VonJulian Mayrschließen
Experten haben weiterhin keine Antwort auf die Frage, wann die Bebenserie in Santorin endet. Dafür gibt es Hypothesen, was im schlimmsten Fall passiert.
Santorini – Die Erde im griechischen Mittelmeer bebt unentwegt weiter. Binnen weniger Wochen registrierte das geodynamische Institut in Athen tausende von Erdbeben in der Ägäis. Die griechischen Behörden und Forschende weltweit sind in Alarmbereitschaft. Unter den griechischen Urlaubsinseln schlummern Vulkane, die früher bereits ausgebrochen sind. Und auch die Angst vor einem großen Erdbeben ist weiterhin nicht gebannt.
Fachleute der Forschungsmission mareXtreme zeigen sechs mögliche Szenarien auf, wie sich die Lage im Mittelmeer entwickeln könnte. Was die nächsten Wochen bringen werden, kann derzeit aber nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden. Nur eines scheint sicher: Die Region dürfte ein gefährlicher Hotspot bleiben.
Erdbebenserie bei Santorini: Forschende identifizieren zwei mögliche Ursachen
In der Forschungsgemeinschaft ist man sich noch uneins, wo die Ursachen für die derzeitige Erdbebenserie im Mittelmeer liegen. Ausschließen können Forschende immerhin, was mit großer Wahrscheinlichkeit keinerlei Einfluss auf Erdstöße hat. Skurrilen Theorien um Planeten-Konstellationen erteilten sie eine Abfuhr. Derzeit stehen laut Seismologen, Vulkanologen und Geologen von mareXtreme zwei andere Hypothesen im Vordergrund:
- Die seismische Aktivität rund um Santorini und die Kykladen ist auf tektonische Aktivitäten in den oberen Krusten zurückzuführen.
- Die Erdbeben sind eine Folge von sich bewegendem Magma in der flachen Kruste.
Auch der türkische Seismologe Ovgyun Ahmet Ercan führt die seismologische Aktivität im Mittelmeerraum auf die Bewegung von Magma unter der Inselgruppe zurück. Andere Forschende vermuten den Grund für die Beben hingegen in der Plattentektonik. Wie Experten und Expertinnen des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel und des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung in Potsdam aufzeigen, könnte jedoch auch eine Kombination beider Aktivitäten ursächlich für die Situation in der Ägäis sein.
Vereinzelt bewegen sich nämlich Segmente der ägäischen Erdplatte in der Region um Santorini um nur wenige Millimeter voneinander weg. „Das führt zu einer Dehnung und Ausdünnung der Erdkruste, in etwa so, als ob man einen zähen Teig auseinanderzieht, der dann in der Mitte dünner wird. Dort, wo die Kruste sich dehnt, können Fluide und Magmen aufsteigen.“
Erdbeben in Ägäis reißen nicht ab: Forschungsteam bringt mögliches „Hauptschock-Ereignis“ ins Spiel
Laut den Experten und Expertinnen sei es derzeit jedoch „unmöglich, eindeutig zu bestimmen“, welche der beiden Hypothesen sich für die seismische Aktivität verantwortlich zeichnen. Für beide Fälle hat das Forschungsteam jedoch Szenarien aufgestellt, die im jeweiligen Fall auftreten könnten. Sollten tektonische Aktivitäten die Beben verursachen, eröffnen sich die folgenden drei Szenarien:
- Wie nach dem letzten Schwarmbeben in der Region in den Jahren 2011 und 2012, nimmt die seismische Aktivität langsam ab.
- Befürchtungen, wonach ein starkes Erdbeben bevorstehen könnte, bewahrheiten sich und es kommt zu einem Hauptschock-Ereignis mit etwaigen Nachbeben, selbst Monate nach dem Hauptbeben. Als Folge daraus könnte es unter anderem zu Tsunamis kommen.
- Spannungen in der Tektonik könnten umverteilt werden und zu neuen Verwerfungen führen. „Erdbeben entlang des Streichens oder parallel zum aktuellen Trend in entfernteren Bereichen“ könnten die Folge sein.
