Afghanische Ortskraft in Pakistan: „Verstecken uns tagsüber im Park“
VonKatja Thorwarth
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In Pakistan leben afghanische Ortskräfte und ihre Familien in Angst. Schiebt man sie ab, könnte das den sicheren Tod bedeuten. Ein Betroffener ist verzweifelt.
Islamabad – Seit Mitte August sind 661 Afghanen festgenommen und 248 bereits nach Afghanistan abgeschoben worden. Die Menschen vor Ort leben in Angst vor den pakistanischen Sicherheitskräften, da diese selbst aus den deutschen Gästehäusern der GIZ solche Afghan:innen verhaften, die eine Aufnahmezusage von Deutschland erhalten haben. Wie geht es den Menschen wirklich? fr.de von IPPEN.MEDIA sprach mit einem Betroffenen. Sein Name wurde für seine Sicherheit und die seiner Familie anonymisiert.
Verbündete, Feinde und Alternativen zum Mullah-Regime im Iran
Ich lebe mit meiner Frau und meinen vier Kindern in Islamabad, Pakistan, in einem der Gästehäuser der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). In Afghanistan war ich lokaler Mitarbeiter bei der Polizeiausbildung bis zum letzten Moment des Falls von Afghanistan. Damals wurden sechs meiner Kollegen von Taliban-Terroristen getötet. Einer auf dem Weg zur Arbeit, ein anderer wurde spät in der Nacht in seinem Haus vor den Augen seiner Kinder getötet.
In Pakistan bedrohte afghanische Ortskraft hat als Polizeiausbilder für Deutschland gearbeitet
Was haben Sie für die Deutschen in Afghanistan gemacht?
Zehn Jahre lang war ich bei der GIZ als Ausbilder beim Zentralen Polizeikommando und anderen verwandten Einheiten. Ich habe Hunderte von Polizisten und Polizistinnen mit Fachbüchern wie „Grundlagen der Polizeiarbeit“, „Militärrecht“, „Gender“, „Frauenrechte in der Gesellschaft“ und „Erste Hilfe“ unterrichtet. Das Projekt diente dem Kapazitäten-Aufbau der Polizei. In jedem Fach habe ich auch Seminare und Schulungen von meinen deutschen Kollegen erhalten, um das Gelernte korrekt anzuwenden.
Welche Erfahrungen machten Sie mit den Taliban noch in Afghanistan?
Vor und nach dem Fall Afghanistans wurde ich mehrfach von Bewaffneten mit dem Tod bedroht. Sie kamen zu meinem Haus, zum Haus meines Bruders und zu mehreren anderen Orten, die ich häufig besuchte. Ich hatte große Angst, denn in dieser Zeit wurden Kollegen von den Taliban brutal erschossen, daher war ich gezwungen, mein Zuhause zu verlassen. Nachdem ich einen Antrag bei der Zentrale der GIZ gestellt hatte, erhielt ich eine Bestätigung und Zustimmung von der Bundesrepublik Deutschland. Trotz zahlreicher Herausforderungen gelang es mir, einen Reisepass zu erhalten.
Ortskraft aus Afghanistan verkaufte gesamten Besitz für Ausreise nach Pakistan
Und dann?
Ich beantragte ein Visum für Pakistan, was aber unmöglich ist, ohne eine hohe Summe Geld zu zahlen. Nach fünf Monaten erhielt ich schließlich Visa für unsere sechsköpfige Familie, indem ich meinen gesamten Besitz verkaufte. Pro Person waren das etwa 2500 Dollar für Pässe, Visa und die Reise zur Unterkunft in das GIZ-Gästehaus in Islamabad.
Haben Sie die Sicherheitsüberprüfungen absolviert?
Nach vier Monaten Wartezeit durfte ich mit allen notwendigen Dokumenten zu einem Vorstellungsgespräch in der deutschen Botschaft erscheinen. Vor einem Jahr habe ich das Sicherheitsgespräch bestanden. Bis jetzt warte ich auf die Einreise, doch hierzu gibt es noch keine Neuigkeiten. Ich stehe vor zahlreichen wirtschaftlichen, sicherheitstechnischen und psychologischen Herausforderungen, insbesondere dem Mangel an Bildung für meine Kinder.
Abschiebung nach Afghanistan würde für Familie den Tod bedeuten
Wie geht es Ihrer Familie in Pakistan? Fühlen Sie sich bedroht?
Ich lebe mit meiner Familie in einem 3,5-Quadratmeter-Zimmer; wir leiden unter psychischen Problemen und leben in Angst, von der Polizei verhaftet und nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Das würde bedeuten, uns den terroristischen Gruppen der Taliban auszuliefern, was unseren Tod und unsere Vernichtung zur Folge hätte – genau das, wovor wir geflohen sind. Die pakistanische Polizei dringt direkt in die Gästehäuser der GIZ ein, schlägt gegen Zimmertüren, schlägt Menschen und erlaubt nicht einmal, Kleidung zum Wechseln mitzunehmen.
Was unternehmen Sie, um eine Abschiebung zu vermeiden?
Die Verhaftungen und Abschiebungen haben bei uns tiefe Besorgnis ausgelöst. Nachts können wir vor Angst nicht schlafen. Wir schließen die Zimmertür von innen ab, lassen den Fernseher und das Licht ausgeschaltet und bewahren sogar unsere Schuhe im Zimmer auf. Wir vermeiden es, laute Geräusche zu machen, damit die Polizei nicht vermutet, dass jemand im Haus ist. An manchen Tagen suchen wir Zuflucht in Parks und Wäldern, nur um nicht gefasst und abgeschoben zu werden.
„Auch wir sind Menschen. Warum werden wir offen in den Tod geschickt?“
Was erwarten Sie von der deutschen Regierung?
Die deutsche Regierung muss sich der Methoden der Polizei in Islamabad und den harten Behandlungen auch von Frauen und Kindern bewusst sein. Warum sollen wir warten, bis die Polizei uns holt? Warum übernimmt niemand Verantwortung? Kinder leiden, und ältere Menschen mit Herz- und Gesundheitsproblemen stehen unter starkem Druck. Ich habe mich kürzlich sehr darüber gefreut, dass in Deutschland Alarmsirenen, Warnsysteme und mobile Warnmeldungen modernisiert wurden, um das Leben der Menschen zu schützen. Auch wir sind Menschen. Warum werden wir offen in den Tod geschickt?
Ehemalige afghanische Ortskraft in Pakistan: „Bitte schweigen Sie nicht, ohne etwas zu unternehmen“
Was kann unternommen werden aus Ihrer Sicht?
Bitte schweigen Sie nicht, ohne etwas zu unternehmen. Dies ist nicht nur meine persönliche Bitte, sondern spiegelt die Situation aller hier wider. Bitte stellen Sie sich unsere Lage vor. Wir sind nach Pakistan gekommen, weil Deutschland uns Hoffnung gegeben hat. Wir vertrauten darauf, dass die deutsche Regierung uns Sicherheit geben würde. Stattdessen sind wir enttäuscht und fühlen uns in dieser Situation sehr unsicher und extrem hoffnungslos. Ich habe mein gesamtes Vermögen für diese Hoffnung verloren. Jetzt habe ich nichts mehr. Als Vater von vier Kindern, angesichts all dieser Bedrohungen durch terroristische Gruppen, wo kann ich in Afghanistan Zuflucht finden? Was soll ich tun? (ktho)