wichtigsten Fächer und der junge Recep macht schon damals mit seinem Redetalent auf sich aufmerksam und konnte aufgrund des ISKI-Skandals als Außenseiter Bürgermeister Istanbuls werden. © Mehmet Gulbiz/dpa
Es folgte ein großer Wahlerfolg seiner Partei bei den Parlamentsgutswahlen 2002. Zwar durfte Erdogan aufgrund eines Gedichtes, für welches er zu einem Politikverbot und einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, nicht das Amt des Ministerpräsidenten nicht einnehmen. Dafür installierte er seinen Parteikollegen Abdullah Gül in dem Amt, welcher kurzerhand die Gesetze änderte, um das Vergehen, welches Erdogan ein Politikverbot einbrachte, umschrieb.
Es folgte ein großer Wahlerfolg seiner Partei bei den Parlamentsgutswahlen 2002. Zwar durfte Erdogan aufgrund eines Gedichtes, für welches er zu einem Politikverbot und einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, nicht das Amt des Ministerpräsidenten nicht einnehmen. Dafür installierte er seinen Parteikollegen Abdullah Gül in dem Amt, welcher kurzerhand die Gesetze änderte, um das Vergehen, welches Erdogan ein Politikverbot einbrachte, umschrieb.  © Jeff_J._Mitchell/Imago
Nachdem Gül die Verfassungsänderung durchgebracht hatte, und eine Annullierung der Wahl in der Provinz Siirt stattfand, konnte er nachträglich als Abgeordneter ins Parlament einziehen. Somit war er erneut offiziell Politiker und in der Lage, Ämter innezuhaben. Er wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident und Gül übernahm den Posten des Außenministers. Hier auf diesem Foto wird Erdogan als Parlamentsabgeordneter vereidigt.
Nachdem Gül die Verfassungsänderung durchgebracht hatte, und eine Annullierung der Wahl in der Provinz Siirt stattfand, konnte er nachträglich als Abgeordneter ins Parlament einziehen. Somit war er erneut offiziell Politiker und in der Lage, Ämter innezuhaben. Er wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident und Gül übernahm den Posten des Außenministers. Hier auf diesem Foto wird Erdogan als Parlamentsabgeordneter vereidigt.  © Anadolu Ajansi/dpa
Erdogan wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident, Abdullah Gül übernahm den Posten des Außenministers. Zunächst öffnete sich die Türkei dem Westen und schuf etwa die Todesstrafe ab. Außenpolitisch verfolgte Erdogan zudem anfangs eine Annäherung an die EU, sodass ein möglicher Beitritt im Raum stand. Auch verbesserte sich das Verhältnis der Türkei zu ihren östlichen Nachbarn deutlich.
Erdogan wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident, Abdullah Gül übernahm den Posten des Außenministers. Zunächst öffnete sich die Türkei dem Westen und schuf etwa die Todesstrafe ab. Außenpolitisch verfolgte Erdogan zudem anfangs eine Annäherung an die EU, sodass ein möglicher Beitritt im Raum stand. Auch verbesserte sich das Verhältnis der Türkei zu ihren östlichen Nachbarn deutlich. © dpa/epa
Der nächste politische und wirtschaftliche Erfolg ist die Abzahlung sämtlicher Schulden, welche die Türkei in 19 Jahren als Schuldner bei der IWF und Weltbank hatten. Die Türkei hat sich in 50 Jahren fast 47 Milliarden US-Dollar aus dem Fonds geliehen. Nachdem bei Verhandlungen keine Einigung über eine neue Standby-Vereinbarung getroffen werden konnte, entschied sich die Türkei den Rest der Schulden 2009 anlässlich der Jahrestagung der IWF und Weltband (siehe Bild) zu tilgen.
Der nächste politische und wirtschaftliche Erfolg ist die Abzahlung sämtlicher Schulden, welche die Türkei in 19 Jahren als Schuldner bei der IWF und Weltbank hatten. Die Türkei hat sich in 50 Jahren fast 47 Milliarden US-Dollar aus dem Fonds geliehen. Nachdem bei Verhandlungen keine Einigung über eine neue Standby-Vereinbarung getroffen werden konnte, entschied sich die Türkei den Rest der Schulden 2009 anlässlich der Jahrestagung der IWF und Weltband (siehe Bild) zu tilgen.  © epa Jaffe / Imf Handout
Auf diesen auch international anerkannten politischen Erfolg folgte noch im selben Jahr ein Eklat. Als Israels Premierminister Shimon Peres das Vorgehen seines Staates im Gazastreifen rechtfertigte, fragte er Erdogan, wie er auf einen Raketenbeschuss Istanbuls reagieren würde. Erdogan reagierte verärgert und rief: „One Minute(s)! One Minute(s)!“ Daraufhin gab ihm der Moderator wieder das Wort. Er kritisierte Israels Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung und warf der Israels Regierung vor, bewusst unschuldige Zivilisten und Kinder getötet zu haben. Währenddessen versuchte der Moderator immer wieder, Erdogans Rede zu beenden. Erdogan war der Ansicht, die Redezeit sei unfair verteilt und verließ das Podium.
