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Der Wagner-Gruppe fehlt seit ihrer Rebellion die Finanzierung durch Moskau. Kam zudem nun ihr Chef Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben?
Update vom 23. August, 22.30 Uhr: In Russland hat sich ein Flugzeugabsturz ereignet. Auf der Passagierliste stand laut übereinstimmenden Berichten auch der Name des Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin. Die Hinweise für den tatsächlichen Tod des 62-Jährigen verdichten sich mittlerweile. So sollen sich der Wagner-Boss und sein Stellvertreter Utkin definitiv an Bord der abgestürzten Maschine befunden haben. Das sollen russische Behörden erstmals bestätigt haben, berichtet unter anderem die Tagesschau: Die aktuellen Entwicklungen zu Prigoschins angeblichem Tod und dem Flugzeugabsturz in Russland im News-Ticker.
Erstmeldung vom 22. August, 9.00 Uhr: Grodno – Nach dem kurzen Aufstand im Juni war die Wagner-Gruppe nach Belarus verbannt worden. Es schien zunächst, als wären die Kämpfer gekommen, um zu bleiben. Tausende Söldner waren in Belarus stationiert: Etwa 4000 in der Stadt Grodno, nahe der der polnisch-litauischen Landesgrenze, weitere Tausend sollten in Kürze in ein Camp nahe der ukrainischen Grenze ziehen. Doch nun verlassen die Wagner-Söldner Belarus in Scharen. Welches Kalkül steckt dahinter?
Tausend Wagner-Söldner sollen Belraus wieder verlassen haben
Polen, Lettland und Litauen zeigten sich zuletzt aufgrund der Wagner-Präsenz alarmiert und verstärkten die Grenzen. Die an Belarus grenzenden Nato-Länder befürchteten „subversive Aktivitäten“ im Ukraine-Krieg. Etwa Söldner, die als Migranten getarnt illegal über die Grenzen kommen. Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin schreckte offenbar nicht einmal davor zurück, in Nato-Ländern neues Personal zu suchen: Aus Polen und Litauen waren entsprechende Rekrutierungsaktionen der Gruppe gemeldet geworden.
Parallel dazu gibt es offenbar eine neue Entwicklung: Die Zahl der Wagner-Söldner in Belarus sinkt. Von ursprünglich 5800 seien nur noch 4400 Kämpfer dort stationiert, wie das Nationale Widerstandszentrum der Ukraine am Samstag (19. August) berichtete. Grund sei die fehlende Finanzierung durch Russland: Nach dem Aufstand der Söldnergruppe im Juni hatte der russische Präsident Wladimir Putin die finanzielle Förderung wohl gekappt, so britische Geheimdienstinformationen. Die Einkünfte der Söldner sanken infolgedessen offenbar merklich – und ihre Unzufriedenheit stieg. Das ist derzeit nicht Prigoschins einziges Problem.
Wagner-Soldaten gehen wegen geringem Verdienst offenbar nach Afrika – oder in den Urlaub
Einige Wagner-Kämpfer hätten einen neuen Vertrag unterzeichnet und würden nun in afrikanischen Ländern tätig werden, berichtet das ukrainische Widerstandszentrum. Andere Söldner fuhren in den Urlaub – planten aber, wieder zur Truppe zurückzukehren. Auch die Ausbilder seien nicht mit der Vergütung zufrieden, weshalb die meisten keinen längeren Aufenthalt in Belarus planen würden, hieß es. Die Finanzierungsprobleme könnten dauerhaft auf eine Verkleinerung oder eine Umstrukturierung der Privatarmee hinauslaufen, analysierte der britische Geheimdienst kürzlich.
Zuletzt hatte es auch zunehmend Spannungen innerhalb der Wagner-Führung gegeben. „Die Bemühungen des Kreml [...] Wagner aufzulösen, sind teilweise erfolgreich“, hieß es von der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW). Um dem entgegenzuwirken, plant Priogschin jüngsten ISW-Berichten zufolge, seine Söldnergruppe in Afrika wieder zu etablieren. Beobachtern zufolge sei dies entscheidend für das Überleben der Privatarmee. Laut ISW plane etwa die nigrische Junta die Wagner-Gruppe einzusetzen, um die Sicherheit in der Hauptstadt Niamey zu erhöhen. Auch in Mali ist die Wagner-Gruppe aktiv.
Wagner-Gruppe könnte sich unbestätigten Berichten zufolge dauerhaft aus Belarus zurückziehen
Bislang unbestätigten Berichten zufolge könnte die Fokussierung auf Afrika auf einen dauerhaften Abzug der Truppe aus Belarus hinauslaufen. „Offiziell heißt es, dass die Kämpfer in den Urlaub geschickt werden. Niemand spricht jedoch von einer Rückkehr nach Belarus“, hieß es etwa auf dem russischen Telegram-Kanal VchK-OGPU. Hunderte Kämpfer seien bereits Anfang des Monats mit Bussen nach Woronesch, Rostow und Krasnodar gebracht worden, berichtete Daily Beast. Grund sei schlicht das Geld. „Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich um Söldner handelt, die keine ideologischen Anhänger Putins, Prigoschins oder Lukaschenkos sind“, so die belarussische Oppositionsführerin Sviatlana Tsikhanouskaya zu Daily Beast.
Prigoschin hat Probleme, doch aus Sicht der ISW-Kriegsexperten könnte es sich auch um eine Informationskampagne des russischen Staates handeln, die das Ausmaß des Überlebenskampfes der Privatarmee übertreibe. Moskau will nun offenbar andere private Militärfirmen nach Afrika schicken, um die in Ungnade gefallene Wagner-Gruppe dort zu ersetzen. Der Kreml droht Ländern laut ISW sogar, wenn sie ihre Beziehungen zu Wagner nicht beenden. Das Verteidigungsministerium von Russland habe etwa Burkina Faso ein Ultimatum gestellt.
Sollte es Prigoschin gelingen, vor dem russischen Verteidigungsministerium Verträge in Afrika abzuschließen und Personal dorthin zu entsenden, könnte die Söldnertruppe unabhängig auf dem Kontinent operieren und ihr Überleben sei damit zunächst gesichert, so das ISW. Schlechte Nachrichten für Wladimir Putin, der die Privatarmee in Belarus über seinen Vertrauten, den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, leichter kontrollieren konnte. Die Nato-Länder Polen, Litauen und Lettland hingegen würde ein Abzug der Wagner-Schergen freuen. (beme)
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