Spanien erlebt den schlimmsten „Kalte Tropfen“ des Jahrhunderts: Berüchtigtes Wetterphänomen schlägt zu
VonMaximilian Kettenbach
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Ein Kaltlufttropfen hat Spanien ins Unwetter-Chaos gestürzt. Es scheint, dass das Wetterphänomen dazu geführt hat, dass die Ausmaße der Unwetter unterschätzt wurden.
Frankfurt – 95 Todesopfer, Tausende in Fahrzeugen eingeschlossene Menschen, dazu unzählige Vermisste (Stand: 31. Oktober, 11 Uhr). Die Befürchtung: Viele weitere Opfer liegen noch unter dem Schlamm. Für viele gab kein Entrinnen.Die Unwetter seit Dienstagabend haben Teile Spaniens ins Chaos gestürzt. Erinnerungen an die Ahrtal-Flut werden wach.
Berüchtigtes Wetterphänomen schlägt in Spanien zu – Valencia-Region besonders getroffen
Besonders betraf es die Provinz Valencia (unsere Karte zeigt, wo genau). Hier gelten weiter orangefarbene Warnungen. Schlimmer sieht es etwas weiter nördlich aus. Der staatliche Wetterdienst Aemet warnt vor „extremer Gefahr“ im Norden der Provinz Castellón. Bis 14 Uhr gilt Alarmstufe rot. Neue Überschwemmungen drohen.
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Brisant: Das Ausmaß der Unwetter überraschte ganz Spanien – auch Meteorologen. Ebenso auf Mallorca. Dort prasselten Regengüsse auf den Küstenort Porto Cristo herunter. So galt für den Samstag (26. Oktober) die zweithöchste Warnstufe Orange, es fielen dann aber nur 45 Liter pro Quadratmeter. In der Nacht zum Montag (28. Oktober) galt die niedrigere Regenwarnung Gelb, mit 174 Litern pro Quadratmeter wurde letzten Endes aber sogar ein neuer Höchstwert für den Oktober aufgestellt.
Der schlimmste „Kalte Tropfen“ des Jahrhunderts
Das Entsetzen ist groß, die Schuldfrage beschäftigt nun Spanien. Die meteorologische Verantwortung dagegen scheint geklärt. Schuld ist das Wetterphänomen Gota fría, zu Deutsch: „Kalter Tropfen“. Es sei „der schlimmste ‚Kalte Tropfen‘, den die Region Valencia in diesem Jahrhundert“ erlebt habe, meldet der Dienst Aemet. Dabei handelt es sich um ein Wetterphänomen, das zwischen September und Oktober häufig in der spanischen Mittelmeer-Region auftritt. Für Wetterfachleute ist der „Kalte Tropfen“ oft nicht als Tiefdruckgebiet erkennbar und gibt so den Modellberechnungen immer noch große Schwierigkeiten auf. Der Gota fría wird mittlerweile auch häufig als DANA-Phänomen bezeichnet.
La primera calificación subjetiva es que esta gota fría es la más adversa del siglo en la Comunitat Valencia, con un impacto y registros superiores a la dana de septiembre de 2019.
Rafael Armengot, Meteorologe aus Valencia, sagt der spanischen El Mundo:„Man muss akzeptieren, dass dieser Wahnsinn weiter passieren wird. Die Natur ist mächtiger als wir. Wir Valencianer kennen das, leben damit. Es ist etwas von jeher. Wir wissen, dass der Fluss Jucar zweimal pro Jahrhundert völlig explodiert.“
Der deutsche Meteorologe Dominik Jung erklärt bei IPPEN.MEDIA: „Das warme Mittelmeer liefert derzeit viel Feuchtigkeit. Die daraus resultierenden Tiefdruckgebiete entladen sich in heftigen Regenfällen.“ Das ungewöhnlich warme Mittelmeer heize die Luftfeuchtigkeit an, was in Kombination mit Tiefdruckgebieten zu starken Regenfällen führe.
Gota fría / DANA: Wetterphänomen trifft Spanien häufiger im Herbst
Gota fría / DANA (depresión aislada en niveles altos; deutsch: isoliertes Höhentief)
Zu Deutsch der „Kalte Tropfen“ oder „Kaltlufttropfen“ hat Spanien und die Region schon häufig getroffen. Laut Wetterdienst Aemet sorgte es bereits 1982, 1987 und im Jahr 2000 für schlimme Überschwemmungen.
In Spanien verursachen Kaltlufttropfen speziell im Herbst immer wieder intensive Niederschläge und Unwetter. Wenn das Mittelmeer noch relativ warm ist und sich ein Höhentief südlich von Spanien befindet, kann viel aufsteigende Feuchtigkeit durch die gegen den Uhrzeigersinn rotierenden Luftmassen über das spanische Festland befördert werden. Die Vorgänge geschehen wohl in einer Höhe von über 5000 Metern.
Genaue Örtlichkeit, Dauer oder Zeitpunkt – also wann, wie stark und wo genau das Phänomen zuschlägt, bleibt für Modellberechnungen weiterhin schwer vorherzusagen.
Quelle: Wikipedia
Anwohnerin von Valencia erlebt dramatische Augenblicke
DANAs Folgen sind gewaltig. Es hatte bereits Tage zuvor dringende Unwetter-Warnungen für die entsprechenden Regionen in Spanien gegeben. Doch waren diese ausreichend? Über die Balearen-Inseln zog die Gewitterzelle weiter in Richtung Festland. Videos zeigen Sturzfluten. Anwohner und Anwohnerinnen sprechen von massiven Zerstörungen. So auch eine Deutsch-Spanierin, die aktuell in Valencia wohnt. Dass es so schnell eskaliert, damit habe man vor Ort nicht gerechnet, sagt sie IPPEN.MEDIA. Am Dienstagabend seien Gewitter und Orkane über Valencia aufgezogen und hätten sich über der Provinz festgefahren.
Chaos, Schlamm und Geröll – nach den schlimmen Unwettern in Teilen Spaniens wird das Ausmaß der Katastrophe mit rund 100 Todesopfern mehr und mehr sichtbar.
„Wir waren in der Stadt am Fenster, um acht Uhr abends und haben zum Himmel geschaut. Es war wie ein Feuerwerk in der Nähe, doch das waren die Blitze. Ganz viele Blitze. Das Gewitter kurz vor Valencia war so brutal. Der ganze Himmel war gelb“, beschreibt sie die Szenen von Dienstagabend.