Auf diesen auch international anerkannten politischen Erfolg folgte noch im selben Jahr ein Eklat. Als Israels Premierminister Shimon Peres das Vorgehen seines Staates im Gazastreifen rechtfertigte, fragte er Erdogan, wie er auf einen Raketenbeschuss Istanbuls reagieren würde. Erdogan reagierte verärgert und rief: „One Minute(s)! One Minute(s)!“ Daraufhin gab ihm der Moderator wieder das Wort. Er kritisierte Israels Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung und warf der Israels Regierung vor, bewusst unschuldige Zivilisten und Kinder getötet zu haben. Währenddessen versuchte der Moderator immer wieder, Erdogans Rede zu beenden. Erdogan war der Ansicht, die Redezeit sei unfair verteilt und verließ das Podium. © dpa/epa
Der Eklat in Davos und nachfolgende Abreise des türkischen Staatschefs hatten zur Folge, dass Erdogan von Anhängern der Hamas-Bewegung auf Demonstrationen gefeiert wurde. Aber auch in seiner türkischen Heimat stieß er mit seinen Worten auf fruchtbaren Boden und wurden auch von seinen eigenen Anhängern für diese Aktion gefeiert. Am Istanbuler Flughafen waren Flaggen sowie Spruchbänder mit Texten wie „Willkommen zurück, Eroberer von Davos“ oder „Welt, schau auf unseren Ministerpräsidenten“ zu sehen.
Der Eklat in Davos und nachfolgende Abreise des türkischen Staatschefs hatten zur Folge, dass Erdogan von Anhängern der Hamas-Bewegung auf Demonstrationen gefeiert wurde. Aber auch in seiner türkischen Heimat stieß er mit seinen Worten auf fruchtbaren Boden und wurden auch von seinen eigenen Anhängern für diese Aktion gefeiert. Am Istanbuler Flughafen waren Flaggen sowie Spruchbänder mit Texten wie „Willkommen zurück, Eroberer von Davos“ oder „Welt, schau auf unseren Ministerpräsidenten“ zu sehen.  © Nabil Mounzer/dpa/epa
Allzu lange hielt diese innertürkische Zufriedenheit mit ihrem Staatschef jedoch nicht vor. Am 28. Mai 2013 beginnen in der Türkei Dauerproteste gegen Erdogan. Ursprung war eine Demonstration gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks, woher die Protestwelle ihren Namen hat. Ein übermäßiger Gewalteinsatz seitens der Polizei sorgte für die Eskalation der Proteste. Schnell fanden weitere Proteste in großen türkischen Städten gegen die als autoritär angesehene Regierung Erdogans AKP statt.
Allzu lange hielt diese innertürkische Zufriedenheit mit ihrem Staatschef jedoch nicht vor. Am 28. Mai 2013 beginnen in der Türkei Dauerproteste gegen Erdogan. Ursprung war eine Demonstration gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks, woher die Protestwelle ihren Namen hat. Ein übermäßiger Gewalteinsatz seitens der Polizei sorgte für die Eskalation der Proteste. Schnell fanden weitere Proteste in großen türkischen Städten gegen die als autoritär angesehene Regierung Erdogans AKP statt.  © Tolga Bozoglu/dpa
Bei den Protesten spielte auch die Besetzung des Taskim-Platzes eine große Rolle. Rund um den Platz herum fanden Ausschreitungen und gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten statt. Es wurde zu einem Symbol von Widerstand gegen Polizeigewalt. In Anlehnung auf den Arabischen Frühling wurden die Proteste dort auch als „Türkischer Frühling“ bekannt. Am 12. Juni 2013 wurde der Platz, erneut mit hoher Polizeigewalt, geräumt.
Bei den Protesten spielte auch die Besetzung des Taskim-Platzes eine große Rolle. Rund um den Platz herum fanden Ausschreitungen und gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten statt. Es wurde zu einem Symbol von Widerstand gegen Polizeigewalt. In Anlehnung auf den Arabischen Frühling wurden die Proteste dort auch als „Türkischer Frühling“ bekannt. Am 12. Juni 2013 wurde der Platz, erneut mit hoher Polizeigewalt, geräumt.  © Burak Akbulut/Anadolu Agency/dpa
Doch weitere Proteste sollten folgen. Diesmal sehr persönlich an Erdogan gerichtet. Auslöser war ein angeblicher Mitschnitt eines Telefonates mit seinem Sohn Bilal, indem es darum geht, wie sie Millionensummen vor Korruptionsermitteln verstecken können. „Wir haben hier auch 30 Millionen Euro!“, riefen die Demonstranten, die sich erneut nahe dem Taskim-Platz sammelten. Sie verteilten große Menschen Falschgeld, um auf Korruption aufmerksam zu machen.
