Air Defender: Wo könnten Flugausfälle drohen? Und wann?
VonNils Bothmann
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Die Luftoperationsübung Air Defender 2023 könnte massive Auswirkungen auf den Reiseverkehr haben. Wo und wann Flugausfälle drohen können.
Köln – Auf dem Weg in den lang ersehnten Traumurlaub am Flughafen stehen und erfahren, dass der Flug gestrichen wurde. Ein Horrorszenario für Reisende. Aber eines, das im schlimmsten Fall eintreten kann, wenn vom 12. bis zum 23. Juni Air Defender 2023 stattfindet. Das riesige Kampfjet-Manöver wird unter der Federführung der Bundeswehr durchgeführt. Für das Manöver, an dem rund 240 Flugzeuge, 25 Länder und bis zu 10.000 Soldatinnen und Soldaten beteiligt sind, könnte nämlich Einschränkungen für den Reiseverkehr nach sich ziehen. Im knapp zwei Wochen währenden Zeitraum des Manövers sind drei Übungskorridore im Norden, Osten und Süden Deutschlands eingerichtet, in denen zu bestimmten Uhrzeiten Flugverbote herrschen.
Wann welche Lufträume für Air Defender gesperrt sind
Die Flugverbote beziehen sich auf jede Form der zivilen Luftfahrt. Auch Drohnen dürfen dort nicht fliegen. Jedes Übungsfenster dauert vier Stunden, es wird nicht zeitgleich in den Übungskorridoren geflogen. Die Trainingsmissionen beginnen frühestens um 10 Uhr und enden spätestens um 20 Uhr. Daher sind keine Nachtflüge eingeplant und auch am Wochenende (17./18. Juni) werden keine Übungen durchgeführt. Eine Auflistung der Luftwaffe führt aus, wo sich die Übungskorridore befinden und wann dort Flugverbote herrschen.
Übungsluftraum Nord
Gebiet: große Teile von Schleswig-Holstein, Nord- und Westniedersachsen, Norden von NRW (nördlich von Münster), Teile der Nordsee
Flughöhe (über dem Meeresspiegel): Je nach Region zwischen Flight Level 080 (circa 2.438 Meter) und Flight Level 660 (circa 18.470 Meter)
Zeitraum: Vom 12. Juni bis zum 16. Juni: 16 Uhr bis 20 Uhr; 19. Juni bis 23. Juni: 16 bis 20 Uhr
Übungsluftraum Süd
Gebiet: Saarland, Süden von Rheinland-Pfalz, Teile von Baden-Württemberg und Bayern
Flughöhe (über dem Meeresspiegel): Je nach Region zwischen Flight Level 100 (circa 2.900 Meter) und Flight Level 660 (circa 18.470 Meter)
Zeitraum: Vom 12. Juni bis zum 16. Juni: 13 Uhr bis 17 Uhr; 19. Juni bis 23. Juni: 13 bis 17 Uhr
Übungsluftraum Ost
Gebiet: Teile der Ostsee, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, und Sachsen
Flughöhe (über dem Meeresspiegel): Je nach Region zwischen Flight Level 100 (circa 2.900 Meter) und Flight Level 660 (circa 18.470 Meter)
Zeitraum: Vom 12. Juni bis zum 16. Juni: 10 Uhr bis 14 Uhr; 19. Juni bis 23. Juni: 10 bis 14 Uhr
Im Norden muss also in beiden Wochen in der Zeit von 16 bis 20 Uhr mit Flugverboten gerechnet werden, die in erster Linie Routen in den Norden und den Nordwesten betreffen. Ebenfalls nachmittags, zwischen 13 und 17 Uhr, kommt es im Übungsluftraum Süd zu Sperrungen, die sich vor allem auf Flüge in südlicher und südwestlicher Richtung auswirken. Vormittags hingegen ist der östliche Übungskorridor für den zivilen Luftverkehr tabu; zwischen 10 und 14 Uhr werden primär Reisen mit östlicher und nordöstlicher Flugroute unmöglich sein.
Air Defender 2023 hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf den Luftverkehr
Wer also zwischen dem 12. und dem 23. Juni unter der Woche einen Flug antritt, könnte unmittelbar von den Flugverboten betroffen sein, gerade wenn die Route durch Süddeutschland, den Nordwesten oder den Nordosten Deutschlands führt. Auf den jeweiligen Strecken zwischen Deutschland und Estland bzw. Deutschland und Rumänien kann es in den Morgen- und Abendstunden ebenfalls voller am Himmel werden, da die Flugzeuge dieser NATO-Partner täglich zwischen ihrer Heimat und dem Übungsgebiet pendeln. Die Militärflugzeuge anderer Partnerländer werden für die Dauer des Manövers in Deutschland stationiert. An dem Manöver nehmen neben dem Beitrittskandidaten Schweden und dem „Partner Across the Globe“ Japan fast alle Bündnispartner teil; nur wenige NATO-Mitglieder fehlen.
►Nicht-NATO-Mitglieder: Japan (enger Partner der NATO), Schweden (NATO-Mitgliedschaft beantragt)
Zu den unmittelbaren Auswirkungen kommen jedoch indirekte Folgen. Wenn sich Maschinen mit Tagesstart verspäten, dann wirkt sich dies auch auf nachfolgende Flüge aus. Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) befürchtet unter anderem aus diesem Grund massive Ausfälle im zivilen Luftverkehr, etwa weil benötigte Maschinen nicht rechtzeitig am Zielort ankommen und daher am nächsten Tag nicht fristgerecht zur Verfügung stehen. Einige Flughäfen erlassen bereits Sonderregelungen, um Verspätungen und Ausfälle entgegenwirken zu können. Am Flughafen Frankfurt beispielsweise wurde das Nachtflugverbot gelockert, um nach Genehmigung auch Spätstarts nach 23 Uhr zu ermöglichen. Auch am Flughafen Düsseldorf könnte es ähnliche Maßnahmen wegen Air Defender geben.
Tornado, Eurofighter, F16: Fotos zur Kampfjet-Übung „Air Defender“
Luftwaffe und Fluglotsen uneinig über Auswirkungen von Air Defender
Strittig ist allerdings, wie groß die Auswirkungen der Übung sein werden. Die Luftwaffe geht von keinen Flugausfällen aus, rechnet „höchstens mit Verzögerungen“. Generalleutnant Ingo Gerhartz, Inspekteur der Luftwaffe, erwartet ebenfalls geringe Einschränkungen durch Air Defender 2023, wie er bei einem Pressetermin zu Protokoll gab. Die Fluglotsen hingegen widersprechen stark und gehen von bis 50.000 Verspätungsminuten pro Tag aus. Interessantes Detail: Sowohl die Luftwaffe als auch die GdF beziehen sich auf Simulationen, die von der internationalen Luftsicherheitsorganisation Eurocontrol durchgeführt wurden.
Reisende sollten mögliche Flugverbote und temporär gesperrte Routen bei der Planung berücksichtigen und sich für Notfälle einen Plan B zurechtlegen. Im Falle einer Flugstreichung besitzen diese nämlich Rechte, über die sie Bescheid wissen sollten, darunter die Erstattung des Ticketpreises oder die anderweitige Beförderung zum Zielort. Der Traumurlaub muss also nicht direkt platzen, aber Reisende müssen sich auf den Fall der Fälle zumindest vorbereiten. (nbo) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.