Klaus Reicherter, Leiter des Instituts für Neotektonik und Georisiken an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, sieht das Problem in der riesigen Krustendeformation unter der Region. „Die Türkei wird um zirka 25 Millimeter pro Jahr nach Westen, also in die Ägäis hinein, gequetscht, daher gab es dort vor zwei Jahren das starke Beben.“ Dazu kämen noch weitere Platten, die sich unter die Eurasische schieben. „Das Deformationsverhalten in der Region ist schon gewaltig, die Ägäis ist der Georisiken-Hotspot in Europa“, so Reicherter in einer Pressemitteilung.
Magma-Bewegungen als mögliche Ursache für die Erdbeben in Santorini: Drei mögliche Szenarien
Sind die Erdbeben hingegen auf das Aufsteigen von Magma in der Kruste zurückzuführen, zeigen GEOMAR und GFZ ebenfalls drei Szenarien auf. Wie im Falle tektonischer Aktivitäten sprechen die Forschenden zum einen auch bei aufsteigender Magma davon, dass sich die seismischen Aktivitäten allmählich einstellen könnten. Laut dem Forschungsteam „scheint dies derzeit das wahrscheinlichste Szenario zu sein“, zumindest basierend auf den aktuellsten Daten.
Doch auch das Gegenteil könnte eintreten, falls die sogenannten Magmaintrusionen etwa „bereits belastetet Verwerfungen aktivieren“ und dadurch das bisher befürchtete starke Erdbeben auslösen. Ein mögliches drittes Szenario: ein ebenso gefürchteter Vulkanausbruch. Wie das Forschungsteam aufzeigt, muss dieser aber nicht zwingen verheerend sein. „Je nach Lage könnte der Ausbruch von einem ruhigen Lavafluss in tiefen Gewässern bis zu einer explosiven Eruption in flachen Gewässern reichen.“ Dennoch birgt dieses Szenario eine große Gefahr: „Der Kontakt von basaltischem Magma mit entwickelten Vulkansysteme wie Santorini oder Kolumbo könnten eine besonders gefährliche explosive Reaktion auslösen.“
Schon zuvor hatten Experten und Expertinnen über einen Vulkanausbruch als möglichen Folge gesprochen. „Santorini und Kolumbos sind beides aktive Vulkane, die in historischer Zeit ausgebrochen sind. Ein Ausbruch an einem der beiden Vulkane ist daher möglich. Ebenso könnten sich auch neue Eruptionspalten am Meeresboden bilden“, sagte Torsten Dahm, Leiter der Abteilung „Physik von Erdbeben und Vulkanen“ am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung Stiftung zu IPPEN.MEDIA.
550 Erdbeben, flüchtende Urlauber und Angst vor dem Hauptbeben – dramatische Bilder aus Santorini




Katastrophen-Szenario für Santorini: Erdbeben der Stärke 7 wäre 1000-mal stärker als bisherige Beben in Griechenland
Der bekannte Seismologe Ercan zeigte sich im Falle eines solchen Ausbruchs besorgt, auch mit Blick auf angrenzende Mittelmeerländer. Besonders giftige Aschewolken könnten bei ungünstigen Wetterbedingungen unter anderem die Türkei erreichen.
Für Reicherter ist ein Erdbeben hingegen wahrscheinlicher: „Momentan gehen wir eher von einem großen Erdbeben als einem Vulkanausbruch aus“. Die Energie sei durch die bisherigen Beben, die maximal eine Stärke von 5.3 erreichten, noch nicht abgebaut worden. Die Gefahr vor einem stärkeren Beben schätze er deshalb als „sehr real“ ein. Menschen täten gerade deshalb gut daran, Santorini und andere Inseln zu verlassen. Vorhersagen lasse sich ein solches Erdbeben aber nicht.
1956 wurde das Gebiet zuletzt von einem starken Erdbeben der Stärke 7 auf der Richterskala heimgesucht. Wie der Experte aufzeigt, ist ein solches Erdbeben rund tausendmal kraftvoller, als die bisher stärksten Beben der letzten Wochen. Auch bei einem von anderen Experten erwarteten Beben der Stärke 6 könnten etwa Tsunamis die Folge sein. (jm)
Rubriklistenbild: © NurPhoto/Institute of Geodynamics Athen /Imago