Doch weitere Proteste sollten folgen. Diesmal sehr persönlich an Erdogan gerichtet. Auslöser war ein angeblicher Mitschnitt eines Telefonates mit seinem Sohn Bilal, indem es darum geht, wie sie Millionensummen vor Korruptionsermitteln verstecken können. „Wir haben hier auch 30 Millionen Euro!“, riefen die Demonstranten, die sich erneut nahe dem Taskim-Platz sammelten. Sie verteilten große Menschen Falschgeld, um auf Korruption aufmerksam zu machen. © Imago
Seit Herbst 2014 residiert Erdogan im Präsidentschaftspalast im Naturschutzgebiet Atatürk Orman Çiftliği in der Hauptstadt Ankara. Der Gebäudekomplex gilt umstritten – unter anderem, weil er trotz eines gerichtlichen Verbots errichtet wurde. Kritisiert werden darüber hinaus die Größe des Palasts: rund 1000 Zimmer sollen vorhanden sein. Weiter waren die Kosten in Höhe von etwa 1,37 Milliarden Türkische Lira enorm für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.
Seit Herbst 2014 residiert Erdogan im Präsidentschaftspalast im Naturschutzgebiet Atatürk Orman Çiftliği in der Hauptstadt Ankara. Der Gebäudekomplex gilt umstritten – unter anderem, weil er trotz eines gerichtlichen Verbots errichtet wurde. Kritisiert werden darüber hinaus die Größe des Palasts: rund 1000 Zimmer sollen vorhanden sein. Weiter waren die Kosten in Höhe von etwa 1,37 Milliarden Türkische Lira enorm für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. © Turkish President Press Office/Imago
Für internationale Schlagzeilen sorgte Satiriker Jan Böhmermann, als er den türkischen Präsidenten in einem Schmähgedicht diffamierte. Die Regierung der Türkei sowie auch Erdogan selbst erstatteten Strafanzeige gegen Böhmermann; die Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Am 4. Oktober 2016 gab die Staatsanwaltschaft Mainz bekannt, dass das Ermittlungsverfahren gegen Böhmermann eingestellt wurde. Der Satiriker und Fernsehmoderator spielte in seiner damaligen Sendung „Neo Magazin Royale“ hin und wieder auf das Gedicht an, äußerte sich aber nicht zu dem Prozess.
Für internationale Schlagzeilen sorgte Satiriker Jan Böhmermann, als er den türkischen Präsidenten in einem Schmähgedicht diffamierte. Die Regierung der Türkei sowie auch Erdogan selbst erstatteten Strafanzeige gegen Böhmermann; die Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Am 4. Oktober 2016 gab die Staatsanwaltschaft Mainz bekannt, dass das Ermittlungsverfahren gegen Böhmermann eingestellt wurde. Der Satiriker und Fernsehmoderator spielte in seiner damaligen Sendung „Neo Magazin Royale“ hin und wieder auf das Gedicht an, äußerte sich aber nicht zu dem Prozess. © Presidential Press Office/Spata/dpa
Am Abend des 15. Juli 2016 kam es offiziellen Angaben zufolge zu einem Putschversuch von Teilen des türkischen Militärs. Da die Revolte bei einem Großteil der Bevölkerung jedoch auf Ablehnung stieß, und auch bei der politischen Opposition wenig Anklang fand, fiel der Putsch schon am nächsten Tag wieder in sich zusammen. Die Erdogan-Regierung machte prompt die Gülen-Bewegung für den Putschversuch verantwortlich, was diese aber zurückwies. Das Foto zeigt Anhänger von Präsident Erdogan auf einem Panzer auf der Bosporusbrücke am 16. Juli 2016.
Am Abend des 15. Juli 2016 kam es offiziellen Angaben zufolge zu einem Putschversuch von Teilen des türkischen Militärs. Da die Revolte bei einem Großteil der Bevölkerung jedoch auf Ablehnung stieß, und auch bei der politischen Opposition wenig Anklang fand, fiel der Putsch schon am nächsten Tag wieder in sich zusammen. Die Erdogan-Regierung machte prompt die Gülen-Bewegung für den Putschversuch verantwortlich, was diese aber zurückwies. Das Foto zeigt Anhänger von Präsident Erdogan auf einem Panzer auf der Bosporusbrücke am 16. Juli 2016. © dpa/EPA
Im Jahr 2017 setzte Recep Tayyip Erdogan mithilfe eines Referendums eine Verfassungsänderung durch, bei der es vor allem um die Bündelung der Exekutivbefugnisse ging. Dadurch gewann der türkische Präsident noch mehr Einfluss auf die Justiz. Die Opposition sprach von Wahlbetrug. Auch Untersuchungen von Forschenden legen nahe, dass das Referendum manipuliert wurde.
