- VonBettina Menzelschließen
4.000 Wagner-Söldner sind nahe der Suwalki-Lücke in Belarus stationiert. Die Nato-Länder Polen und Litauen planen Grenzschließungen. Doch reicht das aus?
Suwalki – Die etwa 100 Kilometer lange Suwalki-Lücke verläuft an der Landesgrenze von Litauen und Polen und gilt als die Achillesferse der Nato. Warschau und Vilnius zeigen sich angesichts der Spannungen mit dem angrenzenden Belarus und den dort stationierten 4.000 russischen Wagner-Söldnern alarmiert. Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und Litauens Staatschef Gitanas Nauseda kündigten auf einem Dringlichkeitstreffen am Donnerstag (3. August) einen stärkeren Schutz ihrer Grenzen an. Welchen Plan könnte Moskau mit den Provokationen verfolgen?
4.000 Wagner-Söldner bereits nahe Suwalki-Lücke stationiert – weitere 10.000 könnten folgen
Im Falle einer militärischen Konfrontation zwischen Russland und der Nato halten westliche Militärexperten die Suwalki-Lücke schon seit langem für einen strategischen Angriffspunkt Moskaus und damit einen potenziellen Krisenherd. Für die baltischen Staaten ist es die einzige Landesverbindung mit Polen – und damit auch zur Nato.
Seit die drei baltischen Staaten 2004 der Nato beitraten, stellt die Suwalki-Lücke die Achillesferse des westlichen Verteidigungsbündnisses dar.
Rund 4.000 Wagner-Söldner befinden sich derzeit in der Nähe der belarussischen Stadt Grodno, die nur wenige Kilometer vor der polnisch-litauischen Landesgrenze liegt. Es sei geplant, noch 10.000 weitere Wagner-Söldner dort zu stationieren, sagte Litauens Regierungschef einem Bericht von Euronews zufolge. Die Lage ist angespannt, denn es gibt die Befürchtung, dass Söldner der Privatarmee als Migranten getarnt illegal die Grenzen überqueren könnten. Der stellvertretende polnische Außenminister Paweł Jabłoński sagte am Freitag in einem Interview mit CNN, die Wagner-Bedrohung sei „sehr real.“ Wagner-Truppen hätten bereits versucht, polnisches Territorium anzugreifen.
Weitere Provokationen in der Region: Dieses Ziel verfolgt Moskau laut Experten
Am Dienstag hatten zwei belarussische Militärhubschrauber zudem kurzzeitig den polnischen Luftraum verletzt. „Diese Provokationen werden sich wiederholen, daran habe ich keinen Zweifel“, glaubt Morawiecki. „Eines ist völlig klar: Es wäre für Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko eine zu große Versuchung, ihre Anwesenheit in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht für mögliche Provokationen gegen Nato-Staaten zu nutzen“, so Nauseda laut dpa. Für weitere Anspannung in der Region hatte auch Putins Ankündigung im März gesorgt, die Stationierung russischer Atomwaffen in Belarus zu planen. In Kaliningrad provozierte Russland im vergangenen Jahr mit Militärmanövern und hält in der russischen Exklave auch atomwaffenfähige Iskander-Raketen vor.
Militärexperten von Defense Express halten einen Kampfeinsatz der Wagner-Truppen in vollem Umfang für unwahrscheinlich. „Es entspricht dem Stil des Kremls, die Situation allmählich eskalieren zu lassen“, hieß es in einem Bericht vom Freitag. Der Suwalki-Korridor sei aufgrund der Wälder der perfekte Ort für Kommandotrupps. Damit werden gemeinhin Guerilla-Aktionen bezeichnet, bei denen feindliche Kräfte einen Ort angreifen, um Verwirrung zu stiften und sich im Anschluss wieder auf eine vorher gehaltene Position zurückziehen.
Das Ziel des Kremls liege auf der Hand: Die Ressourcen der Nato sollen zur Verteidigung der eigenen Grenzen umgeleitet werden – genau das versuche Russland an der Suwalki-Lücke nun zu erreichen. Mit Angriffen auf die Nato-Länder Litauen und Polen sei aber „wohl nicht zu rechnen“, meint indes Osteuropa-Experte Klaus Gestwa im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. „Das wäre für Wagner und Belarus viel zu riskant.“
Wagner-Söldner als Kommandotrupps? Litauen und Polen planen Grenzschließungen
Als Reaktion auf die Anwesenheit tausender Wagner-Söldner im Nachbarland, schloss Litauens Präsident Nauseda nicht aus, dass die Anrainer-Staaten Polen, Litauen und Lettland koordiniert ihre Grenze zu Belarus schließen könnten. Vilnius kündigte bereits an, zwei seiner sechs Grenzübergänge zum Nachbarland zu schließen. „Wenn wir die Zahl der Durchreisenden reduzieren, verringern wir auch die Bedrohungen“, sagte der stellvertretende Grenzschutz-Chef Saulius Nekracevicius. „Ich habe keinen Zweifel, dass die Aktionen, die Wagner durchführt, eigentlich vom russischen Staat gesteuert werden“, betonte der polnische Präsident Andrzej am Freitag.
Polen hatte nach dem Eindringen der belarussischen Hubschrauber in den Luftraum die Überwachung an der Ostgrenze verstärkt. „Wenn es gerechtfertigt ist, werden die Soldaten von ihren Waffen Gebrauch machen“, warnte Duda. Bislang waren in Polen etwa 10.500 und in Litauen etwa 1.600 Soldaten der Nato stationiert. Ende Juni war bekannt geworden, dass Deutschland künftig eine 4.000 Soldaten starke Kampftruppe dauerhaft in Litauen aufstellen will, um die Nato-Ostflanke zu stärken. Warschau hatte im Juli mit der Verlegung von mehr als 1000 zusätzlichen Soldaten und etwa 200 Militärfahrzeuge an seine östliche Grenze zu Belarus begonnen (bme mit dpa).