Im Jahr 2017 setzte Recep Tayyip Erdogan mithilfe eines Referendums eine Verfassungsänderung durch, bei der es vor allem um die Bündelung der Exekutivbefugnisse ging. Dadurch gewann der türkische Präsident noch mehr Einfluss auf die Justiz. Die Opposition sprach von Wahlbetrug. Auch Untersuchungen von Forschenden legen nahe, dass das Referendum manipuliert wurde. © Turkish Presidential Press Office/Imago
Unter Erdogan begann 2018 in der Türkei eine Währungskrise, woraufhin die türkische Lira in den folgenden Jahren Rekordwertverluste einbüßte. Zwischen 2019 und 2021 tausche der Präsident dreimal den Chef der türkischen Zentralbank, weil sie die lockere Finanzpolitik nicht mittragen wollten. Für 2022 hob Erdogan den Mindestlohn um 50 Prozent an und forderte von Arbeitgebern weitere Steuern. Dies soll den Verlusten entgegenwirken.
Unter Erdogan begann 2018 in der Türkei eine Währungskrise, woraufhin die türkische Lira in den folgenden Jahren Rekordwertverluste einbüßte. Zwischen 2019 und 2021 tausche der Präsident dreimal den Chef der türkischen Zentralbank, weil sie die lockere Finanzpolitik nicht mittragen wollten. Für 2022 hob Erdogan den Mindestlohn um 50 Prozent an und forderte von Arbeitgebern weitere Steuern. Dies soll den Verlusten entgegenwirken. © Sha Dati/Imago
Erdogan wird mit seiner islamisch-konservativen AKP wieder im Wahlbündnis mit der ultranationalistischen MHP antreten. Ein Teil der Opposition hat sich zu einem Bündnis zusammengeschlossen („Sechser-Tisch“), zu dem unter anderem die größte Oppositionspartei CHP und die nationalkonservative Iyi-Partei gehören. Ein weiteres Bündnis bildet die pro-kurdische Oppositionspartei HDP mit kleineren Parteien.
Im Jahr 2023 trat Erdogan mit seiner islamisch-konservativen AKP wieder im Wahlbündnis mit der ultranationalistischen MHP bei der Türkei-Wahl an. Ein Teil der Opposition schloss sich zu einem Bündnis zusammen („Sechser-Tisch“), zu dem unter anderem die größte Oppositionspartei CHP und die nationalkonservative Iyi-Partei gehörten. Ein weiteres Bündnis bildet die pro-kurdische Oppositionspartei HDP mit kleineren Parteien. © Adem Altan/afp
Seit den schweren Erdbeben muss sich die Regierung scharfer Kritik an ihrem Krisenmanagement stellen. Vielerorts wurde beklagt, dass Rettungsteams zu spät, in zu geringer Zahl und mit zu wenig Ausrüstung in die Krisenregion gekommen seien. Unter Trümmern verschüttete Menschen hätten so nicht gerettet werden können. In den Erdbebengebieten herrschten vielerorts Minusgrade, viele der Eingeschlossenen erfroren.
Nach dem schweren Erdbeben in der Türkei im Jahr 2023 musste sich die Regierung Erdogans scharfer Kritik an ihrem Krisenmanagement stellen. Vielerorts wurde beklagt, dass Rettungsteams zu spät, in zu geringer Zahl und mit zu wenig Ausrüstung in die Krisenregion gekommen seien. Unter Trümmern verschüttete Menschen hätten so nicht gerettet werden können. In den Erdbebengebieten herrschten vielerorts Minusgrade, viele der Eingeschlossenen erfroren. © Bulent Kilic/afp
Die Kritik an der Regierung nach den schweren Erdbeben traf auch Erdogan persönlich. Ende Februar, also rund drei Wochen nach den Beben, entschuldigte sich Erdogan erstmals bei den Menschen dafür und bat um Vergebung für Verzögerungen bei der Erbeben-Hilfe. Erdogan räumte Versäumnisse ein und sagte bei einem Besuch in Adiyaman, aufgrund der großen Zerstörung, der Wetterbedingungen und der Schäden an der Infrastruktur habe man in den ersten Tagen nicht in der „gewünschten Effektivität“ arbeiten können. „Wie jeder Sterbliche können auch wir Fehler, Mängel und Makel haben.“
Die Kritik an der Regierung nach den schweren Erdbeben traf auch Erdogan persönlich. Ende Februar, also rund drei Wochen nach den Beben, entschuldigte sich Erdogan erstmals bei den Menschen dafür und bat um Vergebung für Verzögerungen bei der Erbeben-Hilfe. Erdogan räumte Versäumnisse ein und sagte bei einem Besuch in Adiyaman, aufgrund der großen Zerstörung, der Wetterbedingungen und der Schäden an der Infrastruktur habe man in den ersten Tagen nicht in der „gewünschten Effektivität“ arbeiten können. „Wie jeder Sterbliche können auch wir Fehler, Mängel und Makel haben.“ © Adem Altan/afp
Erdogan bat zudem „um ein Jahr“ Zeit, um „die Wunden des Erdbebens zum Großteil“ zu heilen. Die Opposition kritisierte dagegen den Vorstoß des türkischen Präsidenten. Man nehme die Entschuldigung nicht an, schrieb etwa die prokurdische Partei HDP auf Twitter. Ali Babacan, der Chef der Oppositionspartei Deva, erklärte rundheraus, Erdogan könne der Verantwortung nicht entkommen.
Erdogan bat zudem „um ein Jahr“ Zeit, um „die Wunden des Erdbebens zum Großteil“ zu heilen. Die Opposition kritisierte dagegen den Vorstoß des türkischen Präsidenten. Man nehme die Entschuldigung nicht an, schrieb etwa die prokurdische Partei HDP auf Twitter. Ali Babacan, der Chef der Oppositionspartei Deva, erklärte rundheraus, Erdogan könne der Verantwortung nicht entkommen. © Press Office of the Presidency of Turkey/afp
Auch Erdogans Hauptrivale im Kampf um das Präsidentenamt macht Erdogan für die Folgen verantwortlich. „Sie waren in allen möglichen Dingen untätig, so wie hier auch“, sagte Kemal Kilicdaroglu von der kemalistisch-sozialdemokratischen CHP. „Sie haben wirklich keine Ahnung, wie man einen Staat regiert. Ich sage es ganz offen: Wenn jemand hauptverantwortlich für diese Folgen ist, dann ist es Erdogan.“
Auch Erdogans Hauptrivale im Kampf um das Präsidentenamt macht Erdogan für die Folgen verantwortlich. „Sie waren in allen möglichen Dingen untätig, so wie hier auch“, sagte Kemal Kilicdaroglu von der kemalistisch-sozialdemokratischen CHP. „Sie haben wirklich keine Ahnung, wie man einen Staat regiert. Ich sage es ganz offen: Wenn jemand hauptverantwortlich für diese Folgen ist, dann ist es Erdogan.“ © Yasin Akgul/afp
Erdogan kontert, indem er seinen stärksten Herausforderer Wahlen wegen Treffen mit der prokurdischen Partei HDP scharf kritisiert. Kilicdaroglu habe den parlamentarischen Arm einer „Terrororganisation“ zum Partner gemacht, sagte Erdogan. Die HDP, die bei der Präsidentenwahl keinen eigenen Kandidaten aufstellt, dürfte die Bewerbung Kilicdaroglus unterstützen. Die HDP-Stimmen könnten entscheidend sein.
Erdogan konterte, indem er seinen stärksten Herausforderer Wahlen wegen Treffen mit der prokurdischen Partei HDP scharf kritisierte. Kilicdaroglu habe den parlamentarischen Arm einer „Terrororganisation“ zum Partner gemacht, sagte Erdogan. Die HDP, die bei der Präsidentenwahl in der Türkei 2023 keinen eigenen Kandidaten aufstellte, unterstützte die Bewerbung Kilicdaroglus, die durch HDP-Stimmen auf einen Sieg über Erdogan hofften. © Francisco Seco/dpa
AKP-Kandidat mit seiner Anhängerschaft und in Begleitung seiner Ehefrau Emine Erdogan.
Wenn auch knapp, so konnte Erdogan sich trotz allem 2023 bei den Präsidentschaftswahlen im zweiten Versuch durchsetzen. Verpassten beim ersten Wahlgang alle Kandidaten die absolute Mehrheit noch, holte Erdogan diese mit 52 Prozent der Stimmen in der sich anschließenden Stichwahl. Den Sieg feierte der AKP-Kandidat mit seiner Anhängerschaft und in Begleitung seiner Ehefrau Emine Erdogan. © MURAT CETIN MUHURDAR/AFP
massive Protestwelle in weiten Teilen der Türkei
Am 19. März 2025 nahm die türkische Polizei Erdogans Gegenspieler und Bürgermeister der Stadt Istanbul, Ekrem İmamoğlu, fest. Dem CHP-Politiker wurden Korruption und Unterstützung der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vorgeworden. İmamoğlus Festnahme und die weiteren Verhaftungen von über 100 Personen lösten eine massive Protestwelle in weiten Teilen der Türkei aus. Die Proteste richteten sich dabei vor allem gegen die Regierung Erdogans, der vorgeworfen wurde, die Festnahmen seien politisch motiviert. © ED JONES/AFP
Epizentrum der Proteste gegen Erdogan war die Metropole Istanbul
Epizentrum der Proteste gegen Erdogan war die Metropole Istanbul. Dort kam es am 29. März 2025 zur größten Demonstration der Türkei seit den Gezi-Protesten 2013. Hunderttausende Menschen beteiligten sich. Laut CHP-Vertretern soll die Zahl sogar bei mehr als zwei Millionen gelegen haben. Die Polizei ging zum Teil mit aller Härte gegen die Demonstrationen vor. Laut Angaben des türkischen Innenministeriums wurden etwa 2.000 Menschen festgenommen. © KEMAL ASLAN/AFP
Als ein Mittel des Widerstands gegen Erdogan setzt die Protestbewegung auch auf Boykottaufrufe.
Als ein Mittel des Widerstands gegen Erdogan setzt die Protestbewegung auch auf Boykottaufrufe. Produkte von Unternehmen, denen eine Nähe zu Erdogan unterstellt wird, sollten nicht mehr gekauft werden, so die Forderung der Opposition. „Stoppt alle Einkäufe! Supermärkte, Online-Shopping, Restaurants, Benzin, Kaffee, Rechnungen, kauft nichts“, sagte Özgür Özel, Vorsitzender der CHP-Partei.  © ADEM ALTAN/AFP
Ist sein Vorgehen neu?
Bislang richtete sich seine Aggression gegen die Studierenden und die Kurden, aber im Gegensatz zu dem, was viele Leute dachten, waren die letzten Wahlen doch recht fair. Die jetzige Situation ist neuartig. Jetzt versucht Erdogan, Wahlen zu verhindern, oder die Ergebnisse schon vor den Wahlen zu sichern. Es geht nicht um eine Manipulation danach, sondern schon davor. Entweder durch Ausschaltung der Opposition oder durch Betrug. Wir wissen es nicht. Aber das Ziel ist, sicherzustellen, dass die nächsten Wahlen nicht so ausgehen, wie es jetzt alle erwarten, sondern so, wie Erdogan es wünscht. Denn er verliert gerade seine Basis und dessen ist er sich bewusst. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hat die Opposition einen glaubwürdigen Führer.

Nahost-Experte über die Zukunft von der Türkei

Erdogan wird wie Putin, die Türkei auch wie Russland?
Nein, denn erstens ist die Türkei offen für die Außenwelt und ist abhängig von ihr. Das Land ist tief in anderen Ländern verwurzelt und international weitgehend vernetzt, was die Wirtschaft angeht. Und die Menschen reisen. Es gibt viele Türken, die in der Diaspora leben. Zudem kommen sehr viele Jugendliche und auch viele Touristen ins Land, also nein, die Türkei wird nicht so wie Russland werden. Es gibt zurzeit viele Neopopulisten wie Orban und Trump. Erdogan hat ihre autokratische Taktik adoptiert, indem er den Führer der Opposition ins Gefängnis werfen lässt. Nun wehren sich die Leute.
Pfefferspray gegen einen Derwisch. In der Türkei geht es um alles.
Und nun gehen sie wie an diesem Samstag auf die Straße. Wie sind ihre Chancen, etwas zu verändern?
Es kommt auf den Grad der Repression an, wie groß der Druck sein wird. Die Menschen sind sehr entschlossen, aber wir wissen nicht, ob es etwas ändern wird. Es hängt auch davon ab, ob Erdogan weiter eskalieren wird. Die Menschen sind entschlossen, weil man seit 25 Jahren eine Modernisierung im Land durchläuft. Viel mehr Leute als früher sind gut ausgebildet und verfügen über eine gute Bildung. Und viel mehr Menschen leben in Städten, das Land verliert hingegen Bewohner. Die anatolische Landbevölkerung, die Mittelklasse ist enttäuscht, von der Politik und der Korruption. Es gibt eine bislang stille Wut der Mittelschicht, sie hat unter Erdogan besonders gelitten, wie der gesamte liberale Teil der Türkei.
Proteste in Istanbul.
Worum geht es in diesem Kampf?
Es geht nicht mehr um den alten Gegensatz zwischen Agrargesellschaft und städtischen Eliten. Es geht jetzt um die Verhinderung freier Wahlen. Bisher waren Wahlen zwar umkämpft, aber im Großen und Ganzen frei. Jetzt erleben wir eine neue Strategie: Oppositionelle werden kriminalisiert, potenzielle Konkurrenten ausgeschaltet, um das Wahlergebnis vorweg zu determinieren. Das Ziel ist eindeutig: Erdogan will den drohenden Machtverlust um jeden Preis abwenden.

Türkei-Experte Olivier Roy: „Die Türkei ist keine geschlossene Gesellschaft.“

Die Türkei ist doch tief in die Weltwirtschaft eingebunden, sagen Sie, die Bevölkerung gut vernetzt, viele reisen ins Ausland. Ist ein autoritäres Regime unter diesen Bedingungen dauerhaft durchsetzbar?
Das ist genau der Punkt. Die Türkei ist keine geschlossene Gesellschaft. Bildung und die zunehmende Urbanisierung haben ein neues Bewusstsein in der Gesellschaft geschaffen. Erdogan hat seine alte Basis verloren. Fast alle haben unter seiner neoliberalen Politik gelitten. Die Korruption, die Arroganz der Macht, der Zynismus nach dem Erdbeben – das alles hat Vertrauen zerstört. Erdogan hat nach dem Erdbeben nicht geliefert. Er hat den Menschen nach dem Beben gesagt, wählt mich und ich werde euch helfen, wählt ihr mich nicht, dann fahrt zur Hölle. Aber er hat nicht geholfen. Was blieb, waren Almosen, nicht Politik. Nur ein paar Familien erhielten Gelder. Erdogan ist aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht am Ende seiner innenpolitischen Kraft, weil die Mittelschicht unter ihm in eine tiefe Krise geraten ist.
Die Massen schreien nach Gesetz, Gleichheit und Gerechtigkeit. Kann ihr Ruf noch erhört werden?
Die Problematik in der Türkei ist, dass das politische System sehr konservativ ist. Die CHP ist keine linke Partei, sie ist ebenfalls sehr konservativ, man kann nicht behaupten, dass sie Kader des ländlichen Liberalismus darstellen und Progressive seien, sie sind nicht etwa sozialdemokratisch, wie gerne gesagt wird. Mit ihrem potenziellen Kandidaten war das Spiel um die Macht offen. Aber wenn man die historischen Parteien zerstört, die die Türkei gegründet haben, dann ist das das Ende der türkischen Republik, das Ende der Demokratie.
Und doch setzt er weiter auf außenpolitisches Prestige?
Ja. Auf der internationalen Ebene ist Erdogan erfolgreich. Machtgesten gegenüber Putin oder im Nahen Osten – all das soll Stärke suggerieren. Doch innenpolitisch verfängt das kaum noch. Seine außenpolitischen Erfolge und seine neo-imperialistische Politik lassen sich nicht in innenpolitisches Kapital umwandeln, wie etwa eine Rückführung der Flüchtlinge aus Syrien, die in der Türkei als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt betrachtet werden. Seine Erfolglosigkeit spiegelt sich in der Verhaftung von Imamoglu. Ihn der Leitung einer kriminellen Organisation zu bezichtigen, ist nichts anderes als der Versuch, die demokratische Alternative zu kriminalisieren.

Nahost-Experte über Erdogans Vorgehen: „Die Angst soll regieren.“

Ist das die Botschaft, die Erdogan senden will: Jeder kann zum Terroristen erklärt werden?
Genau das. Die Angst soll regieren. Seine Botschaft lautet: Jeder kann zum Terroristen erklärt werden. Doch das ist gefährlich kurzsichtig. Denn gerade die Jugend wendet sich ab. Sie ist besser gebildet denn je, sie denkt international. Besonders an den privaten Universitäten formiert sich ein neuer stiller Protest – vergleichbar vielleicht mit einem Mai 1968, nicht politisch, keine ideologische Bewegung, es ist nicht extrem links. Aber es ist eine Jugendbewegung mit einer klaren Abgrenzung gegenüber einem konservativen Establishment, das nicht mehr zuhört.
Wie würden Sie das türkische System derzeit klassifizieren? Ist es eine Autokratie?
Wenn Imamoglu nicht freikommt, wird es eine Autokratie. Noch ist es keine lupenreine Autokratie, weil Reste demokratischer Verfahren bestehen – etwa auf kommunaler Ebene, indem kurdische Politiker zu Bürgermeistern gewählt wurden. Aber die Entwicklung ist eindeutig, jetzt will Erdogan die Ergebnisse vor der Wahl sichern: Der Übergang in ein autoritäres System ist im Gange. Ich glaube, dass Erdogan jetzt einen Schritt zu weit gegangen ist. An den Vorwürfen gegen Imamoglu ist nichts dran. Man kann immer kurdische Führer attackieren, weil sie angeblich Kontakt zur PKK hätten, aber Imamoglu ist kein kurdischer PKK-Typ. Das ist Willkür. Erdogan ist diesmal zu weit gegangen, das war ein Schritt zuviel.
Viele Türken im Ausland wählen Erdogan. Sie leben in Demokratien und wählen mit großer Mehrheit einen Autokraten. Wie erklären Sie sich das?
Es gibt unterschiedliche Gründe dafür. Klientelismus, Zugehörigkeit, ein Gefühl der Ehre. Erdogan ist für sie ein echter politischer Führer, er genießt in Europa Respekt, das macht sie stolz. Er ist der starke Mann, der sich mit Europa anlegt. Für viele in der Diaspora ist das attraktiv – auch, weil sie selbst nicht unter seiner Politik leiden. Er spricht direkt zu ihnen, gibt ihnen das Gefühl, gesehen zu werden. Erdogan hat keinen Erfolg in der Türkei selbst, aber dafür in der Diaspora. Es ist weniger eine rationale Entscheidung als eine emotionale Loyalität – gespeist aus Identität, Stolz und Misstrauen gegenüber dem Westen.
Wann ist Erdogan umgeschwenkt und auf den autoritären Kurs geraten? Manche glauben, es sei die Entscheidung gewesen, dass die Türkei de facto nie ein Mitglied der EU werden kann.
Nein, ich denke nicht, dass Europa der Grund gewesen ist. Viele Leute würden das vielleicht sagen, wenn wir Erdogan genommen hätten, wäre all das nicht passiert. Es ist einfach nicht wahr, dass die Mitgliedschaft in der EU zu einer Demokratisierung und Liberalisierung in Ländern führt. Und vor allem ist es immer weniger wahr. Erdogan war ein charismatischer Führer, extrem populär. Er hat bis 2010 eine erfolgreiche Politik gemacht, in wirtschaftlicher, aber auch sozialer Hinsicht. Dann begannen die Dinge sich zu entwickeln. Es gab eine neue Generation. Der arabische Frühling brach aus. Es kamen die Gezi-Proteste, die Korruption und wirtschaftliche Probleme. Und wenn Sie mich fragen würden, was Europa tun kann, würde ich antworten: Europa kann hier rein gar nichts tun.
Proteste in Istanbul.
Blicken wir in den Nahen Osten, der für die Türkei außenpolitisch zentral ist. Wird sich die Lage stabilisieren?
Also, ganz im Gegenteil, in Syrien wird es noch chaotischer. Viele regionale Akteure – darunter auch die Türkei – haben gar kein Interesse an einem starken, zentralisierten, legitimierten, geeinten und effizienten Staat in Syrien. Chaos nützt ihnen mehr. Die Türkei versucht, die Sicherheitszone im Norden Syriens durch Attacken gegen die Kurden unter ihrer Kontrolle zu sichern, die Kurden haben daher den Schulterschluss mit den neuen Machthabern in Syrien gesucht, weil sie Angst vor dem türkischen Druck haben. Was wir daher gerade erleben, ist ein deutlicher Rückschritt.

Hat der Iran noch eine Rolle im Nahen Osten?

Und wie steht es um den Iran und seine Rolle in Nahost?
Der Iran hat seine strategische Achse verloren, seine schiitische Verbindung über Beirut und Damaskus bis Teheran ist zerbrochen. Er hat die große Schlacht zunächst verloren. Derzeit oszilliert das Regime zwischen Repression und hilflosen Gesten. Die Frauenbewegung etwa wurde brutal unterdrückt. Das Regime spielt auf Zeit – aber sie läuft ihm davon. Teheran bleibt unberechenbar. Solange Chamenei an der Macht ist, sehe ich keine Chance für einen echten Wandel. Nach seinem Tod könnte es eine Richtungsänderung geben, wir wissen nur nicht, in welche Richtung.
Proteste in Istanbul.
Und Israel? Gaza? Wird es eine zweite Nakba, eine Vertreibung des palästinensischen Volkes geben?
Ja, natürlich! Das ist das Ziel von Israel seit dem 7. Oktober 2023. Und es ist in Israel selbst nicht unpopulär. Viele Israelis mögen Netanjahu nicht, einige hassen ihn, aber keineswegs wegen seiner Politik gegenüber den Palästinensern. Sie protestieren wegen seiner Politik gegenüber dem Rechtsstaat wie sie zum Beispiel auch Victor Orban praktiziert. Es ist seine Geisteshaltung, die der von Wladimir Putin, Erdogan und Orban ähnelt. Er befindet sich genau auf der Linie mit den europäischen und amerikanischen Populisten. Man muss sich nur die Einladungen von extremen Rechten auf die Antisemitismus-Konferenz in Jerusalem vor Augen führen. Netanjahu hat völlig freie Hand, was die Palästinenser angeht. Wenn nun einige sagen, dass es keine dumme Idee ist, wenn die Palästinenser Gaza verlassen, zeigt das, dass die Solidarität mit ihnen vollkommen verschwunden ist

US-Amerikanische Außenpolitik - Was will Trump?

Trump erklärte, eine Riviera aus Gaza machen zu wollen.
Israel verfolgt eine Politik des maximalen Drucks. Kein Völkermord im technischen Sinne, aber ein permanenter Zustand der Bedrängnis. Das Leben der palästinensischen Bevölkerung wird in Gaza und im Westjordanland systematisch unmöglich gemacht. Die Hoffnung: Sie mögen irgendwann von selbst gehen. Das ist die zynische Langzeitstrategie der israelischen Rechten. Und auch viele Israelis halten es für keine dumme Idee, den Gaza-Streifen ganz zu räumen, es ist ihnen egal, wenn die Palästinenser gehen würden. Aber wer sollte sie aufnehmen? Keiner will sie, die Jordanier nicht, die Saudis wollen sie nicht. Andererseits ist es ihnen gleichgültig, ob ein anderes Land die Palästinenser aufnehmen würde. Die Politik Netanjahus ist für die Palästinenser eine Politik der Vertreibung, aber kein Genozid. Eher eine Politik der Bedrängnis, die in Gaza und im Westjordanland das Leben für sie unmöglich macht. Für die extreme Rechte ist dies ein Prozess, der bereits 1948 eingesetzt hat, der nun schon 80 Jahre dauert.

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